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Christi Himmelfahrt: Musik der Engel

Die beiden großen Komponisten Johann Sebastian Bach und Olivier Messiaen vertonten das Himmelfahrtsgeschehen und schufen unvergleichliche, musikalische Theologie.

Das Fest Christi Himmelfahrt ändert sich in der säkularisierten und postmodernen Gesellschaft zu einem Ausflugs- oder Vatertag   wohingegen die biblischen Berichte der Auffahrt, die sich in das Ereignis von Ostern und Pfingsten einschreiben, verblassen. Die Schwierigkeit, den biblischen wie spirituellen Gehalt des Berichtes und des Festes zu verstehen, kennt die Theologie seit langem. Rationalistische wie existenzielle Ansätze, wie zum Beispiel das Programm der Entmythologisierung, begleiten die neuzeitliche Theologie. 

Musikalische Hinführungen zu Betrachtung und Gebet

Neben der biblischen wie theologischen Deutungstradition kennt die geistliche und liturgische Praxis der Kirche aber auch die musikalische. In klassischer Diktion komponierte Johann Sebastian Bach (1685-1750) Kantaten zum Fest (zum Beispiel „Gott führet auf mit Jauchzen“ (BWV 43), „Auf Christi Himmelfahrt allein“ (BWV 128)) oder das Himmelfahrtsoratorium (BWV 11). Der Komponist verbindet in diesen Stücken gekonnt Abschiedsschmerz, Freude, Hoffnung und eschatologische Verheissung. Auffällig in den genannten Kompositionen ist eine gewisse Parallelisierung zwischen dem himmlischen Jubel der Engel im Weihnachtsoratorium, die in der Aufforderung an die Gläubigen gipfelt „Jauchzet“ und in den Kompositionen zur Auffahrt eine Antwort erhält: „Lobet Gott in seinen Reichen, Preiset ihn in seinen Ehren   Sucht sein Lob recht zu vergleichen, wenn ihr mit gesamten Chören Ihm ein Lied zu Ehren macht!“

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Bachs Musik zur Auffahrt Christi lädt zu einer sinnlichen und ästhetischen Betrachtung des Festes ein. Die musikalische Leseart der biblischen Berichte zur Auffahrt Christi kennt in der Moderne eine weitere musikalische Schöpfung. Die Komposition „Ascension - Quatre méditations symphoniques pour orchestre/Christi Himmelfahrt: Vier symphonische Meditationen für Orchester“ von Olivier Messiaen (1908-1992) wiederum wurde im Jahr 1935 aufgeführt. Dieses Werk, das aus vier Sätzen besteht, wurde nur einige Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs komponiert. Messiaen stellt allen Sätzen biblische und geistliche Motive voran  so beispielsweise „Majestät Christi, der seinen Vater um Verherrlichung bittet: Vater, die Stunde ist da, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche“ (Joh 17) oder „Alleluja auf der Trompete, Alleluja auf der Zimbel: Aufgefahren ist Gott beim Schall der Trompete / Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jubelt Gott zu mit lautem Jauchzen“ (Ps 47).

Übersinnlicher triumphaler Hymnus

Beim ersten Satz  - Messiaen gibt als Anweisung, ihn langsam und majestätisch zu spielen -  handelt es sich um einen Blechbläserchoral. Das Trompetensolo erhebt sich singend und wird von breiten Dominantakkorden begleitet. Der zweite Satz orientiert sich in seiner Struktur an gregorianischen Chorälen und Hymnen: In den Stimmen der Soloholzbläser wird das Thema melodisch entwickelt und von Vorschlags- und Orgelpunktfragmenten begleitet. Nach dem Englischhorn, der Oboe und der Klarinette intoniert das Bläserensemble ein Alleluja, worüber sich ein transparenter Schleier aus Trillern und Akkorden legt, die von Streichern gespielt werden. Ein fröhlicher 3/8-Takt prägt wiederum den dritten Satz, bei dem wieder die Vorschlagsfragmente zu hören sind.

Nach einem langen Crescendo erklingt das den Satz bestimmende Thema mit einem Fortissimo. Das „Alleluia sur trompette“ klingt wie ein übersinnlicher triumphaler Hymnus der Engel, der von Trompeten und Hörnern erwartungsvoll und majestätisch angekündigt wird. Der vierte und längste Satz, welcher langsam, bewegt und feierlich gespielt werden soll, führt in den göttlichen Heilsplan: Er entwickelt sich intensiv aus einer heiteren Phase in den Streichern, die stetig empor schreiten und immer höher schweben, um endlich in einen einfachen Septakkord zu münden, der kein Ende zu haben scheint. Die Einbildungskraft der Zuhörenden wird im vierten Satz von den Streichern geleitet, die ohne Kontrabass spielen und die musikalische Fantasie zum Gebet führen wollen. 

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Der symphonische Satz versteht sich als Meditation im eigentlichen Sinn: das Hinhören und Sehen in die Schau des göttlichen Heilplans. Olivier Messiaen gibt allen vier Sätzen eine erklärende Bedeutung: Den ersten und vierten Satz bezieht er auf das hohepriesterliche Gebet im Johannesevangelium. Die Erhöhung Christi, die am Kreuz begann und in der Auferstehung fortgesetzt wird, wird erst am Tag der Himmelfahrt vollendet. Diese Verherrlichung, um die Christus am Ende des Abendmahls bittet, ist bereits durch die hypostatische Union von Gott und Mensch in der Person Jesu Christi vereinigt. In der augustinischen Tradition stehend wird der dritte Satz in seiner christologischen Deutung durch ein Wort der Psalmen erklärt: Psalm 47 kann als Vorausdeutung der Himmelfahrt Christi gelesen werden. 

Als die Engel vor Freude zu tanzen beginnen

Nach einer langen Durchführung des Trompetenthemas und seiner Vergrößerung im Fortissimo verwandelt sich der himmlische Beifall der Engel in einen Freudentanz. Der Modus dieses Tanzes spiegelt sich in den Farben Rot, Violett und einem violetten Purpur   Farben musikalisch zu sehen, kennzeichnet Kompositionen des französischen Musikers! Der zweite Satz dagegen spricht mit der Zitation eines Gebets aus der Tagzeitenliturgie vom liturgischen, theologischen sowie spirituellen Gehalt des Festes. Es handelt sich dabei um den fröhlichen Gesang eines Allelujas einer Seele, die nach dem Himmel verlangt. Diese Verheißung wird durch den christologischen Fokus des vierten Satzes eingelöst: Christi Himmelfahrt besagt durch Jesus Christus das Ganze und endgültige Ankommen eines Menschen in der Verheißung Gottes. 

Hierin spiegelt sich der theologische Sinn des Himmelfahrtsberichts der Apostelgeschichte: Die Himmelfahrt ist demnach kein meteorologisches Phänomen, sondern der biblische Ausdruck für die göttliche Präsenz in der Immanenz. Das Gebet, das Jesus dem Johannesevangelium nach beim Abendmahl spricht, hebt die Koordinaten von Raum und Zeit auf. Dies wird am Fest der Himmelfahrt wiederholt und fasst alles Feierliche dieses Scheidens von der Erde zusammen. Messiaen thematisiert das Phänomen der Zeit in seinem musikalischen Schaffen: Er liebt die Zeit, weil sie Anfang aller Schöpfung ist. Die Zeit setzt die Veränderung und die Bewegung voraus. Die Zeitdauer beschreibt er als die Verbindung zwischen Bewegung und Veränderung. Die Ewigkeit kann nur durch den Gegensatz zur Zeit verstanden werden.

Eine Einladung an suchende Menschen

Der Komponist ist in der Lage, die Zeit durch Tempoveränderungen zu beeinflussen, wie die Zeit durch den Rhythmus eingeteilt wird. Die schwierige Definition des Rhythmus erklärt Messiaen folgendermaßen: Die Musik bestehe aus Tönen, Intensitäten, Tonarten, vor allem aber aus Zeit, aus Unterteilungen der Zeit, aus Zahlen und Dauern. Der Rhythmus besage hier Wechsel von Zahl und Dauer und stelle eine Unterteilung dar, die sich an den Bewegungen der Natur als freie und ungleiche Zeiteinheit inspiriere. So postuliert Olivier Messiaen in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Praemium Erasmianum im Jahr 1971 in Amsterdam: „Die Zeit sollte der Freund aller Musiker sein.“

Die Musik hilft, das Christusereignis als Ereignis in der Zeit zu verstehen, welches sich in der Auferstehung und Auffahrt vollendet. Der Gedanke einer „inneren Geschichtlichkeit der verklärten Existenz“ kann durch die Komposition „L'Ascension“ versinnbildlicht werden, allerdings in einer eigenen, dem begrifflichen Diskurs der Theologie nicht konkurrierenden Sinn, gelesen werden - eine Einladung an unmusikalische, suchende oder zweifelnde Menschen den biblischen Bericht als eine „Partitur“ (Hans Zender) zu lesen. Was will dieser Vergleich besagen, warum kann die musikalische Vorlage einer Partitur mit einer geistlichen Bibellektüre verglichen werden? Eine Partitur, so führt der Komponist seinen Vergleich aus, verstehe sich nicht als die Beschreibung eines Sachverhaltes, sondern als eine Aktionsanweisung, die unter den sich ständig ändernden Bedingungen immer wieder neu realisiert werden muss. Ist der Impuls der Auffahrt Christi, mit dem Himmel und Erde verbunden werden, nicht die Aufforderung trotz aller Widrigkeiten der Welt, im hier und heute seine Nachfolge zu leben? Trotz Erfahrung des Abschiedes, des Schmerzes zu wissen, dass der Glaube Anteil an der Macht des Geistes Gottes in der Welt gibt?  

Wenn Musik den Glauben stärkt

Lukas beschreibt als einziger das Aufgenommenwerden Jesu in die Herrlichkeit Gottes prozessual   als einen Weg, der Raum und Zeit in die göttliche Dimension hineinholt und in Gott geborgen sein lässt, um so die Fülle der Zeiten herauszuführen und in sich alles zu vereinen (vgl. Eph 1,10). Durch die musikalische Umsetzung Messiaens kann diese Glaubensaussage versinnbildlicht werden und die menschliche Einbildungskraft für den Glauben aktiviert und inspiriert, um somit menschliches Fühlen, Denken und Handeln von dieser Glaubenswahrheit berühren zu lassen, in den Worten des Komponisten von der Freude des Glaubens und Hoffens geblendet zu sein. 

„All dies Geblendetsein“, so Messiaen, „ist eine große Lektion. Es zeigt uns, dass Gott jenseits von Worten, Gedanken und Konzepten ist, jenseits von unserer Erde und unserer Sonne, jenseits der Tausende von Sternen, die uns umgeben, jenseits und außerhalb von Zeit und Raum, von allen Dingen, die wie aufgehängt sind, an Ihm. Er allein kennt sich durch sein Wort, Fleisch geworden in Jesus Christus.“  Die musikalische Malerei und die farbige Musik, die Klangfarbe des Jubels der Engel im Himmel, laden alle zum Loben ein: „Überwältigt durch das Licht, sollen Gläubige in den himmlischen Lobpreis der Engel des Gloria einstimmen, der zu Gott und zu Christus singt und sagt:  Du bist allein heilig, du bist allein der Höchste  in unerreichten Höhen

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Wolfgang W. Müller Christi Himmelfahrt Jesus Christus Johann Sebastian Bach Johannesevangelium Weihnachtsoratorien

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