Madrid

Spanische Bischöfe geben Gutachten zu sexuellem Missbrauch in Auftrag

Gegen frühere Beteuerungen beauftragt die spanische Bischofskonferenz eine externe Anwaltskanzlei mit der Aufarbeitung. Dies hängt auch mit einem Vorschlag politischer Parteien zusammen.
Untersuchung in der spanischen katholischen Kirche
Foto: Isabel Infantes (EUROPA PRESS) | Kardinal Juan Jose Omella (r), Vorsitzender der Bischofskonferenz, kündigt auf einer Pressekonferenz in Madrid eine unabhängige Prüfung der Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in der spanischen katholischen Kirche an.

Die spanische Bischofskonferenz hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Spanien durch ein unabhängiges Anwaltsbüro untersuchen zu lassen.

Laut der spanischen Zeitung „La Vanguardia“ ist die Entscheidung getroffen worden, nachdem mehrere politische Parteien einen Parlamentsausschuss zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche vorgeschlagen hätten. Die Mehrheits-Regierungspartei, die sozialistische PSOE, habe allerdings die Einsetzung einer Kommission unter der Leitung des Bürgerbeauftragten und unter Beteiligung verschiedener Sektoren einschließlich der Kirche favorisiert. 

Ein Problem der Gesellschaft, nicht nur der Kirche

Die meisten Mitglieder der Bischofskonferenz – so „La Vanguardia“ weiter – hätten sich aber dagegen ausgesprochen, in irgendeiner Kommission mitzuarbeiten. In dem Zusammenhang wies der Erzbischof von Sevilla, José Ángel Saiz Meneses, darauf hin, dass katholische Priester nur für 0,2 Prozent der gesamten Missbrauchsfälle verantwortlich seien. „Jeder einzelne Fall ist äußerst schwerwiegend und darf nicht toleriert werden, aber der sexuelle Missbrauch ist ein Problem der Gesellschaft, nicht nur der Kirche“. Vor diesem Hintergrund sei nach der spanischen Zeitung die Entscheidung getroffen worden, eine unabhängige Anwaltskanzlei mit der Erstellung eines Gutachtens zu beauftragen.

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Noch Anfang Dezember hatte der Generalsekretär der spanischen Bischofskonferenz, Bischof Luis Argüello, beteuert, dass die spanischen Bischöfe im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland kein Gutachten in Auftrag geben würden: „Es wird keine soziologischen oder statistischen Untersuchungen geben. Alle Bischöfe sind für eine fallweise Aufklärung“. Dazu hätten sie mit Zustimmung Roms ein Dekret erlassen, das alle kanonischen Vorschriften in einem einzigen Dokument zusammenfasse, und in allen spanischen Diözesen anzuwenden sei.

Untersuchungszeitraum von 12 Monaten

Am Dienstag haben Erzbischof Juan José Omella als Vorsitzender der spanischen Bischofskonferenz und Javier Cremades als Präsident der Anwaltskanzlei Cremades & Calvo-Sotelo in einer Pressekonferenz den Auftrag vorgestellt: Die Untersuchung soll sich zunächst über einen Zeitraum von zwölf Monaten erstrecken, um eine „glaubwürdige, den Tatsachen entsprechende Prüfung“ durchzuführen. Sie soll sich sowohl mit aktuellen als auch mit Fällen befassen, die in der Vergangenheit liegen, wobei jedoch der genaue Zeitraum der Untersuchung nicht angegeben wurde.

Der Jurist Cremades erklärte: „Wir werden den ganzen Weg gehen. Wir haben ein Mandat angenommen, um unabhängig und in Zusammenarbeit mit den Diözesen zu arbeiten.“ Zudem betonte er, dass das Projekt „keine Alternative, sondern eine Ergänzung“ zu den in den Diözesen laufenden Untersuchungen sei. Es sollen 18 Fachleute aus der Anwaltskanzlei mitarbeiten. „Aber wir sind offen für die Einbeziehung von Persönlichkeiten aus der Welt der Kultur oder der Psychologie“, so Cremades.

Erzbischof Omella bat „öffentlich alle Betroffenen um Verzeihung, die so viel Leid erlitten haben und erleiden“. Er drückte das Interesse der Kirche aus, „ihrer Verpflichtung zur sozialen Transparenz, zur Hilfe und Wiedergutmachung für die Opfer und zur Zusammenarbeit mit den Behörden nachzukommen. Die Opfer sind keine Nummer, sondern Menschen mit einem Gesicht und einer Geschichte“. Allerdings fügte er auch hinzu: „Wir sind erschüttert über die Missbräuche in anderen Einrichtungen und bitten darum, dass auch diese untersucht werden“.

Betroffene reagieren mit "Unglauben und Empörung"

Betroffenenvertretungen, etwa ANIR („Nationale Vereinigung Gestohlene Kindheit“) hatten die Ankündigung „mit Unglauben und Empörung“ aufgenommen. ANIR erklärte: „Das wird als externe und unabhängige Prüfung verkauft, aber das ist es nicht. Wir fordern erneut, dass die Hierarchie der spanischen Kirche den Willen und eine feste Haltung zeigt und nicht mit der Vertuschung dieser Verbrechen fortfährt“.

Darauf antwortete Javier Cremades auf der Pressekonferenz: „Ich verstehe die Betroffenen, insbesondere die, die in Vereinigungen aktiv mitarbeiten. Ich hoffe, dass unsere Arbeit ihnen helfen, sie unterstützen und ihnen Wiedergutmachung leisten wird“. Der Anwalt bat sie um ein Vertrauensvotum, „weil wir ihnen eine individuelle Betreuung anbieten werden“. Deshalb werde die Kanzlei demnächst das Gespräch mit verschiedenen Betroffenenvereinen suchen, um deren Forderungen zu erfahren. „Wir wollen den Menschen in den Mittelpunkt stellen“, wohl wissend, dass „wir es mit einem systemischen Machtkampf in der Gesellschaft zu tun haben“.

Keine Zweifel an der Unterstützung des Vatikans

Hinsichtlich der Methodik erklärte Cremades, dass die Kanzlei ein „hybrides“ Arbeitssystem einsetzen werde, das die Erfahrungen aus Australien, Frankreich und Deutschland berücksichtige. Die Kanzlei werde mit zwei Partnern der Anwaltskanzlei zusammenarbeiten, die für die Diözese München das Gutachten erstellt habe. Sie würden jeden Monat nach Madrid kommen, um den Prozess zu begleiten. Laut Cremades haben die spanischen Anwälte auch Jean-Marc Sauvé kontaktiert, der die Kommission leitete, die das Gutachten für Frankreich erstellte.

Erzbischof Omella sagte, der Heilige Stuhl werde unverzüglich darüber informiert. Er habe aber keine Zweifel an der Unterstützung des Vatikans für diesen Vorschlag. „Wir haben uns immer an die Protokolle von Rom gehalten. Während des Ad-Limina-Besuchs wurde uns gesagt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

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