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Sechs Jahre auf Kollisionskurs

Zwischen Reformanspruch und wachsender Distanz zu Rom: Georg Bätzings Amtszeit an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz endet mit einer gespaltenen Kirche. Ein Blick auf die vergangenen sechs Jahre.
Bischof Georg Bätzing kandidiert nicht mehr für Vorsitz der DBK
Foto: IMAGO / epd | Der Limburger Bischof Georg Bätzing steht für das Amt des Vorsitzenden der deutschen Bischöfe nicht mehr zur Verfügung. Ein Rückblick auf sein Wirken.

Der Limburger Bischof Georg Bätzing wird für eine weitere Amtszeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) nicht mehr zur Verfügung stehen. Während viele Kritiker des deutschen Synodalen Weges diese Entscheidung erwartet haben, werden andere den wohl prominentesten Reformbefürworter im deutschen Episkopat womöglich vermissen. Unstrittig ist: Unter Bätzings Vorsitz haben sich die Spannungen zwischen der Kirche in Deutschland und Rom deutlich verschärft.

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Als Bätzing im März 2020 zum Vorsitzenden der DBK gewählt wurde, ahnte kaum jemand, dass seine Amtszeit von mehreren tiefgreifenden Krisen geprägt sein würde. Er trat die Nachfolge des Münchner Kardinals Reinhard Marx an, der die Kirche in Deutschland auf den Weg des Synodalen Prozesses geführt hatte – und sah sich nur wenige Tage später mit den massiven Einschränkungen der Corona-Pandemie konfrontiert. Seither war Bätzings Amtszeit bestimmt von Reformdebatten, gesellschaftspolitischen Stellungnahmen, anhaltenden Konflikten mit Rom sowie der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs.

Start unter Krisenbedingungen

Die ersten Monate seiner Amtszeit standen ganz im Zeichen der Pandemie. Gemeinsam mit den Bischofskollegen verantwortete Bätzing Entscheidungen, die tief in das kirchliche Leben eingriffen: Öffentliche Gottesdienste wurden zeitweise ausgesetzt, die Sonntagspflicht aufgehoben, neue digitale und liturgische Formate etabliert.

Wortgottesdienste und Online-Angebote traten vielfach an die Stelle der Eucharistiefeier – Entwicklungen, die im synodalen Kontext nicht selten als zeitgemäße Alternativen interpretiert wurden. Bätzing betonte in dieser Zeit immer wieder die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche und unterstützte weitgehend die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung der Regierung, was innerkirchlich auf erhebliche Kritik stieß.

Der Synodale Weg als Kernprojekt

Zentral für Bätzings Amtszeit aber war der Synodale Weg, der nicht nur für ihn über Deutschland hinaus wirken sollte; es gehe um die Zukunftsfähigkeit der Kirche insgesamt, betonte er. Als DBK-Vorsitzender und Mitglied des Synodalpräsidiums wurde Bätzing zu einer der prägendsten Figuren dieses Reformprozesses. Themen wie Machtverteilung, Frauen in kirchlichen Ämtern, der priesterliche Zölibat und die Sexualmoral wurden zu Eckpfeilern dieses Wegs, den Bätzing allen Warnungen aus Rom und Zwischenrufen aus der Weltkirche zum Trotz federführend prägte.

Für den heute 67-Jährigen stellte der Synodale Weg sowohl eine notwendige Reaktion auf die Vertrauenskrise der Kirche dar, insbesondere infolge der Missbrauchsskandale, als auch den Versuch, strukturelle, pastorale und lehrmäßige Fragen mit Bischöfen und Laien zu bearbeiten. Den „sensus fidelium“ bemühte er dabei in einer Weise, die der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, insbesondere von „Lumen gentium“, widersprach. Indem der Limburger Bischof sich für ein gemeinsames Beraten und Entscheiden von Amtsträgern und Laien einsetzte, drängte er auf ein neues Kirchenverständnis. Sehr früh warfen Kritiker dem Synodalen Weg – und Bätzing als dessen prominentestem Fürsprecher – vor, weit über die bloße Missbrauchsaufarbeitung hinauszugehen, theologische Grundfragen der Kirche zu unterwandern und auf dem Rücken Missbrauchsbetroffener strukturelle und vor allem moraltheologische Reformforderungen durchsetzen zu wollen.

Änderungen von Sexualmoral und christlicher Anthropologie

Die wesentlichen Aspekte der kirchlichen Lehre, die unter Bätzings DBK-Vorsitz zu verwässern drohten, betreffen die kirchliche Sexualmoral und die christliche Anthropologie. Bei der Anthropologie ging es nicht um Einzelaspekte, sondern ganz grundsätzlich um Fragen das christliche Menschenbild betreffend, die mit der Verschiebung zu einer identitätsbasierten Anthropologie beantwortet wurden. Dass Bätzing versuchte, mitfühlend und integrierend auf Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung zuzugehen, ist lobend hervorzuheben. Die Kirche ist homosexuellen Menschen lange nicht gerecht geworden und musste hier umlernen. Doch dies bedeutet nicht, die kirchliche Lehre zu missachten, wie es der Synodale Weg unter Bätzing getan hat. Reform ohne Treue zur Lehre bleibt orientierungslos.

Dies gilt auch konkret für die Sexualmoral, die auf dem Synodalen Weg geändert, um nicht zu sagen aufgehoben werden sollte, da sich viele Gläubige ohnehin nicht  mehr an die Sexuallehre der Kirche hielten, so die Logik des Synodalen Weges, die Bätzing unterstützte. Letztlich wurde die Einheit von Schrift, Tradition und Lehramt (vgl. DV 10) aufgelöst und dem Lehramt die letztverbindliche Auslegungskompetenz entzogen.

Überhaupt ging Bätzing in Fragen der Sexualmoral eigene Wege. In Limburg etablierte er Richtlinien zu Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, was der geltenden Lehre der Kirche generell und der vatikanischen Erklärung „Fiducia supplicans" vom Dezember 2023 im Konkreten widerspricht. Aber unter Bätzing wurde dieses Dokument eigenwillig interpretiert. Kritiker sahen darin eine Bestätigung der auf dem Synodalen Weg vollzogenen Revision der christlichen Anthropologie zugunsten moderner Gender- und Queer-Theorien. Dies stand exemplarisch für Bätzings Ansatz, die kirchliche Lehre an die Lebenswirklichkeit anzupassen. Neben diesen Verstößen gegen die Sexualmoral gehen auch widerrechtliche Laientaufen auf sein Konto, die einige Bischöfe trotz römischen Verbots einführten; Bätzing unternahm dagegen nichts.

Der Synodale Weg führte zu einer tiefen Polarisierung innerhalb der Kirche in Deutschland. Zwar betonte Bätzing stets sein Bemühen um Einheit, doch zielte dieses dem Anschein nach nicht immer darauf, auch jene Bischöfe und Gläubigen einzubinden, die der Weltkirche treu bleiben wollten. Die Beschlüsse des Synodalen Weges waren kirchenrechtlich nicht bindend, dennoch wurde unter Bätzing enormer Druck auf die „Verweigerer“ ausgeübt – auch gegen römische Vorbehalte. In der öffentlichen Wahrnehmung war wiederholt von einem drohenden Schisma die Rede.

Missbrauchsaufarbeitung als Feigenblatt für Reformforderungen

Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche inklusive dadurch notwendig gewordener Strukturreformen war gleichsam das Aushängeschild Bätzings und das Narrativ schlechthin, um Reformforderungen zu rechtfertigen. Der DBK-Vorsitzende betonte, die Ursachen der massiven Kirchenaustritte lägen in Machtmissbrauch, Klerikalismus, sexualisierter Gewalt und mangelnder Beteiligung von Laien begründet. Der Synodale Weg sollte aus Bätzings Sicht die Lern- und Dialogfähigkeit der Kirche demonstrieren und durch Transparenz, unabhängige Aufarbeitung und die konsequente Beteiligung Betroffener verlorengegangenes Vertrauen zurückgewinnen, auch wenn faktisch die kirchliche Lehre neu definiert wurde. 

Gleichzeitig stand Bätzing aufgrund seiner Rolle in der Missbrauchsaufarbeitung selbst in der Kritik. Der Limburger Bischof war in der Vergangenheit wegen seiner früheren Tätigkeit als Generalvikar im Bistum Trier unter Druck geraten. Im Zusammenhang mit dem dort lange zurückgehaltenen Missbrauchsgutachten wurde ihm – wie auch Kardinal Reinhard Marx und Stephan Ackermann, heute Bischof von Trier und Missbrauchsbeauftragter der DBK – mangelnde Transparenz vorgeworfen. Diese Kritik belastete seine Glaubwürdigkeit als Vorkämpfer konsequenter Aufarbeitung. 

Letztendlich traten durch den Synodalen Weg Probleme zutage, die jahrzehntelang unterschwellig bereits in der kirchlichen Landschaft geschwelt hatten: Glaubenskrise, Gottesferne, mangelndes Glaubenswissen, verursacht durch das Nichtvorhandensein von echten Katechesen und Glaubensbildung. Zudem war eine Theologie vertreten worden, die sich vom Kern entfernt hatte und Irrlehren aufgesessen war, wie beispielsweise der Gender-Ideologie.

Spannungen mit Rom und gesellschaftspolitische Profilierung

So wundert es nicht, dass der Synodale Weg im Vatikan auf erhebliche Skepsis stieß und dazu führte, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Rom während Bätzings Amtszeit immer weiter abkühlte. Zwar suchte der DBK-Vorsitzende den Dialog und versicherte wiederholt, keinen deutschen Sonderweg einschlagen zu wollen. Doch zwischen seinen Zusicherungen in Rom und den in Deutschland vorangetriebenen Reformschritten öffnete sich eine wachsende Kluft. Der Anspruch, als Brückenbauer zu fungieren, verlor dadurch zunehmend an Überzeugungskraft.

Zu guter Letzt profilierte Bätzing die DBK als (gesellschafts-)politische Stimme. Gegen Ende seiner Amtszeit bezog er häufig entschieden Stellung gegen Rechtsextremismus, zum Krieg in der Ukraine sowie zu Fragen von Migration, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie. Kritiker bemängeln allerdings, dass vor allem Positionierungen zum Thema Menschenwürde stärker von linken Leitbildern und der LGBTQ-Agenda als von der christlichen Anthropologie geprägt gewesen seien.

Zum Ende seiner Amtszeit hinterlässt Georg Bätzing eine polarisierte Kirche und ein gespaltenes Episkopat. Sein Verständnis von Synodalität unterschied sich deutlich von dem von Papst Franziskus propagierten Ansatz. Nicht der Glaube und die kirchliche Lehre, so warfen ihm Kritiker vor, sondern die Lebenswirklichkeiten der Gegenwart seien zum entscheidenden Maßstab geworden. Welche Spuren dieses Erbe in der Kirche in Deutschland hinterlassen wird, bleibt eine offene Frage.

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