Otto von Habsburg

Sein Leben umspannte das 20. Jahrhundert

Otto von Habsburg war der Anwalt der Vertriebenen, Entrechteten, Unterdrückten. Seine Waffen waren das gesprochene wie das geschriebene Wort, seine Bühnen waren zuletzt die Paneuropa-Union und das Europäische Parlament.
Otto von Habsburgs Denken und Wirken wurzeln tief in der Geschichte Europas
Foto: Manfred Glück | Otto von Habsburgs Denken und Wirken wurzeln tief in der Geschichte Europas – und reichen weit in seine Zukunft hinein.

Vor zehn Jahren, am 4. Juli 2011, endete in Pöcking am Starnberger See ein Leben, das Höhen und Tiefen, Glanz und Elend des 20. Jahrhunderts umspannte: 1912 unter Kaiser Franz Joseph geboren, war Erzherzog Otto mit vier Jahren Kronprinz Österreich-Ungarns; zwei Jahre später begann sein entbehrungsreiches, abenteuerliches Exil. Sein Leben war voller Feinde: Österreichische Republikaner fürchteten seine Heimkehr, Adolf Hitler ließ ihn steckbrieflich jagen, Sozialisten verleumdeten ihn als „kalten Krieger“. Zweimal vertrieben, wurde er zum Anwalt der Vertriebenen, Entrechteten, Unterdrückten. Seine Waffen waren das gesprochene wie das geschriebene Wort, seine Bühnen waren zuletzt die Paneuropa-Union und das Europäische Parlament. Als er starb, wurde er parteiübergreifend als großer Europäer und politischer Visionär gewürdigt; von Vertretern des Judentums, der christlichen Kirchen und des Islam auch als Praktiker des interreligiösen Dialogs unter Gottgläubigen.

 

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Erbe und Visionär Europas

Otto von Habsburgs Denken und Wirken wurzeln tief in der Geschichte Europas – und reichen weit in seine Zukunft hinein. Aus seiner Familie gingen deutsche, spanische, böhmische und ungarische Könige hervor, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und Österreich-Ungarns. Von seinem Vater, dem 2004 seliggesprochenen Karl, erbte er weder Reich noch Krone, jedoch das Bewusstsein, eine persönliche Verantwortung zu tragen.

Darum war er 1938 (anders als Kanzler Schuschnigg) bereit, den bewaffneten Widerstand Österreichs gegen Hitler zu führen und dabei zu fallen. Darum arbeitete er unter Lebensgefahr in Frankreich für die Rettung Tausender Juden. Darum lobbyierte er im amerikanischen Exil nicht nur für die Auferstehung Österreichs, sondern für eine europäische Nachkriegsordnung in Freiheit und Gerechtigkeit.

Otto von Habsburg, Aufbahrung in der Kirche St. Ulrich, Pöcking am Starnberger See

Weder Vertreibung noch Verleumdung ließen ihn verbittern. Viele wunderten sich über seine Schaffenskraft – noch mehr über seinen Humor. Im Europäischen Parlament vertrat er seine Wahlheimat Bayern, und war zugleich der Anwalt der vom Kommunismus unterjochten Völker Mittel- und Osteuropas. Nach dem Kollaps des Ostblocks wuchs die Verehrung für Otto von Habsburg bei jenen, die ihn lange nicht verstanden oder bekämpft hatten.

Vielsprachig und weltläufig wie er war, pflegte er im Europaparlament und jenseits davon Kontakte in viele Lager. Als Mann des Gewissens konnte er sich mit Parteifreunden Schlachten liefern und mit politischen Gegnern Allianzen schmieden – ohne sich je zu verbiegen oder Prinzipien zu verleugnen. Befragt, wie er sterben wolle, sagte er: „In der Gnade Gottes!“ Vor zehn Jahren war es soweit.

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