Bistumsreform

Erzbistum Hamburg: Leuchttürme im Nebel

Proteste, aber keinen einzigen Seminaristen: Erzbischof Stefan Heße hat im Erzbistum Hamburg vieles anzupacken. Bei den Gläubigen im Erzbistum Hamburg sind die Wunden der Strukturreformen noch nicht vernarbt.
Sankt Marien-Dom in Hamburg
Foto: Matthias Greve (Matthias Greve) | St. Marien-Dom in Hamburg, Das Bistum hat Probleme: Proteste, keinen Seminaristen und eine umfassende Reform im Erzbistum Hamburg.

Das Erzbistum Hamburg hat bereits im Januar eine umfassende Pfarreireform hinter sich gebracht, die 2009 begann. Der damalige Erzbischof Werner Thissen setzte sich für die Entwicklung sogenannter pastorale Räume ein. Diese umfassen Gebiete mehrerer zuvor eigenständiger Pfarreien. In diesen neuen Einheiten sollen sich alle kirchlichen Einrichtungen vernetzen, sodass Gemeinden, Kindertagesstätten, Schulen, Beratungsstellen und die Caritas in einem abgestimmten Konzept miteinander arbeiten.

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Weniger Pfarreien

Von den ursprünglich 94 Pfarreien des Erzbistums sind 28 übrig geblieben. Zehn davon befinden sich jeweils in Hamburg und Schleswig-Holstein, acht weitere im Bistumsteil in Mecklenburg. Erzbischof Stefan Heße ist überzeugt von dem Erfolg des Prozesses. "Ich bin allen Frauen und Männern sehr dankbar, die sich über mehrere Jahre mit langem Atem in den Pfarreien, aber auch in der Koordination und Moderation dieser Veränderungsprozesse eingebracht haben", betont er. Zwar sei der neue Weg formal abgeschlossen. Es bleibe aber eine ständige Aufgabe, die veränderten Strukturen, die Gemeinden und die Orte des kirchlichen Lebens mit wirklichem Leben zu erfüllen.

Dort sind nun die Menschen gefragt, die sich vor Ort in den Gemeinden und Organisationen der katholischen Kirche engagieren. Neben einer veränderten Pfarreistruktur hat das Erzbistum die Organisation der Gremien neu aufgestellt. Auf der Ebene der nun geschaffenen Großpfarreien koordiniert ein Pfarrpastoralrat als Ersatz der bisherigen Pfarrgemeinderäte die Seelsorge. In kleineren Gemeinden ist ein sogenanntes Gemeindeteam zuständig. Zusätzlich soll eine Gemeindekonferenz den Handlungsbedarf außerhalb der Kirchenmauern im Blick haben.

Die Geschäftsführung, das heißt die Verwaltung der finanziellen Angelegenheiten, sind Aufgabe eines Kirchenvorstandes auf der Großpfarreiebene. Im neu geschaffenen Diözesanforum sollen pastorale Fragen sowie Themen von überdiözesaner Bedeutung beraten werden. Dem Diözesanforum gehören 100 Personen an, darunter neben der Bistumsleitung Vertreter der pastoralen Mitarbeiter, Gemeinden, Vereine, Verbände und katholischer Einrichtungen wie der Caritas.

Massive Reformen

Mit diesen Strukturreformen sind aber noch nicht alle Probleme des Erzbistums gelöst, insbesondere nicht diejenigen auf der finanziellen Ebene. Zu viele Gebäude sorgen für zu hohe Kosten, sodass die täglichen Immobilien zum Problem werden. Der Verwaltungsdirektor des Erzbistums, Alexander Becker, beschreibt im Gespräch mit dieser Zeitung die großen wirtschaftlichen Herausforderungen: "Unser Erzbistum ist in einem langfristigen Erneuerungsprozess. Die Vermögens- und Immobilienreform ist ein wichtiger Baustein dabei, um die wirtschaftlichen Grundlagen für die Zukunft sicherzustellen und die für die Erfüllung des pastoralen Auftrags notwendigen Immobilien fit zu machen und zu halten." Im Rahmen dieser Reform stellt das Erzbistum Hamburg, zu dem Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg gehören, derzeit alle seiner mehr als 800 Immobilien auf den Prüfstand. Für einen Erhalt dürften sich am Ende sicherlich nur die Immobilien halten, deren Finanzierung dauerhaft gesichert ist.

Doch nicht nur die Immobilienfrage sorgt für Spannungen im Erzbistum. Wenn Gemeinden fusioniert und Gotteshäuser geschlossen werden, stößt das regelmäßig auf Proteste seitens der Betroffenen vor Ort. Ein aktuelles Beispiel ist die Pfarrei St. Ansgar in dem idyllischen Ostseebad Schönberg, das 20 Kilometer nordöstlich von Kiel liegt. Bereits im Jahre 2014 erfolgte die Fusion von vier eigenständigen Gemeinden zur Großpfarrei "Franz von Assisi". Zu dieser Pfarrei zählten zehn Gotteshäuser für mehr als 20.000 Kirchenmitglieder. Die meisten der Kirchen entstanden in den 50er und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, als zahlreiche katholische Heimatvertriebene nach Norddeutschland kamen. Der neugebildete Gesamtkirchenvorstand entschied 2017, dass lediglich vier der Kirchen als sogenannte "Leuchttürme katholischen Lebens" erhalten bleiben. Mindestens fünf der Kirchen werden aufgegeben und verkauft.

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Weite Anfahrt zur Messe

Jetzt müssen die Mitglieder der Gemeinde St. Ansgar mehr als 20 Kilometer fahren, um ein Gotteshaus zu erreichen. Die Proteste vor Ort gingen ins Leere. "Mit den Kirchenschließungen geht nun ein Stück Identität für uns verloren", beklagen Gemeindemitglieder. Eine der Konsequenzen, die mit diesen Maßnahmen immer wieder verbunden ist, ist, dass viele Menschen ihr Engagement in der Kirche aufgeben oder sogar aus der Kirche austreten. Besonders schmerzlich für viele Katholiken ist, dass unter Denkmalschutz stehende Kirchengebäude nach der Veräußerung erhalten bleiben und so gleichsam als offene Wunde in der Gemeinde liegen.

Alexander Becker erklärt, wie die internen Verfahren zur Entscheidung über den künftigen Umgang mit Immobilien funktionieren. "Jede Pfarrei bildet eigenständig eine pfarrliche Immobilienkommission, deren Aufgabe insbesondere in der Erarbeitung von mindestens zwei alternativen, pastoral sinnvollen und wirtschaftlich darstellbaren Immobilienkonzepten liegt." Die Letztentscheidung über den Erhalt einer Immobilie liegt beim Hamburger Erzbischof.

Priester fahren viel 

Nicht wenige Katholiken sehen die Entwicklung durch die Strukturreform mit der Zusammenlegung der Gemeinden und dem anschließenden Immobilienkonzept durchaus problematisch. "Ich komme viel in den Gemeinden herum und höre natürlich auch, was die Menschen sagen. Begeisterung und Zufriedenheit über die Reformen finde ich fast nirgends", erläutert ein engagierter Katholik gegenüber dieser Zeitung. In vielen Bereichen mache sich vielmehr Frustration breit. "Die Menschen empfinden die Reformen nicht als Aufbauprozess, sondern als Abbruch. Insbesondere sehen sie das kirchliche Leben vor Ort in Gefahr."

Selbst an den Orten, an denen noch mehrere Gotteshäuser vorhanden seien, müssten nun wenige Priester diese vielen Gotteshäuser bereisen, um heilige Messen zu feiern. Während es in Hamburg selbst durch den Dom und das Dominikanerkloster noch ein hinreichendes Angebot auch an Werktagsmessen gebe, werde es im Umland immer schwieriger, dort solche Gottesdienste zu finden und zu besuchen. Für den engagierten Katholiken geht die Strukturreform über die Köpfe der Kirchenmitglieder hinweg. Das stelle er in Gesprächen vor Ort immer wieder fest. Viele von ihnen fühlten sich vereinsamt und alleingelassen.

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Neue Räte

Auch in den neuen Rätestrukturen würden sich die lokalen Vertreter nicht immer wiederfinden. Manchmal fehle es aber auch an dem Interesse des Engagements auf der Gemeindeebene, da man sich nicht mehr wirklich ernst genommen fühle. Gerade wenn die lokalen Proteste zu laut würden, bekämen die Menschen oft den Eindruck, dass die Pfarreileitung kein Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung habe. So hätten Katholiken aus Schönberg geäußert, dass sie die Entscheidungen zur Aufgabe der Kirchengebäude als Enteignung des Eigentums der vorher selbstständigen Pfarrgemeinden wahrgenommen hätten.

Auch sei ein persönlich überbrachter Protestbrief ungeöffnet vor den Augen einer Beschwerdeführerin von dem leitenden Pfarrer aus Kiel, Thomas Benner, in den Papierkorb geworfen worden.

Die Erfahrungen vieler Katholiken im Erzbistum Hamburg zeigen, dass Reformprozesse überhaupt nur funktionieren können, wenn sie transparent sind und die Menschen bei der Entscheidungsfindung mitgenommen und nach einer Entscheidung auch in ihrer Trauer um den Verlust eines Stücks kirchlicher Heimat begleitet werden. Gelingt das nicht, ist der Schaden zumeist größer als der Nutzen.

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