BISTUMSREFORMEN

Bistum Dresden-Meißen: Sparen und fahren im Namen des Herrn

Geld wird knapp. Das Bistum Dresden-Meißen hat die Strukturreform weitgehend gestemmt. Doch nun kommen auf die Pfarreien finanziell klamme Zeiten zu. 
Bistum Dresden- Meißen
Foto: Markus Nowak | Reform gelungen, das Geld für die Gemeinden bleibt im Bistum Dresden- Meißen dennoch knapp.

Im Bistum Dresden-Meißen haben die Strukturreformen mit einem "pastoralen Erkundungsprozess" begonnen, den der damalige Bischof Heiner Koch im Oktober 2013 in die Wege leitete. "Wenn wir wirklich Kirche bei den Menschen sein wollen, kann es nicht einen einheitlichen pastoralen, personellen und finanziellen Plan für unser sich von Ost nach West über 300 Kilometer erstreckendes Bistum geben", betonte er damals. Koch schickte die Pfarreien seines Bistums auf die Suche, wo in ihrem Umfeld Herausforderungen anstehen und wo zur Lösung der künftigen Aufgaben Zusammenschlüsse möglich sein würden. Sein Nachfolger, Heinrich Timmerevers, ermutigte die ehemals 97 Pfarreien zu einem geistlichen Aufbruch: "Es muss um die Frage gehen: Wie sind wir Kirche vor Ort und in unserer Region, und was ist der Auftrag Gottes an uns heute?"

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Vor Ort prüfen

Die Pfarreien sollten prüfen, wie das kirchliche Leben in ihrem Bereich aussieht, welche Formen der Zusammenarbeit bereits existieren und welche pastoralen Schwerpunkte mit den vor Ort vorhandenen Möglichkeiten gesetzt werden können. Diese neuen Gemeindeverbünde nannte das Bistum Dresden-Meißen "Verantwortungsgemeinschaften". Auch kirchliche Orte wie katholische Schulen, Ordensniederlassungen, Caritas-Einrichtungen und ökumenische Aspekte fanden Berücksichtigung.

 "Inzwischen sind diese Strukturanpassungen   mit Ausnahme des sorbischen pastoralen Raums   im Wesentlichen abgeschlossen", berichtet der Sprecher des Bistums, Michael Baudisch, im Gespräch mit der "Tagespost". Geblieben sind 37 durch Neugründungen entstandene Pfarreien. Die Veränderungsprozesse habe man transparent kommuniziert. Im Zusammenhang mit der Strukturreform sei die Schließung von Gotteshäusern und die Aufgabe von genutzten Flächen in den einzelnen Gemeindeteilen kein vorrangiges Thema gewesen. Allerdings kämen diese Fragen durch den Rückgang an Kirchenmitgliedern und an Mitteln, die finanzstärkere Bistümer als Ausgleichzahlungen an Diasporabistümer leisten, nun auf die Kirchenleitung zu. Jetzt will man in einem Strategieprozess klärten, "was wir uns als Bistum in Zukunft noch leisten können", erläutert Baudisch.

Größere Struktur

Für Maximilian Mattner aus Dresden ist die Strukturreform an vielen Orten erfolgreich gewesen: "Entgegen einiger Befürchtungen hat sie nach meinem Eindruck, zumindest in städtischen Gebieten, nicht zu neuer Anonymität oder zu einer Überforderung des Seelsorgepersonals geführt." Dazu habe beigetragen, dass das Bistum im vergangenen Jahr damit begonnen habe, Verwaltungsleitungen anzustellen, die das Seelsorgepersonal stark entlasten. Schwieriger ist die Lage in den Flächenpfarreien. Der leitende Pfarrer von Zwickau, Dekan Markus Böhme, kümmert sich mit derzeit noch drei weiteren Priestern um die 7 500 Katholiken, die er auf einer Fläche findet, die so groß ist, wie die Bundeshauptstadt Berlin.

Zunächst waren auf dem Gebiet der heutigen Großpfarrei Heilige Familie Zwickau drei neue Pfarreien geplant. Am Ende seien aber alle drei zu einer Pfarrei zusammengeschlossen worden. "Ich habe das anfangs sehr kritisch gesehen, weiß aber heute, dass es durchaus Sinn gemacht hat, diese größere Struktur zu wählen, da wir ansonsten in ein paar Jahren wieder damit angefangen hätten, Zuschnitte zu verändern", ergänzt Böhme. Will er all seine Kirchen abfahren, braucht er für die etwa 150 Kilometer circa viereinhalb Stunden.

Da wird die Seelsorge zur echten Herausforderung. Nach einer solchen Tagesreise durch die Gemeinde liegt abends der Schreibtisch nämlich immer noch mit Arbeit voll. Deshalb ist Markus Böhme froh, dass er demnächst Entlastung durch eine Verwaltungsleitung erfahren wird. Allerdings hat er auch Verständnis für diejenigen, die kritisieren, dass der pastorale Erkundungsprozess wie ein frommes Mäntelchen wirke, das man der Strukturreform umgehängt habe. Er wünscht sich zuweilen in den Gemeinden mehr Bereitschaft, über den Tellerrand des eigenen Kirchortes zu schauen, um die neue Struktur als Gemeinschaft wahrzunehmen und sich darauf einzulassen.

Finanzieller Druck

Strukturveränderungen sind immer mit Einschnitten vor Ort verbunden, wo geschätzte Einrichtungen wegfallen und geliebte Gewohnheiten nicht mehr praktiziert werden können, weil Personal und Geld nicht mehr vorhanden sind. Der Bistumshaushalt wies, bei einem Haushaltsvolumen von etwa 75 Millionen Euro, im Jahre 2020 ein Defizit von 15 Millionen Euro aus. Für das Jahr 2026 wird eine Haushaltslücke von 17,5 Millionen prognostiziert. Das deutet darauf hin, dass ein massiver Sparprozess auf den Strukturprozess folgen wird. "Die entsprechenden Lasten werden dabei voraussichtlich die Pfarreien und damit die Kirchensteuerzahler vor Ort tragen. Sie werden, das zeichnet sich bereits jetzt ab, drastische Einschränkungen an ihren Kirchorten hinnehmen müssen", befürchtet der engagierte Dresdener Katholik Thomas Linz. Schon heute würden Gelder für die Gemeinden und die Gemeindearbeit gekürzt, die Kirche zieht sich zunehmend aus der Fläche zurück. Für Investitionen vor Ort bestehe kaum noch Spielraum.

Trotz des hohen finanziellen Drucks, der tatsächlich auf dem Bistum laste, habe Bischof Timmerevers seit 2020 mit dem "Haus der Kathedrale" und dem neuen "Ordinariat" in Dresden Baumaßnahmen in einem Umfang von etwa 50 Millionen Euro angestoßen oder geduldet. "Das verstehen viele Menschen an der Basis nicht mehr. Auch, dass bei den Planungen für das neue Ordinariat vom jetzigen Stellenbestand und Raumbedarf ausgegangen wird, ist nicht sinnvoll", ergänzt Linz. Wenn die Anzahl der Christen und der Pfarreien dramatisch sinke, müsse sich das auch in der Verwaltungsgröße des Ordinariats niederschlagen. Zudem könne ein zukünftig verändertes Büronutzungsverhalten durch mobile Arbeit zu weniger Bürobedarf führen.

Geld wird knapp

Mit einem Bruchteil des prognostizierten Aufwandes könne man stattdessen das bestehende Ordinariatsgebäude ertüchtigen. "Es gibt ein fatales Bild ab, wenn der Glauben vor Ort aus Kostengründen immer häufiger nicht mehr verkündet und in Gemeinschaft gelebt werden kann, aber die oberste Kirchenverwaltung sich gleichzeitig einen sehr teuren Verwaltungsneubau leistet", ergänzt Linz. Gemeinsam mit anderen hat er dem Bischof im November 2020 einen Brief geschrieben, in dem die Unterzeichner ihre Besorgnis auf den Punkt bringen, dass strukturelle und finanzielle Entscheidungen des Bistums bei den Gläubigen vor Ort zunehmend für Enttäuschung und Frustration sorgen.

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Anlass für den Brief war die Schließung der St. Benno Buchhandlung in Dresden, der ein Streit um die seitens des Ordinariates geforderte Miethöhe zugrunde lag. "Die St. Benno Buchhandlung war ein Aushängeschild der katholischen Kirche im Bistum. Und damit eine der wenigen ausschließlich positiv besetzten Institutionen der Kirche in der heutigen Zeit", stellt Linz fest. Inzwischen stehe der Verkaufsraum in bester Innenstadtlage seit über einem Jahr leer   und das Ordinariat bekommt statt der erhofften höheren Miete gar kein Geld. Das bischöfliche Ordinariat habe zumindest damals offenbar kein Interesse daran gehabt, die Buchhandlung zu unterstützen.
"Wir werden hier in Zukunft erklären müssen, wie und wofür wir unsere Gelder verwenden", räumt Baudisch ein. So sei der geplante Ordinariatsneubau auch eine Investition in die Zukunft, die künftig dazu beitragen soll, Geld einzusparen. Es sei nicht so, dass alle Mittel nur nach Dresden flössen. In den Gemeinden gebe es ebenfalls weiterhin Bautätigkeiten.

Platz für Aufbrüche

Da bleibt natürlich auch hier die Frage, inwieweit bei aller struktureller Veränderung und finanzieller Herausforderung noch Raum für inhaltliche Aufbrüche bleiben kann. Für Pfarrer Böhme aus Zwickau ist es wichtig darauf zu schauen, wie man die Menschen erreichen kann. Er nutzt dazu die sozialen Netzwerke und hat 2012 auf Facebook damit begonnen, kurze Impulse zu seinen aktuellen Predigtthemen zu veröffentlichen. Inzwischen macht er das mit bewegtem Bild auch auf YouTube. Das hat sich in der Pandemie so sehr bewährt, dass Böhme das auch nach Corona fortsetzen wird.

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