Kommentar um "5 vor 12"

Eine Seligsprechung führt wider die Stereotype

Die Seligsprechung von Kardinal Stefan Wyszynski könnte ein Fenster zur Freiheit öffnen. Seine Natürlichkeit hat Vorbildcharakter auch für heutige Katholiken.
Kardinal Wyszynsk
Foto: episkopat.pl | Am 12. September 2021 wird der legendäre polnische Primas, Kardinal Stefan Wyszynski, seliggesprochen, nachdem Coronamaßnahmen die Seligsprechung im vergangenen Jahr verhindert haben.

Jetzt aber wirklich. Am 12. September wird der legendäre polnische Primas, Kardinal Stefan Wyszynski, seliggesprochen. Keine Pandemie wird den Akt diesmal stoppen können – wie noch im vergangenen Jahr, als die erste Corona-Welle die für den 7. Juni 2020 anvisierten Feierlichkeiten zunichtemachte. In diesem Jahr ist man vonseiten der Kirche und des Staates auf alle denkbaren Eventualitäten vorbereitet. Läuft alles optimal, wird die Seligsprechung im Tempel der Göttlichen Vorsehung im Warschauer Stadtteil Wilanów um 12 Uhr mittags über den Altar gehen. Ausreichend Platz und Abstand für Teilnehmer bietet der gigantische Bau - auf verschiedenen Etagen und im Notfall natürlich auch außen. 

Ausfall wegen Pandemie

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Dass die Seligsprechung des Primas aufgrund der Pandemie-Verschiebung mit der von Róza Czacka (1876 – 1961) zusammenfällt, werten Kirchen-Insider als Zeichen des Himmels. Lernten sich beide, der spätere Primas, und die Gründerin der „Kongregation der Franziskanerinnen - Dienerinnen des Kreuzes“ doch im Schatten des Zweiten Weltkriegs in der Nähe von Warschau in Laski kennen, wo die bemerkenswerte Frau eine Einrichtung für Blinde leitete. Sie selbst hatte mit Anfang 20 ihr Augenlicht verloren. 

Doch die technischen und medizinischen Dinge mal beiseitegelassen: sind die Bedingungen für die Seligsprechung in Polen auch gesellschaftlich und kirchlich optimal? Mit Blick auf das derzeit sehr angespannte Klima zwischen Regierung und Opposition, Impfgegnern und Impfbefürwortern, progressiven Modernisten und rückwärtsgewandten Nostalgikern sind Bedenken gerechtfertigt. Zumal Wyszynski schon lange nicht mehr die Strahlkraft eines Johannes Paul II. hat, der aufgrund der Missbrauchsaffären posthum aber selbst Einbußen hinnehmen muss. 

Keine Faszination

Hinzu kommt, dass selbst in Polen, wo jedes Schulkind die wichtigsten nationalen Herrscher und Könige vermittelt bekommt, als wären sie gerade erst gestorben, Wyszynski inzwischen ein gewisser mythologischer Glanz umgibt, der nicht gerade Nähe-fördernd ist. Ganz abgesehen davon, dass viele Gläubige inzwischen nach weit links oder weit rechts abgedriftet sind, sodass für einen Mann der Mitte und des Maßes – was Wyszynski zweifellos war – die breite Faszination fehlen dürfte. Leider. 

Dabei kann man den Mann aus dem Dorf Zuzela, der - ähnlich wie Kardinal John Henry Newman - mit einer aristokratischen Ausstrahlung gesegnet war, nicht so einfach fassen und verzwecken. Wyszynski entzieht sich jedem engmaschigen Zugriff. Einerseits war er der Bewahrer der nationalen Tradition, der Schützer des marianischen Kultes und der kirchlichen Form; andererseits kann man nicht übersehen, dass die soziale Frage und notwendige gesellschaftliche Reformen ihm früh ein Anliegen waren: die Rechte der Frauen zum Beispiel oder die Rechte der Arbeiter. Bei einem internationalen Treffen, als die Präsenz dunkelhäutiger Kirchenleute manche Europäer noch verunsichern konnte, setzte sich Wyszynski zu den Gästen. Völlig Rassismus-frei und weltoffen. 

Zwei Klaviaturen

So wie Karol Wojtyla beherrschte Wyszynski nicht nur die Tastatur des Rosenkranzes, sondern auch die der Menschenrechte. Er lebte in der Gegenwart. In der Realität. Nicht in ideologischen Luftschlössern. Zeugnis davon geben auch die Bilder, die ihn ganz unbeschwert und lachend in der Natur zeigen. Mit Tieren und Pflanzen. Fern von starren Ritualen. Wenn es ernst wurde, übernahm er aber ebenso selbstverständlich die Verantwortung, die sein Amt verlangte. Auch wenn die kommunistische Propaganda ihn dafür in ihren Presse-Organen mit Schmutz einseifte.

Vielleicht ist dies das Fenster, das Wyszynski den derzeit etwas verloren oder verbissen wirkenden Gläubigen der pilgernden Kirche öffnen kann: Seid natürlich, seid normal, sucht die gesunde Mitte. Wenn seine Seligsprechung dabei helfen könnte, wäre schon viel gewonnen. Egal, wie viele Teilnehmer die Seligsprechungsfeier besuchen werden. 

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