Gewaltdiskussion

Religionen werden unter Pauschalverdacht gestellt

Der Ein-Gott-Glauben wird undifferenziert angegangen: Birgt der Monotheismus ein größeres Gewaltpotenzial als der Polytheismus?
Gewitter über Oberbayern
Foto: dpa | Blitze entladen sich mit Gewalt am Nachthimmel. Moderne Denker entdecken derzeit auch gern im Monotheismus destruktive Energien.

Bloß keinen säkularisierten, auf Demokratie frisierten Monotheismus. Statt Glaubensleistungen nach oben, Genussfähigkeit unter uns“, fordert der Schriftsteller Martin Walser – und nennt auch die Alternative: „Der Christ bekehrt seinen Feind. Das heißt, er isst dessen Seele. Fast nur noch unsere Flussnamen erinnern an unsere vorchristlichen Vorgänger. Da war in jedem Baum, in jeder Quelle und in jedem Bach ein anderer Gott. Unvorstellbar, dass unterm Schirm einer über Wiesen und Wälder hingestreuten Göttervielfalt, dem Planeten je hätte Gefahr drohen können.“

Eine ablehnende Haltung zu einem Ein-Gott-Glauben, d. h. dem Monotheismus, ist weit verbreitet. Sie bestimmt das heutige Denken und viele intellektuellen Debatten. Spätestens seit dem verheerenden Terroranschlag auf ein Symbol des westlichen Kapitalismus, auf die Twin Towers des World Trade Center in New York, am 11. September 2001, deren Protagonisten sich hierfür auf ihren einzigen Gott beriefen, wird der Monotheismus als gesellschaftliche Gefährdung diskutiert.

„Die in der Hebräischen Bibel zum Ausdruck kommende,
an der assyrischen Herrschaft orientierte Gewalttätigkeit des Gotteskonzeptes Israels,
das von Jan Assmann als für den Monotheismus charakteristisch kritisiert wird,
gerät aber gerade im Zuge der Bildung eines reflektierten Monotheismus ins Wanken“

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Nicht nur der moslemische Extremismus, auch entsprechende Gewaltphänomene in der Geschichte des Judentums und Christentums streuen Zweifel an der konstruktiven Gesellschaftsfähigkeit des monotheistischen Glaubens klassischer Religionen.

Grundlegend ist die Ansicht, die „Matrix“ der religiös eifernden Gewalt gründe im bloß Einen; das religiöse Eifern hat, wie der Philosoph Peter Sloterdijk in „Gottes Eifer“ schreibt, „seinen logischen Ursprung im Herunterzählen auf die Eins, die nichts und niemanden neben sich duldet. Diese Eins ist die Mutter der Intoleranz. Sie fordert das radikale Entweder, bei dem das Oder gestrichen wird. Wer Zwei sagt, sagt um eins zuviel. Secundum non datur.“

Es kommt darauf an, wie der Wahrheitsanspruch gelebt wird

Gegen das Argument, im christlichen Glauben entspräche der alleinige Gott der einen absoluten Liebe Gottes und der Freiheit in Christus, die auf Grenzen überwindende herzliche Gemeinschaft ziele, argumentiert – gut begründbar – Sloterdijk, dass aber „das Christentum […] de facto auch in großem Maße die Unerbittlichkeit, den Rigorismus und den Schrecken praktizierte“ und fordert schließlich das „Nach-Eiferstadium“ monotheistischer Religionen.

Dies sind Beispiele für eine Diskussion postmoderner Prägung, die sich nicht generell gegen religiöses Denken richtet, vielmehr für eine Pluralität des Glaubens eintritt.

Polytheismen (Vielgötterglaube) verschiedener Herkunft werden damit wieder aktuell. Mit Blick auf David Humes religionspragmatische Argumentationen gegen einen unterwürfigen und erniedrigenden Ein-Gott-Glauben, angesichts Arthur Schopenhauers Klage über die wesentliche Intoleranz eines alleinigen und dadurch eifersüchtigen Gottes, der „keinem andern das Leben gönnt“, betreffs Friedrich Nietzsches Kritik an dem erniedrigenden und lebensschwächenden „erbarmungswürdige[n] Gott des christlichen Monotono-Theismus“ und durch viele weitere philosophische Denker führen inhaltliche Prägungen hinein in den aktuellen Diskurs. Dieser vertritt oft tendenziell, wenn nicht gar ausdrücklich, das „Lob des Polytheismus“.

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Umstrittene und fragwürdige These führt zu Disput

Neu aufgebrochen ist die Diskussion um die letzte Jahrhundertwende mit den beiden ersten entsprechenden Studien des vielfach ausgezeichneten Ägyptologen und Kultur- und Religionswissenschaftlers Jan Assmann und seiner fundamentalen These von einem konstitutiven Zusammenhang zwischen Monotheismus und Gewalt. Die Brisanz und Aktualität der Thematik, die vor allem im Bereich der christlichen Theologie eine vielschichtige Kontroverse ausgelöst hat, zeigt sich an der inzwischen etwa zwei Jahrzehnte währenden Debatte.

Die These beansprucht, die spezifische wie originäre Gewaltermöglichung an Grundaussagen der anamnetisch (vergangenheitsvergegenwärtigend) vergewisserten und biblisch bezeugten Geschichte des Handeln Gottes am jüdischen Volk nachzuweisen. Damit betrifft sie nicht nur das Judentum und das Volk Israel. Sie bezieht sich auch grundlegend auf den christlichen Glauben, die Kirche und die christliche Theologie, die sich bekanntlich aus der sich vergegenwärtigenden memoria (Erinnerung) des göttlichen Handelns an seinem Volk Israel begreifen.

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Die Debatte scheint sich entschärft zu haben

Die einschlägigen Darlegungen Assmanns zeigen ein vielschichtiges und umfassendes Bedrohungs- und Vernichtungspotential der monotheistischen Religionen auf. Ihre aktuelle, globale Tragweite kann durch die beiden folgenden Fragen aufgezeigt werden, deren Bejahung sich von den Forschungsergebnissen Assmanns her nahelegt: Ist der Glaube an einen einzigen Gott, wie er sich in der sich vergewissernden Erinnerung zeigt, tatsächlich weniger Befreiung oder Erlösung und nicht einmal ,Opium‘, sondern „das Dynamit des Volkes“? Bildet der monotheistische Glaube der abrahamitischen Religionen das Kriegsarsenal aus, das in seinen vorerst äußersten geschichtlichen Konsequenzen mit den Terror-Termen ,Shoah‘ und ,Nine-eleven‘ zu kennzeichnen ist? Dennoch hat sich die Kritik an der Gewalttätigkeit des Monotheismus zuletzt religionswissenschaftlich und kulturgeschichtlich deutlich entschärft – nicht, weil sich der Monotheismus als weniger gewaltbereit erwiesen hätte, sondern weil sich die – von Walser arg naiv artikulierte – Unschuldigkeit der weltanschaulichen „Göttervielfalt“ längst entzaubert hat.

Tatsächlich kann zwar in der Geschichte polytheistischer Gemeinschaften eine hohe und häufig anzutreffende Bereitschaft zur gewaltsamen Durchsetzung von Herrschaftsansprüchen festgestellt werden, wofür es griechischer- wie ägyptischerseits viele Zeugnisse gibt. Außerdem widerspricht die historische Forschung der Anschauung von der kriegerischen Gewaltbereitschaft einer sich vermeintlich zum Monotheismus hinwendenden jüdischen Gruppe, wie sie die biblischen Texte nahezulegen scheinen.

Israels friedliche Geschichte ist nachweisbar

Diese biblischen Kriegszeugnisse scheinen sich vielmehr als eine im Umkreis des Jerusalemer Tempels und des Königshofes vollzogene Rückprojektion eines realpolitisch unterlegenen, drangsalierten und wenig gewalttätigen Volkes zu erweisen, nämlich als Übernahme der assyrischen Königstheologie auf das Jerusalemer Königtum, das damit die Durchsetzung der universalen Herrschaft Jahwes zur Aufgabe bekam.

Trotzdem ist damit die Anfrage an das Gewaltpotential auf der Ebene des kulturellen Gedächtnisses und der praxisbegründenden Theorie nicht vom Tisch. Die historisch nachweislich friedlichere Geschichte Israels – von der auch Jan Assmann spricht – verschärft vielmehr die Anfrage an ihre inhärente Gewaltbereitschaft. Denn hier scheint sich eine Gemeinschaft über eine sozial und theologisch legitimierende Geschichte zu bestimmen, die kontrafaktisch massakerevozierend rekonstruiert wird. Sie bildet sich einen Kanon, mit dem eine solche Interpretation der Geschehnisse nachhaltig wirksam bleibt. Damit wird eine Identitätsbildung vollzogen, die sich ihrer Fundamente in einer partiell gewaltimprägnierenden Weise vergewissert – eine Vergewisserung auf der Grundlage von eben den Textüberlieferungen, die auch für das Christentum religiöse Dignität (,Kanon‘)besitzen.

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Assmanns These wirft mehr Fragen auf als Antworten zu geben

Eine aus religiösen Motiven geschehene Gewalt besteht nämlich gedächtnisgeschichtlich erst seit der sogenannten Mosaischen Unterscheidung. „Das ist die Wende von den ,polytheistischen‘ zu den ,monotheistischen‘ Religionen, von Kultreligionen zu Buchreligionen, von kulturspezifischen Religionen zu Weltreligionen, kurz: von ,primären‘ zu ,sekundären‘ Religionen, die sich […] in einem Revolutionsakt von ihnen abgewandt haben.“ Assmann bestimmt damit eine weltgeschichtliche Umbildung des geistigen Erfassens und Empfindens, die als weltrelationale Bestimmung ihre Entsprechung in der ,Achsenzeit‘ von Karl Jaspers und in der sogenannten ,Weltentzauberung‘ von Max Weber hat.

Die in der Hebräischen Bibel zum Ausdruck kommende, an der assyrischen Herrschaft orientierte Gewalttätigkeit des Gotteskonzeptes Israels, das von Jan Assmann als für den Monotheismus charakteristisch kritisiert wird, gerät aber gerade im Zuge der Bildung eines reflektierten Monotheismus ins Wanken. Zur Entstehung des biblischen Monotheismus als eines reflektierten Jahweglaubens kam es durch die Zerstörung des Jahwe-Tempels 586 v. Chr. und der damit verbundenen Exilierung der politisch-kulturellen Oberschicht nach Babylon und dem Ende der politischen Selbständigkeit.

Gerade das Judentum erweist sich als nicht gewaltaffin

Jahwe konnte nun als ein Gott begriffen werden, der die Geschichte und den Kosmos insgesamt und universal umfasst und bestimmt, dabei aber Gewalt eher meidet und sich dem Schwachen und Unterdrückten solidarisch erweist. Dieses monotheistisch gereifte Gottesverständnis, bei dem weitere Götter nun gar nicht mehr existieren, bestimmt vornehmlich Deutero-Jesaja und die priesterschriftliche Theologie. Die Selbstvergewisserung Israels über eine unfriedsame Geschichtsrekonstruktion erweist sich gerade nicht als gewaltfixierende Bestimmung seiner Identität im Gottes- und Menschenverständnis. Stattdessen erkennt Israel seine Identität in der nach außen gewendeten Manifestation der inneren Mächtigkeit seines geschichtlich handelnden Gottes, der mit seiner gewaltigen Hoheit und Einzigkeit erst zu einem gewalterleidenden, solidarisch einzigartigen wie einenden Handeln befähigt.


Auszug aus: Markus Zimmermann,
Gewalttätiger Gott – gewalttätiger Glaube? Wege der Barmherzigkeit Gottes,
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2022 (20 Euro);
ISBN 978-3-451-39237-5 (als E-Book: 978-3-451-83605-3).

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