Hamburg

Es herrscht Ebbe im Norden

Den Katholiken in der Diaspora macht der Glaubensschwund inmitten einer zerstreuten Herde zu schaffen.
Mariendom in Hamburg
Foto: Maria Feck (KNA) | Der Dom Sankt Marien am 20. Mai 2021 in Hamburg.

Besorgt äußert sich der brasilianische Pfarrer Sergio Santos Reis, der die Portugiesische Mission in Hamburg betreut, über die Lage im Erzbistum: „Es ist katastrophal: Während in Brasilien neue Kirchen gebaut werden, werden sie hier in Hamburg geschlossen. Die Verkündigung hat in Brasilien einen hohen Stellenwert, deswegen müssen immer neue Räumlichkeiten geschaffen werden.“

Der Abbau und Verkauf von Kirchen und Gebäuden wurde von Erzbischof Stefan Heße und seinem Generalvikar Ansgar Thim Anfang diesen Jahres offiziell begonnen. 80 Prozent der Gebäude stehen bei der „Vermögens- und Immobilienreform“ (VIR) auf dem Prüfstand. Zu leiden haben darunter empörte Katholiken, wie diese Zeitung vor Ort am Ostufer der Kieler Förde erfuhr. Nachdem zehn Gemeinden rund um die Landeshauptstadt Kiel meist gegen den Willen vieler Katholiken zu einem „Pastoralen Raum“ fusioniert wurden, sollen nun gleich mehrere katholische Kirchen auf dem Ostufer profaniert und verkauft werden.

Abriss katholischer Kirchen als Modell?

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In der offiziellen Broschüre des Erzbistums vom Mai 2021 wird die Schließung der Stella-Maris-Kirche in Alt-Heikendorf sogar als Modell beschrieben. Die Katholiken sollen und dürfen nun in Zukunft in der evangelischen Kirche ihre Gottesdienste feiern, Weihnachten und Ostern allerdings ausgenommen.
Schon die Bildung des Pastoralen Raumes unter Leitung des in Kiel residierenden Pfarrers Thomas Benner sei über ihre Köpfe hinweg erfolgt, schimpften katholische Gemeindemitglieder im benachbarten Schönberg. Dazu hätten einer päpstlichen Instruktion zufolge weder die vorgebrachten Finanznöte noch der beschworene Priestermangel herangezogen werden dürfen. Auf „kaltem Wege“ seien den vorher selbstständigen Pfarrgemeinden das Eigentum an den Kirchen und Immobilien „enteignet worden“, echauffierte sich ein älterer Katholik gegenüber dieser Zeitung. Ein persönlich überbrachter Protestbrief sei ungeöffnet vor den Augen der Beschwerdeführerin von Benner in den Papierkorb geworfen worden. Alle von Gemeindemitgliedern vorgeschlagenen Maßnahmen zum Erhalt der Kirche, wie etwa der Verkauf des Gemeindehauses an die Kommune, die dort einen Kindergarten für ein Neubaugebiet einrichten wollte, seien abgeschmettert worden. Der Verkauf und der Abriss der St. Ansgar-Kirche in Schönberg sei nur dadurch verhindert worden, dass die Kirche kürzlich unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Soll der Abriss katholischer Kirchen und die Fusion mit den „evangelischen Nachbarn und Nachbarinnen“ zum Modell werden? Es scheint so, denn auch ein zweites in der offiziellen Broschüre der VIR geht in diese Richtung. Die evangelisch-lutherische Kirche im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd wird hier als Vorreiter beschrieben. Dort wurden zunächst drei Gemeinden fusioniert, dann Kirchen verkauft, um gemeinsam mit der „Arbeiterwohlfahrt“ (AWO) und anderen staatlichen Einrichtungen ein „Zentrum für Kirche, Kultur und Soziales“ neu zu erbauen. Die evangelische Kirche kann in diesem Zentrum Räume nutzen und spart so Finanzen. Der evangelische Pastor Einfeldt behauptet, dass dieses Zentrum auch für seine Gemeinde „ein Gewinn“ sei.

Mit Messen überschwemmt?

Von einer Fusion dieser Art ist bislang noch die katholische St. Sophiengemeinde in Barmbek-Süd verschont geblieben, die von Mönchen und Priestern des Dominikanerordens betreut wird. Sie bietet ein reiches Angebot an heiligen Messen an, die auch unter den sehr misslichen Bedingungen der Corona-Restriktionen relativ gut besucht werden. In den zwei werktäglichen Messen finden sich zusammen 50 bis 60 Besucher ein. Die fünf Messen am Wochenende werden von mehreren Hundert Besuchern frequentiert, von deutschen Christen ebenso wie von denen der Ghanaischen Mission. Kritische Worte allerdings mussten sich die Patres des heiligen Dominikus, dessen 800. Todestag in diesem Jahr begangen wird, aus dem Ordinariat anhören: Sie würden ihre Gemeinde „mit Messen überschwemmen“.

In dieser Hinsicht müsste das Ordinariat über einen ganz im Norden des Landes gelegenen Pastoralen Raum glücklich sein, der erst am 28. Februar diesen Jahres installiert wurde. Bei einem Besuch der heiligen Messe an einem Freitagabend in der St. Knud-Kirche in Husum zählte der Autor gerade einmal neun Katholiken. Erschreckender noch als diese kleine Schar von Katholiken war der Blick in die Gottesdienstordnung des Pastoralen Raumes: Die vier dort installierten Priester, einschließlich der dortigen Gastpriester, boten von Montag bis Freitag für die zehn Kirchen in Nordfriesland nur fünf heilige Messen an.  Würde jeder der vier Priester nur der üblichen Pflicht des täglich zu feiernden Messopfers nachgehen, müssten eigentlich zwanzig heilige Messen in der Gottesdienstordnung stehen. Sie würden sicher von katholischen Gläubigen, die als Touristen auf den Inseln Sylt, Amrum und Föhr sowie auf der Halbinsel Eiderstedt weilen, gut frequentiert werden.

Ist diese „Ebbe“ von heiligen Messen im Sinne des Ordinariats und des Bischofs? Oder haben Priester wie Gläubige gleichermaßen die Lust verloren, das Herzstück des katholischen Glaubens, die heilige Eucharistie zu feiern? Schnell wird als Begründung für diese Zustände angeführt, man befände sich ja als Katholik in der „Diaspora“, womit gemeinhin die Situation einer Minderheit im Gegenüber zu einer andersgläubigen oder evangelischen Mehrheit gemeint wird.
Diese Begründung leuchtet allerdings nicht so richtig ein. Immerhin ist die Zahl der Katholiken in Schleswig-Holstein (172 000) und in Hamburg (175 000) gar nicht so klein. In den letzten 120 Jahren wuchs die Zahl der Katholiken in Hamburg von einem Prozent der Bevölkerung auf immerhin gut zehn Prozent.
Vom griechischen Wortsinn her meint das Wort „Diaspora“ – und damit kommt man der Wahrheit über die angesprochenen katastrophalen Verhältnisse im Erzbistum Hamburg näher – eine „Zerstreuung“ oder Vertreibung von Christen. Positiv gesagt, fehlt es an der „Sammlung“ von katholischen Christen in den bestehenden Gemeinden und der Gewinnung von neuen Christen.

Das Evangelium wird nicht mehr verbreitet

In allen drei Regionen in Hamburg, Kiel und Nordfriesland ist schon lange keine „Gemeindemission“ mehr durchgeführt worden, dieses alte, früher so segensreich praktizierte Instrument der Volksmission. Selbst in DDR-Zeiten wurden Gemeindemissionen noch in vielen Gemeinden veranstaltet, woran große Holzkreuze mit eingravierten Jahreszahlen erinnern. Warum hörte man nach der Wende damit auf, auch in Mecklenburg-Vorpommern, was heute größtenteils zum Erzbistum Hamburg gehört, das Evangelium zu verbreiten? Um es in einem Bild auszudrücken: Katholiken in den drei nördlichsten Bundesländern fühlen sich gleichsam „vom Winde verweht“.

Zusätzlich zu der schon vorher bestehenden Zerstreuung und der ausgebliebenen Sammlung katholischer Christen, finden nun in zahlreichen Kirchen werktags gar keine Gottesdienste mehr statt. Stattdessen werden der Verkauf und der Abriss der Gebäude im Nachgang zu den Fusionen angekündigt, um die Kirche angeblich „zukunftsfähig“ zu machen. Nun sehen sich Menschen in den Ländern, in die nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen evangelische und katholische Vertriebene flohen, vor die Situation gestellt, dass sie noch einmal aus ihren mühsam aufgebauten Kirchen und Gemeinden vertrieben und vom kalten Wind eines ökonomisch denkenden Zeitgeistes in eine neue Zerstreuung geführt werden sollen.

Wer trägt die Verantwortung oder die Schuld für die eingangs von Pfarrer Reis als „katastrophal“ empfundenen Zustände im Erzbistum Hamburg? Bischöfe, Priester und Pfarrer allein dafür verantwortlich zu machen wäre zu einfach, seit das Zweite Vatikanische Konzil, etwa in der Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“, die Verantwortung der „Laien“ für die Mission betont hat. In der Folge des Konzils haben alle Päpste diese evangelistische Verantwortung betont, die sich an die Worte Jesu anschließt: „Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Lukas 11, 23). Da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, bleibt nur zu erwarten, dass im 21. Jahrhundert auch in der Diaspora des Nordens eine Umkehr von den beschriebenen Irrwegen geschieht, damit Kirchen nicht abgebaut, sondern Gemeinden wieder neu aufgebaut werden.

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