Katholikentag

Katholikentag : Viel Aktivismus, wenig Jesus 

Auf dem 102. Katholikentag dominierten bei den großen Jugendveranstaltungen Aktivismus und Politisierung. Lehramtstreue junge Katholiken und Jugendliche aus den Gemeinschaften fühlten sich davon nicht angesprochen. Sie sind woanders zu finden.
Deutscher Katholikentag in Stuttgart
Foto: Marijan Murat (dpa) | Ein Tänzer hängt bei der Eucharistiefeier des Katholikentags vor einem überdimensionalen Martinsmantel. Aktionismus prägte den Katholikentag.

Lesungen gibt es keine, auch die Predigt entfällt. Stattdessen können die ungefähr 100 im Stuhlkreis sitzenden Personen unterschiedlichen Alters bei dem Gottesdienst "Zeit mit G*tt" der "Katholischen jungen Gemeinde" (KjB) erzählen, was Liebe für sie bedeutet. Für einen jungen Mann heißt "Liebe teilen", seine Oma regelmäßig anzurufen. Der 22-jährige Julius trägt "Man Bun"   so bezeichnet man einen "Männerdutt"   und einen Nasenring.

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Vielfältige Liebe

"Liebe ist vielfältig", meint er. Der Theologiestudent berichtet von seinem Outing als bisexuell empfindender Mann. "Glaube ist für mich zu wissen, dass ich in Höhen und Tiefen von Gott begleitet werde", sagt Julius, der sich in der ARD-Dokumentation "Wie Gott uns schuf   Coming-out in der katholischen Kirche" zu Wort meldete, und dies auch gegenüber dieser Zeitung formuliert. Er möchte Glauben in der Praxis sichtbar machen. Auf die Frage, was er an der katholischen Kirche mag, antwortet Julius, dass sein größter Bezugspunkt zur Kirche die KjB sei. Der Gottesdienst am Samstagabend hat einige aktivistisch anmutende Elemente.

Drei Stunden später findet in der gleichen Kirche eine weitere Jugendveranstaltung statt. Die Bänke sind wieder zurück an ihre Plätze gestellt, etwa 60 Jugendliche knieen oder sitzen darauf. Draußen ist es dunkel, doch der Altarraum ist in sanftes Scheinwerferlicht gehüllt. Es ist eine von der Schönstatt-Jugend gestaltete eucharistische Anbetung. Angelehnt an die Bibelstelle, in der Jesus Wasser in Wein verwandelt, können die Teilnehmer aufschreiben, welches "Wasser" sie Jesus geben möchten, damit er es verwandle. Anschließend können sie den Zettel in einen Krug vor der Monstranz legen. Am Ende gibt es als Abschiedsgeschenk ein Fläschchen Weihwasser für jeden.

Gebet für Passanten

Charismatischer geht es vor dem Stand der "Charismatischen Erneuerung der katholischen Kirche" zu. Um die Mitarbeiter zu unterstützen, hat ein kleines Grüppchen der "Flame Academy", so heißt die Jüngerschaftsschule des Gebetshauses Augsburg, beschlossen, zwei Tage am Katholikentag zu verbringen. Die "Jünger" bieten Katholikentagsgästen, aber auch vorbeikommenden Passanten, ein Gebet an und fallen durch fröhlichen Lobpreis auf. "Wir wollen die Beziehung mit Jesus vorleben und Zeugnis davon geben, warum Jesus unser Sinn des Lebens und unsere Freude ist", erzählt eine Studentin, die Freikirchlerin ist. Sie findet es spannend, "so viele geweihte Leute auf einen Haufen zu treffen und die Schätze der katholischen Kirche kennenzulernen".

Gebetsabend
Foto: Emanuela Sutter | Gebetsabend der Jugend von Schönstatt.

Von den Podien, dem deutschen Synodalen Weg und den kirchenpolitischen Kämpfen bekommen die Gebetshaus-Jünger nichts mit. Denn tatsächlich: Besucht man keine Veranstaltungen, sondern nur die "Kirchenmeile", an der über 100 Diözesen, Orden, Initiativen und Gemeinschaften vertreten sind, kommt das Gefühl einer fröhlichen und vielfältigen Kirche hoch.

Kein Podium für den CV

Abseits vom Schuss - abgelegener ist nur noch der "Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands"  - teilen sich die katholischen Studentenverbände einen Stand. Marcel ist Teil des Cartellverbands (CV). Der 24-jährige ist "etwas enttäuscht" über den hohen Altersdurchschnitt. Er hätte mehr junge Leute erwartet. Im Vorfeld des Katholikentags meldete der CV eine Podiumsdiskussion unter dem Titel "Überleben in der Einen Welt - Europäische Bildung als Chance oder Bevormundung?" an. Doch der Veranstalter erteilte dem CV eine Absage. Grund sei, dass die Veranstaltung nicht allen Auswahlkriterien entspräche. Der Pressesprecher des CVs teilte der "Tagespost" mit, dass jedoch "im Schreiben der Veranstalter kein Auswahlkriterium genannt wird".

Scheinbar keine Probleme damit, Podien zu bekommen, hatte der BDKJ und die KjG. Beide Jugendverbände sind breit vertreten am Katholikentag und ihre Veranstaltungen finden zu den besten Zeiten zwischen 11 und 18 Uhr statt. Egal, ob die Diskussionspanels "Kirche und junge Menschen 2042", "Klimawandel   Klimakatastrophe" oder "Augen auf für junge Menschen" heißen: die Veranstaltungen geben hauptsächlich Forderungen des deutschen Synodalen Wegs wieder und atmen Aktivismus. Meinungsvielfalt wird nicht geboten.

Homogene Diskussion

Die Talk-Gäste teilen, abgesehen von Details, die gleichen Ansichten. Auf dem grünen BDKJ-Plakat am Zaun der Stuttgarter Falkert-Schule, in der ein Großteil der Jugendveranstaltungen stattfindet, ist zu lesen: "Bei uns entscheidet die Demokratie und nicht der Papst." Mehr Demokratie in der Kirche und "Entscheidungsgewalt junger Leute" ist auch ein Hauptanliegen von Svenja Stumpf. Sie und Daniela Ordowski sind Rednerinnen bei erstgenanntem Panel. Beide sind auch Mitglieder der Synodalversammlung. Einzig Anna-Nicole Heinrich bringt Themen, die wirklich etwas mit Jugendarbeit in der Kirche zu tun haben, ein. Die 26-Jährige ist seit einem Jahr die jüngste Präses in der Geschichte der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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Viele junge Menschen finden die Politisierung auf dem Katholikentag befremdlich. Felicia hilft am Stand der "maz   MissionarIn auf Zeit" aus. Die 19-Jährige hat den Eindruck, dass hier alles in eine Richtung tendiert. "Es ist schön, dass es auch progressiv ist, aber manchmal traue ich mich nicht, meine Meinung zu sagen. Bei den Foren gibt es kein Pro und Contra", berichtet die Psychologiestudentin von einer Veranstaltung, wo es darum ging, wie der deutsche Synodale Weg in anderen Ländern gesehen wird. "Inhaltlich kam da echt nicht viel", kommentiert Felicia.

Michael spaziert Freitagnachmittag durch die "Kirchenmeile". Der junge Kaplan der Diözese Rottenburg-Stuttgart wünscht sich, dass der Katholikentag wieder den "missionarischen drive" bekommen würde. "Der Katholikentag war wirklich mal ein missionarisches Event   wir kommen alle zusammen und gucken, wie wir den Glauben in die Welt hinaus bringen können", erzählt der 30-Jährige. Viele Ordensgemeinschaften, die damals entstanden, wären in die Jahre gekommen. Aufbrüche bemerke Michael bei "Loretto, Emmanuel, den geistlichen Gemeinschaften". Gleichzeitig gehe er gestärkt von der Kirchenmeile nach Hause, da man dort die vielen kleinen katholischen Initiativen kennenlerne, die so viel Gutes in der Welt bewirkten.

Bedauern vom Jugendbischof

Der 2021 zum neuen Jugendbischof gewählte Weihbischof Johannes Wübbe bedauert, dass sich wertkonservative, lehramtstreue junge Menschen am Katholikentag oft ausgeschlossen fühlen. Er wünsche ihnen, "dass sie die Erfahrungen des Synodalen Weges, wo alle gut und wertschätzend miteinander ins Gespräch kommen, am Katholikentag auch machen". Man müsse es aber aushalten, dass es in der katholischen Kirche unterschiedliche Meinungen gäbe, sagt der Jugendbischof gegenüber der "Tagespost". Auf dem Katholikentag ist Wübbe Talk-Gast bei Podien der Jugendverbände.

 

Clara Steinbrecher
Foto: Julia Steinbrecht (KNA) | Clara Steinbrecher, Leiterin der katholischen Initiative Maria 1.0, auf dem Katholikentag in Stuttgart.

Doch wie kann der Graben, der zwischen der aktivistischen Verbandsjugend und den lehramtstreuen Katholiken oder jenen aus geistlichen Gemeinschaften, den der Katholikentag deutlich macht, überwunden werden? Johannes Wübbe ist davon überzeugt, dass Einigkeit gelingen kann, wenn die unterschiedlichen Gruppierungen durch "theologische Diskussion, Gebet und Heiligen Geist" um das ringen, "was die katholische Kirche nach vorne bringt".

Der ehemalige Jugendbischof Stefan Oster SDB nimmt wahr, dass viele junge Leute am Katholikentag "an den politischen Events gar kein Interesse haben". Der Passauer Bischof zelebrierte den "Nachtgottesdienst im Zirkuszelt" der Salesianer und besuchte die Kirchenmeile. Er sei froh, dass es junge Menschen gäbe, die die Lehre der Kirche "von innen her verstehen". Gleichzeitig fordere er die lehramtstreuen jungen Menschen auf, "die Polarisierung nicht zu verschärfen". "Ein wichtiges Wort für mich ist ,die Hermeneutik des Wohlwollens . Glaube ich, dass die, die nicht so denken wie ich, auch etwas Gutes für die Kirche wollen?", stellt der Bischof gegenüber dieser Zeitung die Frage.

Keine Feindbilder

Es gehe darum, aus dem jeweils anderen "nicht das klischeehafte Feindbild zu machen". Oster ist jedoch wenig optimistisch, dass eine echte Zusammenarbeit zwischen den beiden Gruppierungen zustande kommen wird. "Das versuchen wir seit vielen Jahren, auch in meinem Bistum", stellt er fest. Den Bischof treibt die Frage um, ob hinter der Schwierigkeit, in eine Einheit zu kommen, ein tiefer liegendes, fundamentales Problem stecke. Der Bischof habe keine endgültige Antwort, "nur eine Ahnung", die er allerdings nicht öffentlich äußern möchte.

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