Verhältnis zur Orthodoxie

Katholisch-orthodoxer Dialog: Eine neue Eiszeit

Der katholisch- orthodoxe Dialog gerät ins Stocken, weil die Orthodoxie in einer tiefen Krise steckt.
Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios I.
Foto: Tolga Bozoglu (EPA) | Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios I.: Heute ist der katholisch-orthodoxe Dialog heute in der Krise. Einfach deshalb, weil die orthodoxe Welt in einer tiefen Krise steckt.

Es war die erste persönliche Begegnung zwischen einem Papst und einem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche: Am 12. Februar 2016 trafen sich Papst Franziskus und PatriarchKyrill im Flughafengebäude von Havanna. Ort und Zeitpunkt hatte Moskau bestimmt. An der Begegnung wie an der gemeinsamen Erklärung hatten vorab der mittlerweile abgesägte russische Außenamtschef, Metropolit Hilarion, und der Ökumene-Verantwortliche im Vatikan, Kardinal Kurt Koch, gefeilt. Doch während Franziskus und Kyrill in Havanna sprachen und das von ihren intellektuellen Vertrauten komponierte Kompromisspapier firmierten, zogen über der Welt der Orthodoxie bereits dunkle Gewitterwolken auf.

Konflikt eskaliert am Streitfall Ukraine

Die in viele autokephale und autonome Kirchen zerklüftete Orthodoxie hatte sich nach jahrzehntelangen Vorbereitungen auf ein Panorthodoxes Konzil geeinigt. Es fand im Juni 2016 auf Kreta auch tatsächlich statt - allerdings ohne die zahlenmäßig größte Orthodoxie, das Moskauer Patriarchat. Auch drei weitere Kirchen boykottierten das Konzil: die georgische, die bulgarische und die antiochenische Orthodoxie. Kyrill brüskierte Bartholomaios, den Primas und Protos (Ersten) der globalen Orthodoxie. Wohl nicht zufällig, sondern aus Kalkül: Moskau sieht sich als "Drittes Rom", retrospektiv seit der Eroberung des "Neuen Roms", also Konstantinopels, durch die Osmanen im Jahr 1453. Es geht um den Führungsanspruch in der Weltorthodoxie: Der Ökumenische Patriarch kann ihn aufgrund einer ungebrochenen Tradition beanspruchen; der Moskauer Patriarch stellt ihn aufgrund des quantitativen Gewichts seiner Kirche.

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Bald eskalierte der inner-orthodoxe Konflikt am Streitfall Ukraine: Bartholomaios erhörte die Rufe nach Autokephalie, also vollständiger kirchenrechtlicher und hierarchischer Unabhängigkeit. Er hoffte, die Spaltung der Orthodoxie in der Ukraine überwinden und das Schisma heilen zu können. Das Moskauer Patriarchat schlug mit aller Macht zurück: Es beschuldigte den Ökumenischen Patriarchen, auf politischen Druck und aufgrund finanzieller Verführung so gehandelt zu haben, warf ihm Rechtsbruch und "Papismus" vor, hörte auf, ihn in der Liturgie zu kommemorieren und boykottiert seither alle Foren, in denen ein Vertreter des Ökumenischen Patriarchats (ko-)präsidiert. Und damit ist die katholisch-orthodoxe Ökumene ganz direkt betroffen.

Pseudo-religiöse und geschichtsphilosophische Rechtfertigung

Mit der Invasion Russlands in der Ukraine überschlugen sich die Ereignisse: Patriarch Kyrill verteidigte Putins Krieg nicht nur, sondern lieferte ihm die pseudo-religiöse wie geschichtsphilosophische Rechtfertigung. Am 16. März versuchte der Papst noch einmal, an die gute Gesprächsatmosphäre von Havanna anzuknüpfen. In einer Video-Konferenz redete Franziskus dem russischen Patriarchen ins Gewissen. Erfolglos: Das Moskauer Patriarchat instrumentalisierte das Gespräch für seine Kriegspropaganda. Der Vatikan zog die Notbremse und sagte eine für Juni geplante zweite Begegnung zwischen Franziskus und Kyrill in Jerusalem ab.

Kein Zweifel: Seit der Begegnung von Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras 1964 in Jerusalem werden die Beziehung zwischen den Nachfolgern der Apostelbrüder Petrus und Andreas, also zwischen dem Papst in Rom und dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, immer enger und herzlicher. Gleichwohl ist der katholisch-orthodoxe Dialog heute in der Krise. Einfach deshalb, weil die orthodoxe Welt in einer tiefen Krise steckt. Wer bisher meinte, nur das "Filioque" und der Primat des Papstes stünden der Einheit im Weg, muss sein Weltbild jetzt neu sortieren.

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