Bistumsreformen

Verunsicherung im Erzbistum Freiburg

Strukturprozess im Erzbistum Freiburg sorgt für massive Veränderungen. Aus 224 Seelsorgeeinheiten mit 1 000 Pfarreien entstehen künftig 36 Großpfarreien. Kirche vor Ort verändert sich dramatisch.
Strukturprozess im Erzbistum Freiburg
| Im März 2022 soll eine diözesane Pastoralkonferenz tagen, bei der 250 Beteiligte über das Projekt Kirchenentwicklung 2030 abstimmen werden.

Wir wollen miteinander in die Zukunft gehen", beschreibt der Freiburger Erzbischof Stephan Burger die Idee der Strukturreformen im Erzbistum Freiburg, die unter dem Schlagwort Kirchenentwicklung 2030 stehen. Es gehe um die Neuausrichtung der seelsorglichen Arbeit. Um die Herausforderungen zu bewältigen sei das Engagement aller, die sich für die Kirche einsetzen wollen, erforderlich. Viele Gläubige nehmen den Prozess allerdings, wie auch in anderen Bistümern, vorrangig als den zurückgehenden Kirchensteuererwartungen und dem Priestermangel geschuldete strukturelle Maßnahmen wahr, die die Kirche inhaltlich nicht voranbringen werden.

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Dritte Version

Im Gespräch mit der "Tagespost" beschreibt der Projektverantwortliche im Erzbistum, Wolfgang Müller, die aktuellen Pläne. Er betont, dass es nicht allein um Strukturen gehe. Man habe die Absicht, die pastorale Arbeit inhaltlich neu aufzustellen. Anders als in anderen Bistümern ist das Freiburger Ordinariat nicht mit fertigen Plänen auf die Pfarreien zugegangen. "Wir haben vielmehr die Menschen in den verschiedenen Dekanaten unseres Bistums in Konferenzen gefragt, wie sie sich eine Raumstruktur für ihren Bereich vorstellen können", erklärt Müller. So habe man gemeinsam Pläne entwickelt, die man in einem Gesamtplan für das Erzbistum zusammengeführt habe. Aufgrund weiterer Rückmeldungen gibt es nun eine dritte Version des Plans, die als Beratungsgrundlage dient.

Riesige Pfarreien

2015 hat das Erzbistum in einer Strukturreform aus seinen gut 1000 eigenständigen Pfarreien 224 Seelsorgeeinheiten gestaltet, die nun erneut zur Disposition stehen. Wollte man erst 40 Großpfarreien installieren, so werden es jetzt sogar nur 36 sein. Das hänge, so Müller, mit den Wünschen der Beteiligten vor Ort zusammen. So entsteht im Dekanat Bruchsal künftig eine Pfarrei mit 114000 Katholiken. "Das hatten wir so in Freiburg nicht geplant. Es war vielmehr der mehrheitliche Wunsch der Gremien vor Ort, das komplette Dekanat zu einer Pfarrei zu machen", erläutert Müller. Diesem Vorschlag sei das Erzbistum gefolgt. Bei solchen Pfarreigrößen sei es erforderlich, Unterstrukturen zu haben, die funktionieren. "Deshalb haben wir schon 2015 bei der Schaffung der neuen Kirchengemeinden die so genannten Gemeindeteams eingeführt", erläutert Müller. Sie sollen das Leben der Gemeinde begleiten und strukturieren. An der Spitze der neuen Großpfarreien wird, nach den kirchenrechtlichen Vorgaben, jeweils ein leitender Pfarrer stehen. In den Substrukturen sind eigene Konzepte gefragt, die regional durchaus unterschiedlich sein dürfen. Auf der Ebene der heutigen Pfarreien und Seelsorgeeinheiten ermutigt die Kirchenleitung zu neuen Führungskonzepten.

Die strukturellen Veränderungen stoßen an der kirchlichen Basis auf Kritik. Dort hat man das Gefühl, dass ein Stück Heimat genommen wird, wenn sich alles in großen Einheiten bündelt. Martina Kastner ist die Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Freiburg. Die Laienvertreterin kennt die Sorgen und Nöte der Menschen. "Schon als die ersten Pläne zu den vergrößerten Räumen vorgestellt wurden, war der Aufschrei bei den Engagierten im Erzbistum groß", beschreibt sie. Schließlich seien bereits durch die Seelsorgeeinheiten größere Räume geschaffen worden. Die nun geplanten noch größeren Einheiten würden die Menschen vor Ort verunsichern. Nach der ersten Pastoralkonferenz habe das Erzbistum die Coronazeit genutzt, um die Begleitung der Pfarreien vor Ort zu verbessern. Unterschiedliche Sorgen bleiben, so Martina Kastner, dennoch. Zum Beispiel, dass man künftig zum Gottesdienstbesuch 50 Kilometer oder weiter fahren müsse.

Verantwortung für Laien

Dazu kämen die Befürchtungen, dass über Angelegenheiten, die vor Ort von besonderer Bedeutung sind, ein Gremium entscheide, dem der lokale Bezug fehle.
Die Beteiligung der Laien soll in der neuen Struktur weiterhin eine Rolle spielen. "Auch dort wird es so etwas wie die heutigen Pfarrgemeinderäte geben", erklärt Müller. Um eine bessere Unterscheidung sicherzustellen, heißen diese künftig Pfarreiräte. "Auch eine Konstruktion mit Stiftungsräten, die vergleichbar sind mit Kirchenvorständen in anderen Bistümern, wird es weiter geben, so dass Laien die Verantwortung für Verwaltung und Seelsorge mittragen", ergänzt der Projektverantwortliche. Um die Schritte des Zusammenwachsens schon jetzt zu erleichtern, kümmern sich jeweils zwei ernannte Projektkoordinatoren um die künftigen Großpfarreien. Sie besuchen im Vorfeld die bestehenden Pfarrgemeinderäte, um die dortigen Erwartungen in den Prozess des Umbaus miteinbringen zu können.

Lange Wege für eine Messe

Birgit Durney sieht mit großer Sorge auf den Veränderungsprozess. Sie hat in ihrer dörflichen Umgebung bereits bei der Umwandlung zu den Seelsorgeeinheiten festgestellt, dass vieles an gemeindlichen Aktivitäten und im Leben als eucharistische Gemeinschaft verloren gegangen ist. Der vertraute Geistliche wurde kurz nach der Bildung der Seelsorgeeinheit aus der Gemeinde abgezogen, die seitdem keine personale Begleitung durch einen Priester vor Ort mehr hatte. Das eingesetzte Gemeindeteam konnte diese Lücke selbstverständlich nicht schließen. Viele Angebote, wie die beliebte Fatimamesse, fanden nicht mehr regelmäßig statt und die Gottesdienstzeiten wechselten häufig, so dass man sich diese kaum noch merken konnte.

Als die jugendlichen Kinder der Konvertitin einen eigenen Gebetskreis ins Leben riefen, sah sich der Pfarrer der Seelsorgeeinheit über die Dauer von drei Jahren nicht ein einziges Mal im Stande, diesen Gebetskreis zu besuchen. Das alles zeige, wie sehr die Schaffung immer größerer pastoraler Räume dem Gemeindeleben abträglich sein. "Viele Menschen nehmen inzwischen bei uns lange Wege bis zu eine Stunde in Kauf, um die Eucharistie feiern zu können oder die Beichte abzulegen", stellt Durney fest.

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Mission ist wichtiger

"Die Evangelisation und das missionarische Handeln der Kirche sind viel wichtiger als Strukturreformen", erklärt Hans Zier. Der Lehrer im Ruhestand engagiert sich im Schönstatt-Familienbund. Er erlebt in seinem Umfeld, dass sich viele Menschen danach sehnen, dass die Glaubensverkündigung und die Vermittlung von Glaubensinhalten wieder eine stärkere Aufmerksamkeit erfahren. Seit den 80er Jahren habe sich die Kirche in vielen Bereichen dahin entwickelt, eine "Ankomm-Theologie" zu verfolgen, bei der das im Mittelpunkt stehe, was die Menschen gerne hören möchten. Gemeinsam mit seiner Frau engagiert er sich in der ökumenischen Initiative "Miteinander für Europa", einem Netzwerk, in dem mehr als 300 christliche Gemeinschaften und Bewegungen verschiedener Kirchen versammelt sind. "Dort findet jenseits aller Strukturen ein Austausch von Menschen statt, die mehr religiöse Tiefe suchen", berichtet Zier. "In unserer Kirche wird zu viel über Strukturen geredet und zu wenig über Glaubensverkündigung", bringt er seine Kritik auf den Punkt.

Pastoralkonferenz geplant

Dem Argument, es gehe in den Reformen vieler Bistümer vorwiegend um Struktur- und Finanzfragen und zu wenig um Inhalt will Müller nicht folgen. Im Erzbistum Freiburg habe man extra eine Arbeitsgruppe mit dem Namen "Gesamtstrategie" eingesetzt, die die Aufgabe habe, zu überlegen, wo man in den kommenden Jahren inhaltliche Schwerpunkte setzen wolle. "Ich bin davon überzeugt, dass diese Inhalte die Arbeit in der Diözese in den kommenden Jahren noch erheblich weiter verändern werden", erläutert Müller. Im Rahmen dieser Überlegungen gehöre es allerdings auch dazu, Entscheidungen zu treffen, aus welchen Bereichen sich das Erzbistum in der Zukunft inhaltlich zurückziehen werde.

Im März 2022 wird, wenn es die Pandemielage zulässt, eine diözesane Pastoralkonferenz tagen, bei der 250 Beteiligte über das Projekt Kirchenentwicklung 2030 abstimmen werden. Das Beratungsergebnis wird der Freiburger Erzbischof dann in seine Überlegungen einfließen lassen und eine Entscheidung über die künftige Ausrichtung des Erzbistums treffen. 

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