Interview

Lorenzo De Vittori: „Der Zölibat ist ein Geschenk“

Die Priesterberufung ist kein Job, für den man sich bewirbt, sondern ein Ruf und eine Einladung Gottes, die Vaterschaft anders zu leben - damit Menschen eine echte Freundschaft mit Gott entwickeln können.
Priesterweihe von Lorenzo De Vittori durch Bischof Ricardo García
Foto: Privat | Lorenzo De Vittori hat als frisch geweihter Priesterch hat "sofort gemerkt, dass man nicht mich, sondern Christus durch mich sucht".

Lorenzo De Vittori wurde im Mai von Ricardo García, Bischof der Prälatur Yauyos-Cañete-Huarochirí (Peru), in Rom zum Priester geweiht. Der Schweizer De Vittori studierte theoretische Physik an der ETH Zürich und promovierte in Astrophysik, bevor er an der Päpstlichen Universität Santa Croce Rom Theologie studierte. De Vittori war zehn Jahre lang Mitglied des Leitungsteams eines Studentenwohnheims in Zürich, und engagierte sich in Bildungsprojekten für junge Menschen.

Sie sind als 35-Jähriger zum Priester geweiht worden. Würden Sie sich als „Spätberufenen“ bezeichnen?

Meine Berufung habe ich bereits vor vielen Jahren als Gymnasiast in meiner Heimatstadt Lugano entdeckt: die Berufung zum Opus Dei. Mit Freunden habe ich in einem Opus-Dei-Zentrum gelernt, gebetet, Sport gemacht, Glaubensunterricht bekommen, und viel gelacht. Mich hat sehr beeindruckt, dass die dort erhaltene Bildung wirklich hilft, eine schöne und freundliche Beziehung zu Gott zu entwickeln. Seit ich dem Opus Dei beigetreten bin, bemühe ich mich, den Glauben im Alltag, besonders auch in und durch meine Arbeit, umzusetzen. Dazu gehörte auch, Studenten und Schülern christliche Bildung, die Schönheit des Glaubens zu vermitteln.

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Eines Tages wurde mir die Möglichkeit angeboten, in Rom Theologie zu studieren. In Rom kam ich zu dem Schluss, dass die Priesterberufung für mich sein könnte, und überließ es dann den Händen Gottes. Es ist ja kein Job, für den man sich bewirbt: Es ist Gott, der ruft. Im April letzten Jahres fragte mich der Prälat des Opus Dei, ob ich bereit wäre, Priester zu werden. Ich sagte ja, denn ich war innerlich schon dazu bereit.

Von der Astrophysik zur Theologie: Wie sehen Sie aus der Sicht des Physikers und Theologen die Beziehung von Wissenschaft und Glaube?

Das Studium der Physik hat mich fasziniert und geprägt. Die Theologie hat mich verändert. Beide suchen nach derselben Wahrheit, jede mit der eigenen Methode und Sprache. Der Glaube basiert auf der Offenbarung Gottes: Er hat uns einiges über Ihn selbst, über uns und über die Welt gesagt – aber nicht alles: nur das für unser Heil Notwendige. Das kann uns die Richtung geben, in welcher wir nach der Wahrheit suchen können. Die Naturwissenschaft basiert auf dem Dialog mit der Natur. Als theoretischer Physiker versucht man, der Natur die richtigen Fragen zu stellen, deren Antworten unser Verständnis der Schöpfung aufklären und erleuchten können. Eine harmonische Zusammenarbeit ist möglich und bringt viele Vorteile.

Welche Rolle spielt Ihr Elternhaus für Ihr christliches Leben? Hat es auch die Entscheidung erleichtert, Priester zu werden?

Die Familie hat vor allem das Umfeld gestaltet, in welchem ich als Christ mein Leben mitten in der Welt entfalten konnte. Dort habe ich gelernt, meine Beziehung zu Gott zu pflegen und gleichzeitig die Leidenschaft für die Arbeit und die Welt zu entwickeln. Zuerst hat mir meine Mutter das Beten beigebracht und gezeigt, wie schön es ist, die Sakramente zu empfangen. Mit der Zeit war es dann mehr und mehr mein Vater, der mich ermutigt hat, meinen Glauben zu vertiefen, mehr Fragen zu stellen und ein tieferes Verständnis zu wagen. Meine Familie war eine Lebensschule.

Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe als Priester? Wo werden Sie tätig sein?

Die erste Aufgabe eines jeden Priesters ist es, Gott in den Sakramenten gegenwärtig zu machen. Ich möchte aber auch von der anderen Seite her wirken: Den Menschen zu helfen, eine echte Freundschaft mit Gott zu entwickeln, ihr Bewusstsein der Gotteskindschaft zu entfalten. Das ist jetzt meine Arbeit, und ich möchte dieses Geschenk, das ich mit der Weihe bekommen habe, ganz professionell allen weitergeben. Als Priester der Prälatur Opus Dei werde ich mich hauptsächlich um die Pastoralarbeit mit den Mitgliedern des Werkes kümmern. Aber natürlich unterstütze ich auch die Diözesen beziehungsweise Pfarreien überall dort, wo man mich brauchen kann.

Heute wird der Zölibat häufig infrage gestellt. Wie stehen Sie dazu?

Der Zölibat ist ein Geschenk. Es ist eine Einladung Gottes, die Vaterschaft auf einer anderen Weise zu leben, großzügig und offen für viele Menschen. Es ist freie Entscheidung eines jeden, diese Einladung anzunehmen. Unter denen, die sie annehmen, ruft Gott einige, ihm als Priester zu dienen. Die Kirche folgt darin dem Beispiel, das ursprünglich Jesus selbst gegeben hat, dann den Aposteln und ihren Nachfolgern bis heute. Als zölibatär Lebender fühle ich mich solidarisch mit den Verheirateten, die ihr Treueversprechen ernst nehmen und damit besonders auch ihren Kindern ein enormes Geschenk machen. Das strahlt auch auf die Gesellschaft aus.

Zurzeit ist vielfach von größerer Verantwortung der Laien in der Kirche die Rede. Worin sehen Sie diese Verantwortung?

Verantwortung muss jeder tragen. In letzter Zeit wird aber unter Verantwortung lediglich Machtverteilung oder -ausübung verstanden, was jedoch eine ganz kleine Rolle in der Kirche spielen sollte. Verantwortung bedeutet in erster Linie, Verantwortung in der Beziehung zu Gott, in Familie und Gesellschaft, also an der „Front“. Hier kann Kirche entstehen, sich erneuern, leben. Sie steht und fällt mit diesen Menschen, andernfalls verdunstet sie. In einem Zentrum des Opus Dei beispielsweise leiten allein die Laien die gesamte Bildungsarbeit. Der Priester steht zur Verfügung für die spezifisch priesterlichen Dienste. Er soll allen dienen.

Können Sie schon einige Erfahrungen aus den ersten Wochen als Priester erzählen?

Ich habe noch sehr wenig spezifisch priesterliche Erfahrungen, aber ein besonderes Erlebnis besteht in der Selbstverständlichkeit, mit der man mir – ohne mich zu kennen, sondern einfach weil ich Priester bin – Anliegen, persönliche Schwierigkeiten, kleine und manchmal große Sorgen und Wünsche anvertraut. Ich habe sofort gemerkt, dass man nicht mich, sondern Christus durch mich sucht. Das ist für mich erbaulich und bereichernd.

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