Religionsfreiheit

Säkulare Intoleranz schränkt Meinungsfreiheit von Christen ein

Neue Studien aus Europa und Lateinamerika zeigen, dass die Meinungsfreiheit von Christen in manchen säkularen Staaten eingeschränkt ist. Auch in Deutschland.
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Foto: Christoph Soeder (dpa) | Immer mehr Christen haben Angst, öffentlich zu ihrem Gauben zu stehen. "Das größte Ausmaß an Selbstzensur findet im akademischen Bereich statt“, sagte die Soziologin Friederike Boellmann.

Zunehmende säkulare Intoleranz schränkt die Meinungsfreiheit von Christen ein. Das ergaben Studien aus Deutschland, Frankreich, Mexiko und Kolumbien, wie die „Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung von Christen in Europa“ am Freitag in einer Pressekonferenz mitteilte. In Deutschland sei das Klima für Christen an den Universitäten besonders feindselig.

Angst davor, über den Glauben zu sprechen

Religiöse Verfolgung sehe in säkularen Staaten anders aus als man es sich gemeinhin vorstelle, erklärte eine der Studienautoren, Janet Epp Buckingham, Chefredakteurin der Zeitschrift „International Journal for Religious Freedom“. „Oft stellt man sich religiöse Verfolgung mit Gefängnisstrafen oder Gerichtsprozessen vor“, erklärte Buckingham. 

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Doch in säkularen Staaten gebe es vielmehr einen „Tod durch tausend Schnitte“: „Man hat das Gefühl, durch zahlreiche Kleinigkeiten wegen seines Glaubens immer mehr unter Druck zu stehen.“ Das habe eine abschreckende Wirkung auf Christen, die den Eindruck bekämen, nichts mehr von ihrem Glauben sagen zu dürfen.

Intensität säkularer Intoleranz ist unbekannt

Es sei schwer festzustellen, das Ausmaß festzustellen, in dem diese Fälle die Kirche und das Leben von Christen beeinflussen. „Wir wissen von Gerichtsverhandlungen, Drohungen und so weiter“, erklärt Dennis P. Petri, internationaler Direktor des „International Institute for Religious Freedom“. „Wir wissen, wo die säkulare Intoleranz herkommt, wie sie sich manifestiert. Doch ihre Intensität kennen wir nicht.“ Dennoch sei eine Gefährdung der religiösen Freiheit zu befürchten: „Ein kleiner Schnitt tötet nicht, tausend Schnitte schon.“

Britische Christen seien stark verunsichert, welche Dinge sie öffentlich hinterfragen dürften, berichtet Simon Calvert, der am britischen „Christian Institute“ arbeitet. „Informierte Christen fragen ganz ernsthaft, ob es Gesetze gibt, die es verbieten, eine christliche Sicht auf gleichgeschlechtliche Ehen oder Geschlechtsidentität zu vertreten.“ Das „Christian Institute“ ist eine Wohltätigkeitsorganisation im Vereinigten Königreich, deren Ziel es ist, christliche Werte in der Gesellschaft zu vertreten.

Sozialer Druck begünstigt Selbstzensur

Die Studie ergab auch, dass viele Menschen ihren Glauben aufheben, wenn der soziale Druck zu hoch wird. Besonders jüngere und ungebildete Leute seien davon betroffen. Doch nicht nur den Glauben selbst, sondern auch gesellschaftliche oder politische Meinungen, die aus einer christlichen Grundüberzeugung stammen, würden Christen laut der Studie nicht unbefangen äußern. „Die Ergebnisse zeigen, dass sozialer Druck Selbstzensur erheblich begünstigt“, fasst Teresa Flores, Autorin der Studie von Mexiko und Kolumbien, zusammen. 

Laut der deutschen Studie unter der Leitung von Soziologin Friederike Boellmann fühlen sich Christen gerade an Universitäten eingeschränkt. „Das größte Ausmaß an Selbstzensur findet im akademischen Bereich statt“, so Boelmann. Es gehe dabei strenggenommen nicht um rechtliche Verfolgung, sondern um eine kulturelle Geisteshaltung. „Jede Person, die ich interviewt habe, hat eine Veränderung im Gesprächsklima oder eine Verengung von Meinungen bemerkt“, so Boellmann.

Auch in Kanada gebe es, so der kanadische Professor Paul Rowe, Angriffe auf die religiöse Freiheit. Er betont, dass Religionsfreiheit keine politische Strategie sei, die nur für eine bestimmte Religion gelte, sondern ein Wert, den jeder unabhängig vom eigenen Glauben vertreten solle.

 

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