Kommentar um "5 vor 12"

Rom sollte mehr Distanz zu Kyrill wagen

Der Moskauer Patriarch beschädigt mit seiner Kriegstreiberei nicht nur sein eigenes Image, sondern die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung.
Papst Franziskus
Foto: IMAGO/Evandro Inetti (www.imago-images.de) | Papst Franziskus hat zunächst den direkten Weg gesucht, mit dem auf politischen Abwegen wandelnden Apostelnachfolger in Moskau ins Gespräch zu kommen.

Stilvoll und spirituell hat Papst Franziskus dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Kyrill, zum Namenstag gratuliert. So priesterlich und fromm, wie es einem Papst zukommt; so diplomatisch und elegant, wie es in der fragilen Ökumene mit der Orthodoxie katholischerseits guter Brauch ist; so höflich, wie man unter Apostelnachfolgern miteinander umgehen sollte. Ein Glück- und Segenswunsch für Friedenszeiten.

Der Patriarch befindet sich auf dem Kriegspfad

Jedoch: Europa ist im Krieg, und Kyrill befindet sich auf dem Kriegspfad. Seit drei Monaten rechtfertigt der Moskauer Patriarch den brutalen und blutigen, völkerrechtswidrigen und verbrecherischen Krieg Putins gegen die Ukrainer – in öffentlichen Reden und Predigten ebenso wie in einem Videogespräch mit Papst Franziskus. Da stiftet ein bloß priesterliches, frommes, diplomatisches und elegantes Glückwunschschreiben des Papstes an den Patriarchen nicht nur Harmonie, sondern auch Verwirrung: Zunächst bei Kyrill selbst, der schon nach seiner Video-Unterhaltung mit dem Papst glauben (und die Welt glauben lassen) wollte, Franziskus sei irgendwie auf seiner Seite.

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Dann aber auch bei der wachsenden Zahl von Gläubigen, Priestern und sogar Bischöfen der russischen Orthodoxie und der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP), die über Kyrills Waffenbruderschaft mit Putin zunehmend verwirrt, verstört und auch entsetzt sind. Mehr als 400 Kirchengemeinden haben die UOK-MP seit Kriegsbeginn bereits verlassen und bei der autokephalen Orthodoxie eine neue Heimat gesucht. Wie soll man ihnen erklären, dass der Papst den Moskauer Patriarchen öffentlich mit Höflichkeiten bedenkt, aber kein offenes Wort der Kritik oder der Distanzierung findet?

Kyrill will mit Putin triumphieren und wird mit ihm untergehen

Gewiss, Papst Franziskus hat zunächst den direkten Weg gesucht, mit dem auf politischen Abwegen wandelnden Apostelnachfolger in Moskau ins Gespräch zu kommen. Getreu der Weisung Jesu: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm, weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Und anschließend mit Zeugen. (Mt 18,15) Seither hat Kyrill vielfach unter Beweis gestellt, dass er keineswegs bereit ist, auf den Bruder aus Rom zu hören. Auch für diesen Fall hatte Jesus klare Vorstellungen: „Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide…“ (Mt 18,17).

Patriarch Kyrill hat sein Schicksal mit der Strategie Wladimir Putins untrennbar verbunden. Er will mit ihm triumphieren und wird mit ihm untergehen. Bis dahin jedoch beschädigt er die Glaubwürdigkeit der Kirche und des Evangeliums. Nicht aus taktischen oder diplomatischen Überlegungen, sondern um dieser Glaubwürdigkeit willen, wäre es ratsam, sichtbar auf Distanz zum „System Kyrill“ zu gehen. In der Ukraine verstehen das immer mehr orthodoxe Kirchengemeinden. Im Vatikan zögert man noch.

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