Moskau

Scheidung auf Orthodox

Patriarch Kyrill ist jetzt nur mehr Putins Kombattant. Ein Kommentar.
Patriarch Kyrill
Foto: IMAGO/Valery Melnikov (www.imago-images.de) | Kyrill hat den Vernichtungskrieg gegen die ukrainische Identität nicht nur nicht kritisiert, sondern sich zum Vordenker und Propagandisten dieser Barbarei aufgeschwungen.

Kyrill I. wird in die Geschichte der russischen Orthodoxie als jener Patriarch eingehen, der die Ukraine verspielt hat. Wie auch immer Putins Krieg endet: Für das Moskauer Patriarchat ist das Desaster unabwendbar. Kyrill hat den Vernichtungskrieg gegen die ukrainische Identität nicht nur nicht kritisiert, sondern sich zum Vordenker und Propagandisten dieser Barbarei aufgeschwungen. Er liefert die pseudo-historischen und pseudo-religiösen Begründungen für Morde, Vergewaltigungen, Zerstörungen und Entführungen, die die russische Armee in Putins Auftrag begehen.

Jetzt zogen die Bischöfe die Notbremse

Die bislang größte Konfession in der Ukraine, die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ (UOK-MP) brachte dies in eine Zerreißprobe: Sie konnte die Gräuel weder ignorieren noch rechtfertigen, wollte sich aber bisher nicht von Moskau losreißen. Zumal die Brücken zur konkurrierenden „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ (OKU) von beiden Seiten demontiert waren. Hilflos musste die Leitung der UOK-MP in Kiew zusehen, wie Kyrill zum Kombattanten Putins wurde, aber die eigene Kirche auszurinnen drohte: Ein Exodus von Geistlichen und Gemeinden hatte eingesetzt und ließ sich nicht mehr stoppen. Jetzt zogen die Bischöfe die Notbremse, sagten sich von Moskau los und erklärten ihre Kirche für unabhängig. Zu spät, zu opportunistisch, zu halbherzig. Jedenfalls aber unvermeidlich, um wenigstens einen Teil ihrer Gläubigen und ihrer Glaubwürdigkeit zu retten.

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Wie es mit der UOK-MP weitergeht, ist ungewiss. Weder Moskau noch Konstantinopel werden ihr die Autokephalie gewähren. In Moskau hat der Verlust von einem Drittel aller russisch-orthodoxen Gemeinden nicht zum Umdenken oder Einlenken geführt. Keine Spur von Gewissenserforschung oder Schuldeinsicht! Stattdessen jede Menge Fremdbeschuldigung. Russlands Orthodoxie muss wohl noch viel tiefer sinken, ehe sie auferstehen kann.

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