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100 Jahre Frankfurter Schule: Mehr als „religiös unmusikalisch“

Von Horkheimer bis Habermas: Die Frankfurter Schule war auch gegenüber sich selbst kritisch – und thematisierte sogar die religiöse Frage nach Transzendenz.
Theodor W. Adorno Graffiti am Campus der Frankfurter Bockenheim-Universität
Foto: IMAGO/xWireStockx (www.imago-images.de) | Ein Graffiti am Campus der Frankfurter Bockenheim-Universität zeigt den Mitbegründer der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno.

Gegründet in den Jahren 1923/24 von jüdischen Industriellen und Intellektuellen, die von der Philosophie Hegels und den Sozialanalysen Marx‘ und Freuds geprägt waren, steht das Frankfurter Institut für Sozialforschung seither nach eigener Definition „für eine kritische Theorie der Gesellschaft, die den herrschenden sozialen Verhältnissen den Spiegel ihrer uneingelösten Möglichkeiten vorhält. Es begreift sich als ein Ort kooperativer, öffentlicher und intervenierender Gesellschaftswissenschaft“. 

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Erster Direktor des Instituts war Max Horkheimer (1895-1973), der mit Theodor W. Adorno 1944 im US-amerikanischen Exil das philosophische Jahrhundertbuch „Dialektik der Aufklärung“ verfasste: Während die „Dialektik der Aufklärung“, auf die sich auch Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Spe Salvi“ (2007) bezog, mit ihrer Betonung der Ambivalenz der Aufklärung aktuell geblieben ist, mutet angesichts des Aufstiegs digitaler künstlicher Intelligenz Horkheimers „Kritik der instrumentellen Vernunft“ (Eclipse of Reason,1947) und die darin ausgedrückte Furcht vor einer kalten, „verwalteten Welt“ als Buch der Stunde an.

Einfluss auf internationale 68er-Bewegung

Erst in den 1960er Jahren kam für diese Denkrichtung, die auch durch Namen wie Herbert Marcuse, Erich Fromm und Alfred Schmidt repräsentiert wurde, der Begriff „Frankfurter Schule“ auf. Nach der Unterdrückung durch den Nationalsozialismus – das Institut emigrierte in die USA – kam es nach dem Krieg zu einer Wiederbelebung, die bei Adorno und dem damals jungen Jürgen Habermas auch mit einer manchmal polemischen Distanzierung vom in die Fänge der Hitler-Ideologie geratenen Philosophen Martin Heidegger verbunden war.

Speziell die Studien über den „Autoritären Charakter“ beschränkten sich nicht nur auf den europäischen Faschismus, sondern beeinflussten durch Herbert Marcuse auch die internationale antiautoritäre Studentenbewegung der 1968er Jahre. Rolf Wiggershaus hat 1986 die Geschichte der Schule exakt umschrieben, vom Engländer Stuart Jeffries wurde sie mit einem Wort Georg Lucács‘ erst im Jahr 2019 ironisch nachgezeichnet („Grand Hotel Abgrund“).   

Ein Spiegel-Interview des ersten Direktors Max Horkheimer mit Helmut Gunnior hat 1970 und erneut 1973 kurz vor seinem Tod die bisher im Umkreis der Schule nur von Walter Benjamin angesprochene religiöse Frage nach Transzendenz neu thematisiert: „Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen“. Zum Entsetzen vieler äußerte er dabei auch Verständnis für die Enzyklika „Humanae Vitae“ Papst Pauls VI.

Mehr als Spielart des Neomarxismus

Jüngste Tendenzen bei Jürgen Habermas, der 2004 kurz vor dessen Papstwahl in der Münchner Katholischen Akademie einen Dialog mit Joseph Kardinal Ratzinger führte, in seinem großen Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (Berlin 2019) bestätigen eine zunehmende Offenheit für das Religiöse im „säkularen Zeitalter“ (Charles Taylor).

Kokettieren mit „religiöser Unmusikalität“ (Max Weber) dürfte also nicht das letzte Wort einer auch gegenüber sich selbst kritischen Frankfurter Schule sein. Sie ist weit mehr als eine Spielart des Neomarxismus. 

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