Interview mit Kirchenhistoriker

Klaus Schatz SJ: „Nach der größeren Ehre Gottes fragen“

Am 31. Juli endet das Ignatianische Jahr, in dem die Jesuiten der Bekehrung ihres Gründers 1521 gedachten. Ein Gespräch mit dem Kirchenhistoriker Klaus Schatz SJ über Umkehr auf ignatianisch.
Denkmal in der Innenstadt von Pamplona
Foto: Pablo Lasaosa | Das Denkmal in der Innenstadt von Pamplona erinnert an die Schlacht, in der Ignatius am 20. Mai 1521 schwer verwundet wurde. Während seiner Genesung erlebte er eine tiefe Bekehrung.

Was war der entscheidende Perspektivwechsel im Leben des Heiligen?

Es gab hier nicht einen, sondern mehrere Perspektivwechsel. Dies macht ja gerade Ignatius aus, dass er immer „Pilger“ blieb, immer auf dem Weg, niemals „fertig“, immer im Verhältnis zu Gott und seinen Fügungen ein Lernender. Der erste und grundlegende Perspektivwechsel ist sicher 1521 nach seiner Verwundung als Offizier bei der Verteidigung von Pamplona auf dem monatelangen Krankenlager auf dem heimischen Schloss in Loyola. Iñigo (so heißt er zunächst) ist hin- und hergerissen zwischen Tagträumen gegensätzlicher Art: zwischen weltlichen Karriere-Phantasien einerseits, der Faszination eines Lebens der radikalen Nachfolge Christi nach dem Beispiel der großen Ordensstifter – eines Franziskus und Dominikus – andererseits. Und er macht dann die grundlegende Erfahrung: Die Karriere-Phantasien begeistern zunächst, hinterlassen dann aber einen schalen Nachgeschmack. Die geistlichen Impulse jedoch bewirken eine innere Zufriedenheit, die andauert, die tiefer geht und nicht oberflächlich ist. Das erfährt er als entscheidendes Kriterium: innere Freude und Zufriedenheit. - Aber es gibt andere Wenden und Perspektivwechsel in seinem Leben.

Welche sind das?

So in der Einsamkeit von Manresa. Durch extreme Abtötung und Fasten hofft er gleichsam Gottes Barmherzigkeit zu erzwingen, gerät aber dadurch nur immer tiefer und aussichtsloser in die Verzweiflung an sich selbst. Interessanterweise ist es eine ähnliche Erfahrung wie die von Martin Luther. Und ähnlich  geschieht auch bei ihm eine innere Umwandlung: von der Beschäftigung mit sich selbst zu Gottes Barmherzigkeit. Er erfährt sein Leben als Geschenk – und gleichzeitig spürt er, dass er Einfluss auf Menschen ausübt und sie geistlich weiterführt. Und zuletzt, bei der Ordensgründung, das definitive Scheitern des Jerusalem-Plans, also des ersten Ziels, das ihm für die neue Gemeinschaft vorschwebt: im Heiligen Land gleichsam dem Herrn nahe zu sein, auf Seinen Spuren zu wandeln. An die Stelle von Jerusalem tritt jetzt Rom, die Weltkirche, sich ihren größeren Bedürfnissen und Nöten zur Verfügung stellen.

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Auf welche Weise wirkten die Impulse, die von Ignatius ausgingen, erneuernd auf die Kirche?

Auf vielfältige Weise, durch den neuen Jesuitenorden, durch seine Predigten, Kongregationen, Schulen, vor allem jedoch durch ein Mittel, welches die geistliche Mitte des Jesuitenordens ausmacht: die Geistlichen Übungen („Exerzitien“) des Ignatius.

Worum geht es in diesen Exerzitien?

Es geht um die „Wahl“, den ganz persönlichen Weg für mich, und dies in der Dialektik radikaler Theozentrik: der Ausrichtung auf die „größere Ehre Gottes“. Damit gemeint ist nicht nur „Pflichterfüllung“: Was muss ich tun?, sondern: Was ist das Bessere? – und dies in der Nachfolge des „armen und gekreuzigten“ Christus. Gleichzeitig geht es um die Hinwendung zur eigenen Subjektivität: Was bewirkt in mir innere Zufriedenheit und Trost? Es geht in den Exerzitien um diese gottbezogene Subjektivität des Einzelnen. Und indem die Exerzitien nach dem „Mehr“, nach der „größeren Ehre Gottes“ fragen, waren und sind sie immer ein eminentes Erneuerungsferment für die Kirche und ihre Reform, durchaus in unterschiedlicher und nicht einfach auf denselben Nenner zu bringender Weise in den einzelnen Epochen: auch kirchliche Strukturen, Riten, Gewohnheiten sind niemals Selbstzweck, sondern auf die Menschen und den „immer größeren Gott“ ausgerichtet.

Was verändert sich im Leben von Menschen, wenn sie ihre Wege mit Ignatius als spirituellem Vorfahren gehen?

Die Antwort ist im Grunde schon im Vorhergehenden enthalten. Sie werden „authentischer“, finden mehr zu sich selbst, nehmen sich an. Und speziell der Blick auf Ignatius, auf seinen Weg als „Pilger“, bewahrt vor Fixierungen, die dann an der Realität scheitern, lehrt neue, auch unangenehme Erfahrungen, die die eigenen, auch geistlich-religiösen Pläne durchkreuzen, nicht bloß als etwas Störendes, sondern als Anruf zu sehen, besser den Willen Gottes zu erkennen.

Was haben Sie persönlich von Ignatius gelernt?

Vor allem eins: Der Kirche und den Menschen der Zukunft dienen, das ist nicht eine Sache der Strategie und der mehr oder weniger gescheiten Zukunftsplanung. Ignatius war, ganz anders als das übliche Klischee von ihm, nicht der geniale „Stratege“, sondern der „Pilger“. Er war zunächst einmal in seinen religiösen Vorlieben sehr wenig „neuzeitlich“. Er war der Mensch des spanischen Spätmittelalters, mit seiner Kreuzzugsfrömmigkeit. Aber er ließ sich von Gott führen, auch und gerade durch Ereignisse des Scheiterns und der Enttäuschung.

Wie hat er Ihr Leben als Kirchenhistoriker geprägt?

Vor allem dadurch, dass sein Leben und seine Exerzitien mir halfen, eine Weise von Kirchlichkeit und Liebe zur Kirche zu finden, die nicht eng und integralistisch ist.

Wie meinen Sie das?

Dazu ist etwas auszuholen. In den Regeln zum „Fühlen in der Kirche“ im Exerzitienbuch stehen Passagen, die auch uns als Jesuiten heute „Bauchschmerzen“ bereiten und die wir nur mit Klimmzügen verständlich machen können (so etwa, wenn es heißt: Das, was meinen Augen weiß scheint, glauben, dass es schwarz ist, wenn es die hierarchische Kirche so bestimmt). Die eigentliche geistliche Verbindung von Kirchlichkeit und persönlicher Führung durch den Heiligen Geist hat Ignatius wohl weniger in diesen Regeln ausgedrückt als vielmehr in einzelnen späteren Briefen. Und diese innere Einheit lautet: Derselbe göttliche Geist wirkt in allem. Der Geist, von dem wir persönlich geführt sind, den wir als befreiende Wirklichkeit in unserem Leben erfahren, wirkt auch in der Kirche. Wenn wir Vertrauen zu diesem Geist haben, und nicht bloß zu uns selbst, dann haben wir auch Vertrauen zu Seinem Wirken in der Kirche. Andernfalls – so könnte man sinngemäß Ignatius interpretieren –, wenn die Kirche für mich und meinen Glauben nur das Bedrohliche, Angst und Misstrauen Erweckende ist, dann muss ich mich fragen, ob ich nicht bloß an mich selbst glaube und den Geist Gottes mit meinem Willen und meinen subjektiven Einfällen identifiziere.

Was kennzeichnet den Geist Gottes?

Der Geist Gottes ist der Geist der Gelassenheit, der Offenheit, des Vertrauens, nicht jener Geist, in dem wir meinen, allein gegen eine ganze Welt Recht zu haben und um jeden Preis uns durchsetzen zu müssen. Das klingt natürlich leicht hergesagt; aber es ist eine Einsicht, die sicher Ignatius nicht in den Schoß gefallen ist, sondern von ihm durchlitten wurde: denn er wurde immer wieder von der Inquisition verhört, in Alcalá 42 Tage im Kerker behalten, in Salamanca 22 Tage; weitere Prozesse hatte er in Paris, in Venedig und in Rom durchzustehen.
Was nun meine persönliche Prägung als Kirchenhistoriker betrifft, so ist diese ignatianische Linie mir durch bestimmte Ereignisse und Personen vermittelt worden. Eine besondere Rolle spielt hier für mich das Zweites Vatikanum, dann Jesuiten wie Hugo und Karl Rahner, nicht zuletzt auch mein Novizenmeister Pater Georg Mühlenbrock.

Was würden sie jemandem, der Ignatius nicht kennt, über den Heiligen erzählen?

Genau das, was ich auf die erste Frage nach dem „Perspektivwechsel“ erwidert habe: wie er in der Durchkreuzung eigener Lebenspläne neue Wege fand und dadurch auch für die Kirche Zukunft eröffnete.

In welchem Verhältnis stehen Freiheit und Gehorsam heute im Orden?

Jesuiten wären nicht Menschen unserer Zeit, wenn für sie nicht Freiheit ein fundamentaler Wert wäre. Rücksicht auf persönliche Begabungen ist heute eine Selbstverständlichkeit. Aber man tritt nicht in einen Orden ein, um ein optimales Sprungbrett für die eigene Karriere zu haben, noch, um die „Nische“ für die eigene Entfaltung zu finden. Es ist eine Binsenwahrheit, dass „Gehorsam“ heute mehr als früher „dialogisch“ praktiziert wird. Es gibt hier den „nachkonziliaren“ Witz: in einer Konferenz von Ordensobern berichtet der Jesuitenprovinzial: „Ich habe nie Schwierigkeiten mit dem Gehorsam. Ich erkundige mich jedes Mal, was ein Mitbruder will; und dann befehle ich es ihm“. Darauf eine Frage: „Aber es gibt doch auch Mitbrüder, die gar nicht wissen, was sie wollen – was macht man denn mit denen?“ Antwort des Jesuitenprovinzials: „Ganz einfach, die macht man zu Oberen.“

Ist an der Anekdote etwas dran?

Aus meiner persönlichen Erfahrung muss ich sagen: die Anekdote mag im ersten Teil oft stimmen (wenn auch nicht immer!), aber im letzten gerade nicht. Ich habe manche, meist verständnisvolle, oft kantige Obere erlebt, aber nicht solche, die aus Mangel eigener Profilierung und Entschiedenheit zu Oberen gemacht wurden. Generell spielt sich Leitung und Gehorsam heute in einer Atmosphäre des beiderseitigen Hinhörens ab. Nicht Passivität („wie der Stab in der Hand eines Greises“) ist seitens des „Untergebenen“ gefragt, wohl aber Offenheit. Und von Seiten des Obern Ehrfurcht vor dem persönlichen Weg des Einzelnen, aber auch verbindliche Orientierungen für die Gemeinschaft. Spannungen gibt es heute wie früher, die Patentlösung gibt es nie.

Was bedeutete der Gehorsam gegenüber dem Papst für Ignatius?

In der Phase der Ordensgründung 1537/38 gab es zwei Alternativen. Die erste Wahl lautete Jerusalem: im Heiligen Land Jesus besonders nahe sein. Wenn das nicht möglich sein sollte: nach Rom gehen und sich dem Papst unterstellen, damit er die Gefährten dorthin sende, wo die Not am größten sei. Diese Lösung drängte sich auf, da die Beziehungen zu den Türken abgebrochen waren und in Venedig kein Schiff in den Orient fuhr. Der Papst steht hier für die drängenderen Bedürfnisse der Gesamtkirche. Die Bindung an ihn ist die kirchliche Form des „Magis“, des Suchens nach der „größeren Ehre Gottes“: man will nicht primär für eine Ortskirche da sein, sondern für die Universalkirche und ihre Nöte. Ein „gegenreformatorischer“ Akzent in dem Sinne, dem durch die Reformatoren angefochtenen Papsttum eine Stütze zu bieten, liegt Ignatius noch fern, wenngleich schon in der ersten Generation bei Nadal und Petrus Canisius dieser Gedanke, die Papstbindung der Jesuiten als „providentielle“ Antwort auf die Reformation zu verstehen, hinzukommt. Aber in der Sicht des Ignatius braucht nicht der Papst die Jesuiten, sondern die Jesuiten brauchen den Papst, um „auf dem Weg des Herrn nicht irrezugehen“.

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