Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Totum amoris est

Ohne Liebe ist die Kirche nur noch ein kalter Apparat

Was das Apostolische Schreiben „Totum amoris est“ vom vergangenen Dezember zum heiligen Franz von Sales über Papst Franziskus selbst verrät.
Franz von Sales - Bischofsprüfung
Foto: Wikipedia | Franz von Sales

Päpstliche Lehrschreiben sind oftmals mit einem medialen Echo verbunden. Manche von ihnen bleiben über Jahrzehnte im Gedächtnis, oftmals dann, wenn ihr Inhalt Widerspruch hervorruft oder mit tatsächlichen oder vermeintlichen Reformen verbunden ist. Im Pontifikat von Papst Franziskus gehören bemerkenswerterweise nicht seine drei Enzykliken zu den bekanntesten Schreiben, sondern die Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ und „Gaudete et exsultate“. Dies mag auch daran liegen, dass er selbst sich in seinen Aussagen immer wieder auf diese beiden bezieht.

Aus christlicher Sicht gehört alles der Liebe

Gelegentlich aber kommt es vor, dass weder Medien noch Gläubige von einem päpstlichen Schreiben Notiz nehmen. Dies ist vor allem dann bedauerlich, wenn sein Inhalt einer eingehenden Betrachtung wert wäre. Ein solcher Text soll im Folgenden vorgestellt werden. Dabei handelt es sich um das jüngste theologische Schreiben aus der Feder von Papst Franziskus. Es trägt den Titel „Totum amoris est“ („Alles gehört der Liebe“) und thematisiert vordergründig Leben und Theologie eines bedeutenden katholischen Heiligen. Bei genauerer Betrachtung vermag es jedoch zu nicht weniger als zu einem Schlüssel für das Verständnis des gegenwärtigen Pontifikats zu werden.

Leise und unauffällig kommt es daher. Weder greift es vieldiskutierte und dadurch medial interessante Reformthemen auf, noch geht es auf Missstände in der katholischen Kirche oder der globalen Welt ein. Stattdessen oder gerade deshalb aber bietet es den theologischen Tiefgang, der die Schönheit des katholischen Glaubens ausmacht, denn – dies weiß man spätestens seit der Enzyklika „Deus caritas est“ („Gott ist die Liebe“) Benedikts XVI. – auch aus christlicher Sicht „gehört alles der Liebe“.

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Eine Haltung des Herzens

Anlass für das Schreiben, das am 28. Dezember 2022 veröffentlicht wurde, ist der 400. Todestag des heiligen Franz von Sales, der am 28. Dezember 1622 verstarb. Auf den Glauben und das Denken dieses Kirchenlehrers aus Annecy in Frankreich geht Franziskus genauer ein. Dabei stellt der Inhalt keineswegs nur eine Zusammenstellung überlieferter Theologie dar, sondern die Gedanken des Heiligen fügen sich passgenau in die Amtsführung des gegenwärtigen Papstes.

Dies wird gleich zu Beginn deutlich, wenn Franziskus unter Rekurs auf seinen Namensbruder die Bedeutung des Glaubens in den Blick nimmt, die in einer engen Gottesbeziehung bestehe. Beim christlichen Glauben gehe es folglich „nicht um ein Gedankenkonstrukt, sondern um ein Erkennen voller Staunen und Dankbarkeit“. Und deutlicher noch: Der Glaube ist „keine blinde Bewegung […], sondern in erster Linie eine Haltung des Herzens“.

In einer Zeit, in der in der Kirche vieles im Argen liegt

Die hier geäußerte Sichtweise auf den christlichen Glauben geht notwendig einher mit Franziskus‘ unermüdlicher Betonung der Barmherzigkeit Gottes. Fernab jeder Lagerbildung, die dem argentinischen Papst schon immer, in letzter Zeit aber immer deutlicher als Übel daherkommt, richtet er hier den Blick auf das Eigentliche des Glaubens, das im Eifer innerkirchlicher Debatten oftmals verloren zu gehen scheint.
So entwickelt der Papst in seinem Apostolischen Schreiben denn auch konsequent den Bezug zu dem Aspekt, der alle Gedanken in sich bündelt: der Liebe. Franz von Sales, der vom heiligen Johannes Paul II. einst als „Lehrer der göttlichen Liebe“ bezeichnet wurde, steht hier Pate.

In der heutigen Zeit der Krise kommt ihm durch Franziskus zugleich die Rolle des Mahners zu, wenn aus seiner „Abhandlung über die Gottesliebe“ zitiert wird: „Alles gehört der Liebe, alles liegt in der Liebe, alles ist für die Liebe, alles ist aus Liebe in der heiligen Kirche.“ Wie sehr muss ein solcher Satz in einer Zeit durch Mark und Bein gehen, in der in Kirche und Welt vieles im Argen liegt. Wie – nahezu unerfüllbar – groß scheint damit verbunden der Anspruch an jeden einzelnen Gläubigen, diese Liebe tatsächlich als Christ in der Kirche und der Welt zu leben.

Denken mit Fühlen und Vernunft mit Affekten

Wenn Franziskus in seinem päpstlichen Schreiben fortfährt, indem er dem Leben und Denken des heiligen Franz von Sales nachspürt, so erinnert mancher Gedanke an die Art der Amtsführung des argentinischen Papstes. So sei es Franz von Sales darum gegangen, „dem Leben der anderen zuzuhören und mit feinem Unterscheidungssinn die innere Haltung zu erkennen, die das Denken mit dem Fühlen verbindet und die Vernunft mit den Affekten“. Ja, vom feinen Unterscheidungssinn wusste Franziskus sich schon vor Jahren leiten zu lassen. Und auch heute bleibt er sich darin treu, wenn er die ignatianische „Unterscheidung der Geister“ zum Prinzip erhebt.

Dies gilt freilich für seine gesamte Art des Theologietreibens, weshalb er – wiederum unter Bezugnahme auf den großen Heiligen – „zwei Dimensionen“ klar unterscheidet: „das geistliche Leben“ und „das kirchliche Leben“. Erstere Dimension zeigt sich „im demütigen und beständigen Gebet, in der Offenheit für den Heiligen Geist“. Auch hier lassen päpstliche Äußerungen der letzten Monate deutliche Parallelen erkennen. Gleiches gilt für die zweite Dimension, die von Franziskus als „in der Kirche und mit der Kirche fühlen“ umschrieben wird. Dabei betont er, dass der Theologe „in die Gemeinschaft eingebettet ist und in ihr das Brot des Wortes bricht“.

Reform und neue Methoden

Noch ein weiteres Element aus der Theologie des Franz von Sales wohnt dem argentinischen Pontifikat inne. Franziskus umschreibt es mit der Erfindung „neuer und gewagter pastoraler Methoden“ und nennt dabei „die berühmten ,Flugblätter‘, die überall aufgehängt und sogar unter den Haustüren hindurchgeschoben wurden“. Neue Wege in der Pastoral zu gehen, bedeutet für den einen und den anderen Franz(iskus) folglich nicht, die Lehre der Kirche in Zweifel zu ziehen oder sie umzudeuten, sondern die Botschaft des Evangeliums anders, und zwar direkter und dadurch intensiver zu den Menschen zu tragen.

Diesbezüglich geht Franziskus auch auf das Thema „Reform“ ein, indem er die Methode des ehemaligen Bischofs von Annecy benennt: „Es ist eine Methode, die auf Härte verzichtet und ganz und gar auf die Würde und die Fähigkeit einer frommen Seele baut“. Auch hier zeigt sich wieder eine Parallele zum Pontifikat des Argentiniers, denn auch er verzichtet hinsichtlich gegenwärtiger Reformdebatten auf Härte und setzt stattdessen auf den Glauben an „die Fähigkeit einer frommen Seele“.

Dass Franz von Sales nicht nur seinem päpstlichen Mitbruder im Bischofsamt etwas zu sagen hat, sondern auch einer Welt und Gesellschaft, die 400 Jahre später lebt, wird in der Tatsache deutlich, dass der Heilige als „Interpret des Epochenwechsels und Seelenführer in einer Zeit [verstanden wird], die auf neue Art nach Gott dürstet“. Unbestreitbar dürfte auch die Gegenwart als ebensolche Zeit bezeichnet werden, sodass Franziskus sich folglich „Gedanken über Franz von Sales‘ Vermächtnis für unsere Zeit“ gemacht hat. Der Papst hat, so spricht er frei heraus, „dabei seine Flexibilität und seine Fähigkeit, Visionen zu entwickeln, als erhellend empfunden“.

Anlehnung an Franz von Sales

Und wieder finden sich in seinen weiteren Ausführungen zur Theologie des Heiligen Kernelemente des eigenen Pontifikats, die fast wörtlich in den Stichpunkten zu finden sind, die Kardinal Bergoglio im Rahmen der Generalkongregationen vor seiner Wahl den anwesenden Kardinälen bezüglich seiner Vorstellung vom neuen Papst geäußert hat: „Das ist es, was uns als wesentliche Aufgabe auch in diesem unserem Epochenübergang erwartet: eine nicht selbstbezogene Kirche, frei von jeder Verweltlichung, aber in der Lage, sich in der Welt zurechtzufinden, das Leben der Menschen zu teilen, gemeinsam unterwegs zu sein, zuzuhören und aufzunehmen.“ Und weiter heißt es, dass der heilige Franz von Sales die Christen einlade, „Abstand zu nehmen von einer übermäßigen Sorge um uns selbst, um die Strukturen, um das gesellschaftliche Erscheinungsbild und uns vielmehr zu fragen, welches die konkreten Bedürfnisse und die geistlichen Erwartungen unseres Volkes sind.“

Der hierin enthaltene Ratschlag, der in Franziskus‘ Pontifikat bekanntermaßen an beide innerkirchlichen Lager gleichermaßen gerichtet ist, entspricht denn auch wiederum ganz seiner eigenen Amtsführung. Wie sein heiliger Vorgänger im Bischofsamt besteht sein Anliegen nicht in progressiven strukturellen Reformen oder vermeintlicher Rückwärtsgewandtheit, sondern darin, „den Wandel mit der Weisheit des Evangeliums zu durchdringen“. Für dieses Anliegen wirbt er im Folgenden, indem er die dazu notwendigen Verhaltensweisen erläutert. Sie alle hängen zusammen mit dem Aspekt, der zu Beginn des Apostolischen Schreibens bereits umrissen wurde: „...dass die Liebe Gottes radikal allem vorausgeht und dass sein erstes Geschenk darin besteht, dass man sich aus eben seiner Liebe empfängt“. Damit verbunden ist sodann „die Pflicht [des Menschen], an der eigenen Verwirklichung mitzuwirken, indem er seine Flügel vertrauensvoll für die Brise Gottes öffnet“.

Frömmigkeit als Stil, das tägliche Leben zu leben

In diesem Zusammenhang kommt Franziskus auf die „Tugend der Frömmigkeit“ zu sprechen, wobei er zunächst auf die falsche Frömmigkeit eingeht, wie sie einst von Franz von Sales beschrieben wurde: „Wer gern fastet, hält sich für fromm, weil er fastet, obgleich sein Herz voll Rachsucht ist. […] Ein anderer hält sich für fromm, weil er täglich eine Menge Gebete heruntersagt, obwohl er nachher seiner Zunge alle Freiheit lässt für Schimpfworte, böse und beleidigende Reden gegen Hausgenossen und Nachbarn.“ Wahre Frömmigkeit hingegen sei „ein Lebensstil, eine Art und Weise, das konkrete tägliche Leben zu leben“. Mit den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils – und indirekt mit den Worten seines eigenen Apostolischen Schreibens „Gaudete et exsultate“ über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute – kommt Franziskus diesbezüglich auf die „allgemeine Berufung zur Heiligkeit“ zu sprechen. Das aktive Werk der Nächstenliebe im eigenen Leben dürfe dabei nicht aus einem „matten Gehorsam“ resultieren, sondern müsse stets mit der Freude – ja, sogar mit der „Ekstase“ – am Evangelium einhergehen.

In diesem Aspekt gelangt Franziskus mit dem heiligen Franz von Sales zum Höhepunkt und gleichzeitig zum Ende seines Apostolischen Schreibens, wenn er formuliert: „Die Wahrheit der Ekstase des Lebens und des Tuns ist keine allgemeine, sondern jene, die sich in der Form der Liebe Jesu zeigt, die am Kreuz ihren Höhepunkt erreicht.“ Die Liebe des Christen zum Mitmenschen meint immer auch Hingabe, Aufopferung und Aufgabe der Selbstbezüglichkeit. Das ist Kernelement der Lehre des heiligen Franz von Sales. Das ist zugleich Kernelement der Lehre im Pontifikat von Papst Franziskus. Nicht das Drehen um sich selbst, die eigenen Interessen und Wünsche dürfen den Christen leiten, sondern immer und unbedingt die Liebe zum Nächsten. Dies galt vor 400 Jahren. Dies gilt heute. Und dies gilt aus urchristlicher Sicht bis zum Ende der Welt.
Davon ist Papst Franziskus fest überzeugt. Davon lässt er sich seit zehn Jahren leiten. Der heilige Franz von Sales ist ihm dabei treuer Pate und Gewährsmann. Laut Franziskus sollte er es auch jedem Christen sein, damit das Evangelium nicht nur verkündet, sondern auch gelebt wird.

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