Katholikentag

„Was ist am Flickenteppich so schlimm?“

Reformen vorantreiben mit Tempo, Druck auf die Amtskirche und zur Not für den Preis einer Spaltung — das war der Tenor der Veranstaltung „Kirche kann bunt. Mit Vielfalt gewinnen. #OutInChurch“.
Kundgebung und Demonstration von Maria 2.0 auf dem Kirchentag in Stuttgart. Maria 2.0, auch Kirchenstreik genannt, ist
Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich (www.imago-images.de) | Frauen und queere Menschen fordern schnelle Reformen in der Kirche. Lange genug seien sie ausgegrenzt worden, sagten sie auf der Veranstaltung mit dem Titel „Kirche kann bunt. Mit Vielfalt gewinnen. #OutInChurch“.

Hauptsache queer, bunt, fraulich und schnell: Die Reformforderungen von queeren Personen und von Frauen sollen sehr bald umgesetzt werden. Das war der Tenor Veranstaltung am Samstagvormittag „Kirche kann bunt“ auf dem Katholikentag in Stuttgart, zu dem die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) eingeladen hatte. Der Druck auf die Kirche, die durch die Aktion „#OutInChurch“ entstanden und den Themen der Queer-Szene Aufwind gegeben habe, „darf auf keinen Fall nachlassen“, forderte die Benediktinerin Philippa Rath auf dem Podium und bekam Rückenwind vom Aachener Bischof Helmut Dieser. Für den Co-Vorsitzenden des Synodalforums "Leben in gelingenden Beziehungen" ist der Druck der Basis „der Spürsinn des Volkes Gottes“. Dies sei das Zeichen der Zeit, eine „Quelle der Erkenntnis“, wie es der Synodale Weg in seinen Papieren formuliere.

"Die Zeichen der Zeit gendern sich“

Doch so sehr der Bischof sich solidarisch mit Frauen, queeren Menschen und Opfern aller Art zeigte, von ihnen lernen und sich dafür einsetzen wolle, dass Ängste abgebaut werden, so sehr bremste er gelegentlich auch aus. Zum einen sei der Druck auf die Bischöfe nicht gerade gemütlich, zum anderen müsse er entsprechende Schritte gemeinsam mit seinen Bischofskollegen gehen. Das sei er ihnen schuldig, sonst käme man in eine Willkür. Es gelte zu argumentieren und einander zu achten.

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Dass der Druck für ihn als Bischof nicht gerade angenehm sei, interessierte die Debattenteilnehmer herzlich wenig. Einer der Mitinitiatoren von „#Out in Church“, Jens Ehebrecht-Zumsande sagte: „Der Druck auf Bischöfe und Generalvikare kann nicht groß genug sein“, den auszuhalten sei Teil seiner Jobbeschreibung. Und in Bezug auf Forderungen auf dem Synodalen Weg sagte er: Die Kirche müsse die Sexuallehre nicht weiterentwickeln, wie es in den Synodaltexten heiße, sondern dieses „menschenverachtende Lehrgebäude“ gehöre gebrochen. „Die Zeichen der Zeit gendern sich.“

Einheit oder Flickenteppich?

Nach Ansicht der Moderatorin und Bundesgeschäftsführerin der kfd, Brigitte Vielhaus, wäre auch ein Bruch innerhalb der Bischofskonferenz keine große Sache. „Was ist an einem Flickenteppich so schlimm?“ fragte sie und wollte wissen, warum das Bistum Aachen nicht als Vorreiter voranpreschen könne.

Das fragte sich auch die kfd-Bundesvorsitzende Mechthild Heil MdB. „Es reicht nicht, wenn es nicht in der Amtskirche ankommt“, dass die Kirche verändert werden müsse. Bischöfe müssten „sich hinstellen und sagen: Wir fordern nicht nur das Frauendiakonat, sondern auch die Weihe für Frauen!“ drängte sie. Veronika Gräwe vom Katholischen LSBT+Komitee Berlin schlug in dieselbe Kerbe: „Die Entscheidung liegt in der Hand der Bischöfe.“

Extrem lange Schuldgeschichte

Wieder bremste Bischof Dieser. Er erinnerte an seien Verpflichtung zur Tradition und Gemeinschaftlichkeit, in der trotz Vielfalt eine Einheit zu suchen sei. Damit ging er ihm Gleichschritt mit Kardinal Marx, der in einem Gespräch während der letzten Tage darum gebeten habe, gerade in den Frauenfragen nicht zuviel Hoffnung zu schüren, berichtete Vielhaus.

Aber das sollte die Debattierenden nicht daran hindern, den Bischöfen ins Gewissen zu reden. Besonders die Benediktinerin Philippa Rath legte sich ins Zeug: Lange genug habe man Frauen in Zaum gehalten. Sogar die beiden Heiligen, Teresa von Avila und Therese von Lisieux habe man das Priestertum verweigert. Die Kirche würde auf eine „extrem lange Schuldgeschichte gegenüber Frauen“ zurückblicken. Mit den Frauen seien auch queere Personen viel zu lange diskriminiert worden. Jetzt sei die Zeit zum Handeln.

Unruhe gewünscht

Der Meinung waren auch Zuschauer, von denen viele Mitglieder der kfd sind. Sie drängten und mahnten zum Tempo, pochten auf die Selbstverpflichtung der Bischöfe in Sachen Umsetzung der Forderungen des Synodalen Weges und bekamen dann doch noch Rückenwind vom Bischof: So lange Bischöfe oder der Papst den Gläubigen keinen Riegel vorschieben, könnten die Laien weiter Forderungen stellen.  Es brauche die „Unruhe von Laien, die gute Argumente in Umlauf bringen“.

Sr. Philippa, selbst Synodale, hält den Druck der Basis für essentiell. Er halte den Diskurs am Laufen und könne viel bewirken. Sie gab sich aber nicht nur zuversichtlich, sondern zeigte sich vor allem siegessicher: „Ich werde die erste Weihe noch erleben.“ 

 

Lesen Sie weitere Hintergrundberichte und Reportagen vom Katholikentag in Stuttgart in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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