Qual der Wahl

Die CDU sucht den Supervorsitzenden

Nach 18 Jahren Angela Merkel und drei weiteren Jahren mit zwei verschlissenen Interims-Parteivorsitzenden, braucht die CDU endlich wieder klare Inhalte – stattdessen redet man über die Boygroup Röttgen/Merz/Spahn aus NRW.
18 Jahre war Angela Merkel Vorsitzende der CDU.
Foto: Julia Kilian (dpa) | 18 Jahre war Angela Merkel Vorsitzende der CDU. Die krachende Bundestagswahl-Niederlage 2021 führen viele auf ihr Wirken zurück.

Erinnern Sie sich an die CDU? Das war früher diese Volkspartei, die es auch mal über 40 Prozent schaffte. Heute schafft sie sich nur noch ab. Man kommt als Mitglied nahe an die graue Bodenzone, in der man nur noch aus Mitleid bleibt, was bedeutet, dass man die Phasen Wut, Frust und Enttäuschung über so viel Unfähigkeit schon hinter sich gebracht hat.

Die CDU braucht gar keinen blau-haarigen Rotzlöffel namens Rezo bei Youtube, um mit tendenziösen Videos im Wahlkampf „zerstört“ zu werden, wie der Jugendjargon es heute nennt, wenn man jemandem die Karten legt. Sie schafft das ganz alleine. Denn während das Land gerade mit Vollgas einer Ampelkoalition entgegenrast, beschäftigt sich die neue Oppositionspartei CDU vor allem mit einem: Mit sich selbst, mit Personalfragen und immer noch nicht mit politischen Inhalten.

„Die CDU erhielt also mit Annegret Kramp-Karrenbauer einen netten Menschen,
aber eine völlig unfähige und für den Politbetrieb zu harmlose Parteivorsitzende
von Merkels Gnaden“

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Und weil ja niemand an der Misere schuld sein darf, weil alle noch einen Platz in den Geschichtsbüchern und auf den weniger gewordenen Stühlen behalten wollen, kann es auch nicht besser werden. Seit anderthalb Jahren spielt man deswegen lieber „Deutschland sucht den Supervorsitzenden“ und ist keinen Schritt weiter, außer, dass am Wegrand ein paar politische Leichen liegen. Denn als ob die inhaltliche Entkernung der Partei durch Angela Merkel nicht schon genug Schaden angerichtet hätte, hat ihr Versuch, ihre Nachfolge selbst zu regeln, der Sache den Rest verpasst.

Die CDU brauchte nie eine Opposition, um im Wahlkampf 2021 erledigt zu werden, dafür hatte sie eine Vorsitzende, die das zur Chefsache gemacht hat. Nach ihr die Sintflut.

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Fatal: Krampfhaftes Festhalten am Merkel-Kurs

Die CDU erhielt also mit Annegret Kramp-Karrenbauer einen netten Menschen, aber eine völlig unfähige und für den Politbetrieb zu harmlose Parteivorsitzende von Merkels Gnaden, die diesem Elend zumindest freiwillig und aus Einsicht ein Ende bereitete, nachdem man sie mit vereinten Kräften gegen Friedrich Merz in Stellung gebracht hatte. Danach hat man mit Armin Laschet einen erfolgreichen Ministerpräsidenten verschlissen, den niemand als Parteivorsitzenden wollte, der aber genau wie Kramp-Karrenbauer als Bollwerk gegen einen immer noch ambitionierten Merz ins Rennen geworfen wurde. Er schien nicht einmal selbst an sich zu glauben. Das Festhalten am Merkel-Kurs der CDU ohne eine einzige eigene Idee hat ihm aber auch zurecht das politische Genick gebrochen.

Vergangene Woche erhielt ich nun als Mitglied ein wunderbares Schaubild für den Fahrplan zur Mitgliederbefragung in Sachen Parteivorsitz von der Partei, wo aufgemalt ist, wie wir das herausfinden, was die gesamte Parteibasis und viele Vereinigungen vor zwei Jahren bereits sicher wussten: Wer neuer Parteivorsitzender werden soll.

Es ging nur darum, Merz zu verhindern

Zweimal hat man uns Friedrich Merz verhindert. Und jetzt beginnen wir also nach fast zwei Jahren von vorne.

Wer also dachte, die SPD hätte mit ihrem damaligen Casting „Deutschland sucht den Supervorsitzenden“ und dem Ergebnis Esken/Walter-Borjans bereits den Tiefpunkt deutscher Parteikultur erreicht, wird durch die CDU gerade eines Besseren belehrt.

Als Höhepunkt der Absurdität ist auch personell immer noch die Boygroup Röttgen/Merz/Spahn aus NRW im Rennen. Nur Laschet ist als Karteileiche raus. Alles weiße Männer!

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Die Geschlechterfrage löst die programmatische Leere nicht auf

In den Nachrichten wird deswegen das Partei-Fossil Rita Süssmuth noch einmal ausgegraben. Sie mahnt mit zitternder Stimme aus dem feministischen Off, man müssen Frauen ermutigen zu kandidieren! Ermutigen? Wieso? Sind die Damen denn alle blind, taub und stumm und können nicht selbst artikulieren, ob sie wollen?

Und wieso glaubt irgendjemand, dass eine Frau, die man erst ermuntern muss, sich auf einen Posten zu bewerben, hallo Frau Kramp-Karrenbauer, nicht allein dadurch bereits für einen Führungsposten disqualifiziert ist?

A propos Frau: Jung, weiblich, divers löst nicht das Problem, es verschärft es sogar, weil man immer noch in Äußerlichkeiten stecken bleibt und im Gegenzug Erfahrung und Kompetenz über Bord kippt. Die Frage ist nicht wer, sondern was? Nach 16 Jahren Angela Merkel braucht diese Partei endlich wieder klare Inhalte – egal von welchem Geschlecht.

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