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Der Pranger ist kein neues Heilszeichen

Das Bistum Aachen hat die Namen verstorbener Missbrauchstäter und Beschuldigter veröffentlicht. Der Sinn dieser Aktion bleibt nebulös.
Bistum Aachen hat die Namen verstorbener Missbrauchstäter und Beschuldigter veröffentlicht.

Seit gut zwanzig Jahren arbeitet die katholische Kirche in Europa und in den USA die Missbrauchskrise in den eigenen Reihen auf. Zu den Lehren aus dieser Zeit gehört, dass die öffentliche Anerkennung für das Kehren kirchlicher Einrichtungen vor der eigenen Haustür bisher konsequent ausbleibt.

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Mehr noch: Je intensiver sich die Institution um die Aufarbeitung und Anerkennung des Leids Betroffener müht, desto schärfer regnet es öffentliche Schelte. Die Missbrauchsbetroffenen sind dabei keineswegs mit den Kirchenkritikern gleichzusetzen. Etlichen ist die Gefahr der Instrumentalisierung ihres Schicksals für kirchenpolitische Zwecke bewusst; manche kennen Betroffene aus staatlichen Einrichtungen oder Sportvereinen, deren Schicksal lautstarke Verfechter der Aufarbeitung in Kirchenkreisen bemerkenswert kalt lässt. Vor diesem Hintergrund nimmt sich die Entscheidung des Bistums Aachen, die Namen verstorbener Kleriker, die des Missbrauchs beschuldigt werden, geradezu irrational aus.

Veröffentlichung irritiert Gläubige

Denn auf dieser Liste stehen die Namen von Geistlichen, die von staatlichen oder kirchlichen Gerichten rechtskräftig verurteilt wurden, neben Beschuldigten, denen nie der Prozess gemacht wurde, in deren Fall aber der Antrag eines Betroffenen auf Anerkennung des Leids positiv beschieden wurde. Ist diese Form des öffentlichen Prangers seitens der Betroffenen überhaupt gewünscht? Hilft sie den Einzelnen tatsächlich weiter?

Voraussetzung für die Veröffentlichung der Namen war lediglich, dass der jeweilige Beschuldigte schon mindestens zehn Jahre tot ist. Bischöfe Helmut Dieser kann damit leben, dass die Namensnennung sowohl Betroffene als auch Gemeinden, in denen die Beschuldigten tätig waren, verunsichere. Solche „Belastungen und Erschütterungen gehören aber zur Aufarbeitung der Verbrechen des sexuellen Missbrauchs dazu“. Aufarbeitung bleibe nie nur den Betroffenen oder den eigens dazu bestellten Fachleuten überlassen, sondern beziehe alle mit ein.

Bistum verletzt Rechtsempfinden der Menschen 

Für den entstehenden Gesprächsbedarf stehen nach Aussage des Bischofs vor Ort Fachleute zur Moderation bereit. Wer jetzt noch Fragen hat, kann sich an die Telefon-Hotline wenden und ein Formular auf der Website des Bistums ausfüllen. Unklüger kann eine Institution, deren harte Währung im Vertrauen und der menschlichen Hoffnung auf Seelenheil besteht, kaum vorgehen. Das Bistum verabschiedet sich vom Rechtsempfinden der Menschen und brüskiert Angehörige, ehemalige Mitarbeiter und Gemeinden.

Der öffentliche Pranger ist kein neues Heilszeichen. Das Bistum bestärkt Zweifel an der Unterscheidungsfähigkeit seiner Leitung, von der die Menschen Orientierung und Seelsorge erwarten. Wieviel Gnade und Weisheit haben Ratsuchende im Beichtstuhl zu erhoffen, wenn ein Bischof tote Mitarbeiter nicht dem Gericht Gottes überlässt? Welcher lebende Täter wird in Aachen so zur Reue und Umkehr ermutigt?

Der Abschreckungswert der Institution Kirche dürfte im Bistum Aachen weiter steigen. Bischof Dieser muss damit rechnen, dass die Namensliste nicht als effiziente Aufklärung begrüßt wird, sondern neues Misstrauen gegenüber dem Klerus sät. Wie könnte der Bischof Kirchenkritiker davon überzeugen, dass die Liste tatsächlich vollständig ist? Hat man die noch lebenden Opfer nicht erneut belastet, indem man über ihre Köpfe hinweg veröffentlichte, was der Einzelne in den sozialen Netzwerken selbst mitteilen könnte – wenn er es denn wollte?

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