Österreich- Ungarn

Karl von Österreich: Der verkannte Friedenskaiser

Vor 100 Jahren starb auf der Blumeninsel Madeira im Atlantik der letzte gekrönte Monarch Österreich-Ungarns.
Kaiser Karl
Foto: Archiv | Im Beisein seiner Gattin, Kaiserin Zita, und seines Erstgeborenen Otto wurde Kaiser Karl am 30. Dezember 1916 in Budapest mit der Krone des Heiligen Stephan zum ungarischen König gekrönt.

Irdisch betrachtet scheint sein Wirken als Monarch gescheitert, die Kirche aber erklärte ihn zum Seligen: Karl von Österreich, geboren 1887, starb vor genau 100 Jahren fernab der Heimat, verkannt und verachtet. Hier ruht er noch heute, auf dem Berg über der Bucht von Funchal, in der Muttergottes- Kirche „Nossa Senhora do Monte“. In Österreich, wo ihm nicht nur zu Lebzeiten viel Hohn und Hass begegnete, wurde er von den meisten rasch vergessen, als ein Zuspätgekommener, der durch eine Serie tragischer Todesfälle dem habsburgischen Thron immer näher rückte, um ihn dann 1916, am Höhepunkt des Ersten Weltkriegs, aus den sterbenden Händen des Langzeit-Monarchen Franz Joseph zu erben.

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Ein neuer Frühling

Fern war der Thron, als Erzherzog Carl am 17. August 1887 in Persenbeug zur Welt kam. Dann aber mähte der Tod mit grausamer Hand im Umfeld des alternden Monarchen: 1889 starb Franz Josephs Sohn Rudolf, 1896 sein Bruder Karl-Ludwig, 1906 sein Neffe Otto, 1914 in Sarajevo – unter den Schüssen eines großserbischen Nationalisten – der Neffe und Thronfolger Franz Ferdinand, die Hoffnung der Monarchie. Wenige Wochen vor seinem 27. Geburtstag war Carl Thronfolger Österreich-Ungarns – und Europa befand sich im bis dahin größten, sinnlosesten, grausamsten Bruderkrieg seiner Geschichte.

In Friedenszeiten hätte Kaiser Karl wohl alle Voraussetzungen erfüllt, um dem alten Reich einen neuen Frühling zu schenken: Er war jung, vielsprachig, gebildet, reformfreudig, charakterfest, integer, mit wachem Blick für die nationalen Aufbrüche seiner Völker, mit brennendem Herzen für die sozialen Fragen. Jedoch, es herrschte Krieg. Und so wurde die Wiederherstellung des Friedens zum Kernanliegen des jugendlichen Kaisers, als Franz Joseph 1916 – zwei Jahre vor seinem Reich – zu Grabe getragen wurde. Als Thronfolger hatte Karl die Fronten besucht; er kannte die Schützengräben und das Elend des Massensterbens.

Für den Frieden

In seinem Kampf für den Frieden war Karl der einzige gekrönte Verbündete von Papst Benedikt XV., der immer wieder an die Mächte appellierte, vom Krieg zu lassen und den Frieden zu suchen. Karl war bereit, den Vorschlägen des Papstes zu folgen. Sein Außenminister Czernin jedoch hatte mit dem deutschen Reichskanzler Michaelis vereinbart, auf den päpstlichen Friedensappell einvernehmlich zu antworten. Am Ende war Berlin nicht bereit, Belgien zu räumen, während Wien den Forderungen des Papstes am 20. September 1917 offiziell zustimmte. Letztlich scheiterte die Friedensinitiative des Papstes am Widerstand von US-Präsident Woodrow Wilson, der eine Wiederherstellung der Vorkriegsordnung ablehnte, und stattdessen auf eine Zerschlagung Österreich-Ungarns sann.

Kaiser Karl verfolgte drei Ziele, die vielen seiner Zeitgenossen so unmodern schienen wie sein katholischer Glaube: In einer Zeit des Krieges strebte er nach Frieden, in der Zeit des heraufdämmernden Klassenkampfes wollte er den sozialen Ausgleich, in einer Zeit der nationalistischen Zersplitterung sehnte er sich nach nationalem Ausgleich und Versöhnung. In der Epoche Lenins, Ludendorffs und Clemenceaus – bald auch Stalins und Hitlers – schien Kaiser Karl ein Anachronismus. Wer an einen „Siegfrieden“ glaubt, wie der deutsche Kaiser Wilhelm II. und seine Oberste Heeresleitung es taten, der muss die Suche nach Kompromissen und nach einem Verständigungsfrieden für Schwäche und Feigheit halten. Daran scheiterten Karls Friedensbemühungen.

Verleumdungen

Zum militärischen und diplomatischen Mehrfrontenkrieg kam der propagandistische: Karl wurde als Schwächling, Feigling und Alkoholiker verleumdet, seine Gattin Zita als Verräterin – je nach Feindbild in Deutschland als Französin, in Österreich als Italienerin. Das Zerrbild vom schwachen Kaiser, der hinter dem Rücken seiner nibelungentreuen Bundesgenossen in Berlin einen Separatfrieden mit dem Feind (insbesondere mit Frankreich) aushandeln wollte, wurde später von den Nazis und noch später von der österreichischen Linken nachgezeichnet. Früher und klarer als die Siegesgewissen in Berlin sah der junge Kaiser in Wien, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei, dass jedes weitere Blutvergießen die Schuld und Tragik nur mehrt.

Zu spät streckte sich der Kaiser nach Westen aus, zu spät wandelte er mit seinem Völkermanifest vom 16. Oktober 1918 die Doppelmonarchie in eine Konföderation um, zu spät kündigte er am 26. Oktober 1918 das Bündnis mit Deutschland. Zu spät war ihm das Steuer in die Hand gefallen. Seine Föderalisierung konnte das Reich nicht mehr retten, seine Sozialpolitik rettete den Habsburgern nicht mehr die Krone.

Nun brach auseinander, was nach Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte nicht mehr zusammenzugehören meinte. Österreich-Ungarn wurde im Augenblick der Schwäche von nationalen Zentrifugalkräften zerfetzt. Für den Kaiser, der nur das Wohl seiner Völker ersehnt hatte, begann 1919 der Weg in die Verbannung. Vor die Wahl gestellt zwischen Abdankung, Exil oder Internierung wählte Karl den Weg in die Schweiz.

Kein Privatier

Doch er konnte nicht als Privatier tatenlos zusehen, wie seine Völker in neue Kerker gepfercht, Radikalisierungen ausgeliefert und machthungrigen Potentaten übereignet wurden. Er konnte nicht vergessen, was er 1916 bei der Krönung in Budapest geschworen hatte, als der Kardinal von Ungarn ihm die Krone des Heiligen Stephan aufs Haupt setzte: „Ich bekenne und verspreche vor Gott und Seinen Engeln, hinfort zu sorgen für Gesetz, Gerechtigkeit und Frieden zum Wohle der Kirche Gottes und des mir anvertrauten Volkes.“

Also wagte Karl die Heimkehr nach Ungarn, zweimal und wider jede Wahrscheinlichkeit. Er scheiterte am Widerstand seines einstigen Flottenadmirals Nikolaus Horthy, dem die Rolle als illoyaler Diktator allzu gut gefiel. Im Oktober 1921 scheiterte Karls zweiter Restaurationsversuch. Seine letzte Verbannung begann. Ein britischer Kreuzer brachte das Kaiserpaar nach Madeira. Auf Wunsch des Papstes nahm sich der Bischof von Funchal des Kaiserpaares an. Am 2. Februar 1922 konnte Kaiserin Zita die Kinder aus der Schweiz auf die Atlantikinsel nachholen. Die britische Regierung versuchte, den entmachteten Kaiser auszuhungern, indem sie jegliche Unterstützung von Freunden zu verhindern trachtete.

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Katholik und Kaiser

Im Februar war die kaiserliche Familie so verarmt, dass ihr nichts übrig blieb, als das Angebot eines lokalen Patriziers anzunehmen, in seine Sommervilla auf den Berg umzuziehen. Am 9. März holte sich der Kaiser eine Erkältung; am 14. März streckte ihn der Schüttelfrost nieder. Einen Arzt lehnte er ab: Das sei zu teuer. Als er sich nicht länger gegen die Beiziehung eines Arztes wehren konnte, stellte der am 21. März eine Lungenentzündung fest.

Am 27. März rief Karl seinen Erstgeborenen Otto ans Bett: „Er soll wissen, wie man sich in solchen Lagen benimmt, als Katholik und als Kaiser.“

Am 1. April 1922 ging auf der Atlantikinsel Madeira eine Epoche Mitteleuropas zu Ende. 82 Jahre nach Karls Tod saß jener Mann, der einst als Neunjähriger weinend am Grab seines Vaters in Funchal gestanden war, als Chef des Hauses Habsburg auf dem Petersplatz in Rom: An der Spitze einer vielhundertköpfigen Familie konnte Otto von Habsburg im Oktober 2004 miterleben, wie Papst Johannes Paul II. den letzten regierenden Kaiser Österreichs zur Ehre der Altäre erhob.

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