BISTUMSREFORMEN

Gut geplant ist noch nicht gewonnen

Im Bistum Limburg setzt man auf die Pfarreien neuen Typs. Trotz eines durchdachten Ansatzes liegt ein steiniger Weg vor dem Bistum.
Limburger Dom
Foto: Wolfgang Radtke | Das Bistum Limburg setzt bei Strukturreformen auf die Pfarrei neuen Typs.

Wie viele andere Bistümer befindet sich das Bistum Limburg in einem Strukturprozess. Der dortige Weg hat bereits unter Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst begonnen. "Als er in die Diözese kam und das Bistum kennengelernt hatte, war ihm klar, die bestehende Pfarreistruktur reformieren zu müssen, um das Bistum zukunftsfähig aufzustellen", beschreibt Bistumssprecher Stephan Schnelle. Damals gab es 332 Pfarreien, die in 90 Pastoralen Räumen organisiert waren. Tebartz-van Elst habe die Vorstellung einer vom Netzwerkgedanken getragenen "Pfarrei neuen Typs" entwickelt. "Er wollte die Orte und Einrichtungen, in denen kirchliches Leben stattfindet, besser verknüpfen."

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Pfarrei neuen Typs 

Damals legte der Bischof fest, dass es perspektivisch etwa 45 Pfarreien neuen Typs im Bistum geben soll. "Das war schwierig, weil die grundlegende synodale und kuriale Beratung, die in unserem Bistum eine gute Tradition hat, bei der Entscheidungsfindung keine Rolle spielte", berichtet der Bistumssprecher. Allerdings sei der darauf folgende Pfarrwerdungsprozess vor Ort partizipativ gestaltet gewesen. Hier habe es eine gute Beteiligung der synodalen Strukturen und einen funktionierenden Abstimmungsprozess mit dem Bischöflichen Ordinariat gegeben. Anders als in anderen Bistümern gibt es in Limburg keine Pfarreifusionen. "Alle bestehenden Pfarreien werden aufgelöst, ihre Kirchenbücher werden geschlossen. Es kommt in jedem Einzelfall zu einer Neugründung", berichtet Schnelle. Die neuen Pfarreien erarbeiten in einem eigenständigen Prozess eine Gründungsvereinbarung, einen neuen Namen und wählen ihre Gremien. Voraussichtlich bis zum Beginn des Jahres 2023 soll die Strukturreform abgeschlossen sein.

Eine Neugründung wird es Anfang 2023 in der Bischofsstadt Limburg selbst geben. Hier wird der Dom zur zentralen Kirche der neuen Pfarrei. Katharina Höhler engagiert sich als Vorsitzende des Pastoralausschusses und beschreibt den Weg als "steinig, aber notwendig". Derzeit sammelt die Planungsgruppe die Vorschläge für den neuen Pfarreinamen. "Wir freuen uns, dass viele Vorschläge eingegangen sind, nicht nur aus den Gremien, sondern auch von Gemeindemitgliedern." Höhler hofft, dass das emotionale Zusammenwachsen der Pfarrei funktionieren wird. Das hänge von der Bereitschaft eines jedes Einzelnen ab, diesen Weg mitzugehen.

Alle Orte im Blick

Peter Lauer ist priesterlicher Mitarbeiter im Rheingau und gleichzeitig an einer Schule als Religionslehrer tätig. Er wirkt bereits in einer Pfarrei neuen Typs, die schon vor einigen Jahren so errichtet wurde. Die zwölf Kirchorte, aus denen die Pfarrei besteht, sind aber immer noch damit beschäftigt, zusammenzuwachsen. "Wenn das Angebot am Kirchort sich verändert, gibt es Menschen, die sich gut auf die Situation einstellen. Andere bleiben fern." Für junge Menschen sei es einfacher, da diese sich zum Teil bereits aus schulischen überörtlichen Zusammenhängen kennen. "Für viele Ältere sind ortsübergreifende Angebote jedoch eine echte Herausforderung", stellt Lauer fest. Die strukturellen Veränderungen, die gerade die Arbeit vor Ort entlasten sollen, würden von vielen Gläubigen so empfunden, dass ihnen etwas weggenommen werde.

Dabei sei der Prozess eigentlich so angelegt, dass er zu einer Verbesserung der Situation an den Kirchorten beitragen solle. Bei der ersten Planung habe der damalige Bischof Franz-Peter eben nicht nur die Kirchorte im Blick gehabt, sondern alle sogenannten Orte kirchlichen Lebens. "Das hat man in der Umsetzung aber nicht hinreichend ausgeschöpft, sonst würden zum Beispiel Kindergärten und katholische Schulen in dem Zusammenwirken als Orte des Glaubens eine wichtigere Rolle spielen", stellt Lauer fest. Er würde sich über die strukturellen Veränderungen hinaus mehr inhaltliche Impulse wünschen und macht sich zudem für das Thema Neuevangelisierung stark. "Viele Menschen fühlen sich zwar der Kirche verbunden, empfinden aber den Schritt, dies auch deutlich zu bekennen, als schwierig", bedauert der Priester.

Ohne Hindernisse

Das Thema der Schließung von Gotteshäusern begleitet die Strukturdebatten in den Bistümern natürlich ständig. "Bei uns gab es lange die Maxime: Eine Kirche, in der gebetet wird, wird nicht geschlossen", berichtet Schnelle. Bei realistischer Betrachtung sei es heute allerdings erforderlich, Kirchen aufzugeben beziehungsweise umzunutzen. Bislang seien im Bistum Limburg seit dem Jahr 2000 elf Kirchen abgerissen worden. Sechs von ihnen habe man durch einen neuen, kleineren Kirchraum ersetzt. Sieben Kirchen hat man einer neuen Nutzung zugeführt, eine weitere an eine andere christliche Konfession. In zwei Kirchen fand eine Teilprofanierung statt, da dort Gemeinderäume eingebaut wurden.
Eine Ordensschwester aus dem Bistum sieht die aktuelle Entwicklung kritisch. "Wir nehmen wahr, dass viele Menschen die Veränderungen als Verlust wahrnehmen. Das machen sie in Gesprächen mit uns auch immer wieder deutlich."

Dabei geht es weniger um die strukturellen Maßnahmen als darum, dass der Wunsch nach Angeboten der Glaubenspraxis gerade vor Ort nicht mehr erfüllt werden können. "Deshalb suchen viele Menschen nach besonderen spirituellen Angeboten, die dann auch wiederum eine starke Nachfrage erfahren. Das gilt zum Beispiel für das Rosenkranzgebet oder die eucharistische Anbetung." Andere Gläubige, die als Suchende unterwegs sind und an ihren Kirchorten nicht auf entsprechende Ansprache stoßen, schließen sich zu Hauskirchengemeinschaften zusammen. Dort erleben sie, wie sie ihren Glauben nach ihren Vorstellungen praktizieren können, ohne dass strukturelle Hindernisse oder Hemmnisse im Weg stehen.

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Fundierte Idee

Bei einem Kongress im Oktober 2021 befassten sich 320 Ehren- und Hauptamtliche mit den Zukunftsvisionen der Diözese. Im Anschluss zeigte sich Bischof Georg Bätzing sehr zufrieden mit den Beratungen. "Der Kongress war kein Fake. Ich meine es ernst und ich binde mich an die Ergebnisse aus der Beratung", betont Bätzing. Für ihn brauche es jetzt den guten Austausch in den kurialen und synodalen Gremien auf Entscheidungen hin.

Wie sehen engagierte Laien das? Barbara Wieland engagiert sich ehrenamtlich im Bistum Limburg. "Die Pläne zu Veränderungen auf der Pfarreiebene waren gut angelegt und hatten auch von Beginn an nicht nur die Strukturen, sondern auch die geistliche Dimension und die inhaltliche Arbeit im Blick", betont die Kirchenhistorikerin. Dahinter habe eine theologisch fundierte Idee gestanden, die den unterschiedlichen Situationen im Bistum aus Stadt, Land und Diaspora Raum gegeben habe. Dazu habe der Prozess auch einen subsidiären Ansatz gehabt, der die Rollen der Ebenen in den Blick genommen habe. Die zwischenzeitliche Entwicklung des Prozesses sieht die synodal engagierte Katholikin aber durchaus kritisch.

Ehrenamt

"Vor Ort gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den hauptberuflich Tätigen und den ehrenamtlich Engagierten zuweilen durchaus schwierig", stellt sie fest. Zu oft würden Entscheidungen auf der hauptamtlichen Ebene der Pfarrei getroffen, ohne die offiziell bestellten Ortsausschüsse an den Kirchorten angemessen zu beteiligen. Die gute Idee des Netzwerkes in der Pfarrei könne dann nicht greifen, wenn es kein vernetztes Arbeiten von Haupt- und Ehrenamt gebe. Die Ergebnisse des Kongresses im Oktober sieht Wieland übrigens nicht so überzeugend wie der Bischof. Der Transformationsprozess im Hinblick auf die mittlere Ebene sei ins Stocken geraten und zuweilen auch intransparent. Bis heute liege zudem kein Protokoll der Ergebnisse des Kongresses für die Weiterarbeit vor. Barbara Wieland ist es wichtig, dass die vereinbarte synodale Beteiligung auch tatsächlich stattfindet. "Gerade in unserem seit mehr als 50 Jahren auf Synodalität angelegten Bistum sollte das ehrenamtliche Mandat auch hier eine stärkere Rolle spielen."

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