KIEW

Orthodoxe sitzen zwischen allen Stühlen

Mit einer skurrilen Erklärung befeuern die von Moskau abhängigen Bischöfe in der Ukraine eine neue Debatte.  
Metropolit Onufrij
Foto: - (Ukrinform) | Das Oberhaupt der autonomen, aber nicht autokephalen „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“, Metropolit Onufrij (Mitte), wagt den Bruch mit Patriarch Kyrill nicht.

Die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ (UOK-MP) sitzt zwischen allen politischen und kirchlichen Stühlen. Da ist einerseits die eigene Kirchenleitung in Moskau, die den Krieg Wladimir Putins gegen die Ukraine rechtfertigt und für den Sieg der russischen Truppen betet. Andererseits sieht sie sich wachsenden Anfeindungen in der Ukraine ausgesetzt. Täglich wechseln Kirchengemeinden zur Konkurrenz, nämlich zur autokephalen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ (OKU) – allein am vergangenen Sonntag gingen 21 Kirchengemeinden diesen Weg.

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Öl ins Feuer 

Dennoch hat die Bischofsversammlung der UOK-MP in der Vorwoche mit einer Erklärung erneut Öl ins Feuer gegossen. Indirekt, ohne den russischen Präsidenten beim Namen zu nennen, beklagt sie, dass „14 der 53 Diözesen unserer Kirche unter Feindseligkeiten leiden“. In diesen Gebieten tun 3 500 Priester und 2 000 Mönche in 3 000 Pfarreien und 62 Klöstern „unter Lebensgefahr“ ihren Dienst. Kein Wunder, denn die russische Armee beschießt Schulen, Krankenhäuser, Kirchen und Klöster ohne Rücksicht auf die Konfession.

Der Synod der UOK-MP zeigt sich zuversichtlich, „dass die Ukraine die Torturen überstehen und ihre Eigenstaatlichkeit bewahren wird“. Die UOK-MP will „weiterhin die Verteidiger der Ukraine unterstützen“. Die Erklärung nennt – im Gegensatz zum Moskauer Patriarchat – an dieser Stelle klar den Aggressor: „Seit fast drei Monaten verteidigt sich das ukrainische Volk gegen einen militärischen Angriff der Russischen Föderation, die in das Territorium unseres souveränen und unabhängigen Staates eingedrungen ist.“ Erneut verurteilt die UOK-MP die militärische Invasion, wie sie es ab 24. Februar im eigenen Namen und in Gemeinschaft mit den anderen Konfessionen im „Gesamtukrainischen Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften“ tat.

Schuld an der Invasion 

Besorgt zeigen sich die in Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat stehenden orthodoxen Bischöfe in der Ukraine „über die häufigen Fälle von Aufstachelung zu Hass und religiösen Auseinandersetzungen in der Ukraine“. Sie erinnern an die beiden Gesetzesentwürfe, die im Parlament vorliegen und darauf abzielen, alle Strukturen des Moskauer Patriarchats zu verbieten. Zwar hat Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk diese zunächst beiseite geschoben, um die ukrainische Gesellschaft während des Krieges nicht zusätzlich zu spalten, doch ganz vom Tisch sind diese Anträge nicht.

Laut UOK-MP sind in einigen Oblasten des Landes die lokalen Behörden gegen orthodoxe Einrichtungen vorgegangen. So seien religiöse Aktivitäten eingeschränkt und Kirchen beschlagnahmt worden.
Die UOK-MP sieht das offenbar nicht als unmittelbare Reaktion auf die Invasion Russlands und die Rechtfertigung des Krieges durch Kyrill, auch nicht als Folge der eigenen Doppelzüngigkeit und Taktiererei, sondern als „Folge der falschen Religionspolitik der Präsidentschaft von Poroschenko und der zerstörerischen Ideologie der sogenannten Orthodoxen Kirche der Ukraine“. Beides, die Religionspolitik des früheren Präsidenten und die Autokephalie-Erklärung durch Patriarch Bartholomaios, seien „Gründe für die militärische Invasion“ gewesen, heißt es da, so als sei die Ukraine irgendwie selbst schuld an der russischen Invasion.

Appell an den Präsidenten

Die Bischöfe der UOK-MP appellieren nun an Präsident Wolodymyr Selenskyj, „die religiöse Feindschaft in der ukrainischen Gesellschaft zu beenden und die notwendigen Maßnahmen gegen illegale Aktionen gegen die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche zu ergreifen“. Wörtlich heißt es in der Erklärung, in der die Appelle des amtierenden Staatspräsidenten ausdrücklich gelobt werden: „Anstatt die Menschen im Streben nach Sieg und Wiederherstellung eines friedlichen Lebens zu vereinen, entfacht das Land eine innere, religiöse Front.“

Auf die wohl wichtigste Frage, nämlich welchen Einfluss das Moskauer Patriarchat künftig auf die ukrainische Orthodoxie haben soll, finden die Bischöfe keine klare Antwort. Vage heißt es da nur, man wolle „in naher Zukunft ein Treffen von Bischöfen, Priestern, Mönchen und Laien der UOK einberufen, um die durch den Krieg verursachten Probleme des kirchlichen Lebens zu erörtern“. Allerdings dürfe diese Diskussion „nicht dazu führen, den kanonischen Bereich zu verlassen“. Vielmehr müssten „neue Spaltungen in der Kirche Christi“ vermieden werden. Das ist wohl so zu deuten, dass eine vollständige Trennung der derzeit autonomen, aber eben nicht autokephalen UOK-MP vom Moskauer Patriarchat nicht angedacht ist.

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Intellektuelle verlangen Verbot

Und die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Nikita Poturajew, ein Parlamentarier der Partei Selenskyjs („Diener des Volkes“) kündigte an, das Parlament werde die Behauptung, dass die russische Invasion durch die Gründung einer autokephalen Kirche provoziert wurde, prüfen. Noch im Mai soll eine Anhörung über die Rolle der Kirchen stattfinden.

Das staatliche Amt für Ethnopolitik und Gewissensfreiheit (DESS) kritisiert die Erklärung der UOK-MP als „Anstiftung zu religiösem Hass, Beleidigung der Gefühle von Gläubigen und Rechtfertigung des Krieges Russlands“. Damit werden der orthodoxen Kirchenführung Verstöße gegen Artikel 35 und 68 der Verfassung sowie gegen Artikel 4 und 5 des Gesetzes über Gewissensfreiheit vorgeworfen. Kein Wunder, dass manche Intellektuelle und Theologen in der Ukraine der UOK-MP nun vorwerfen, mehr am Erhalt des eigenen Unternehmens als am Heil der Seelen interessiert zu sein – und ihr Verbot verlangen.

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