Katholikentag

ZdK-Präsidentin Stetter-Karp: „Wir brauchen mehr Ungehorsam“

Vertreter aus Kirche, Medien und Politik unterhielten sich über die Frage: „Wer braucht noch die Kirche?“
Deutscher Katholikentag in Stuttgart
Foto: Marijan Murat (dpa) | „Wir brauchen mehr Ungehorsam – an der einen oder anderen Stelle“. Diese Aussage der ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp wurde unterstrichen von zustimmendem Applaus aus dem Publikum.

Unter den geladenen Talk-Gästen wie auch dem zahlreich erschienenen Katholikentagspublikum herrschte im Saal des Baden-Württembergischen Landtags weitgehend Einigkeit: Um gesellschaftsfähig zu bleiben, muss die Kirche ihre Weiheämter für Frauen öffnen, Verbindungen, die keine Ehe zwischen Mann und Frau sind, segnen, Missbrauch besser aufarbeiten und ihr Arbeitsrecht ändern. „Wir brauchen mehr Ungehorsam – an der einen oder anderen Stelle“. Diese Aussage der ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp wurde unterstrichen von zustimmendem Applaus aus dem Publikum.

"Es sollte eine Möglichkeit der Rehabilitation geben"

Lediglich der Limburger Bischof Georg Bätzing hielt bei einem Thema dagegen: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) verteidigte seine Entscheidung, einen Priester zum Bezirksdekan befördert zu haben, obwohl dieser vor ungefähr 15 Jahren zwei Frau verbal und körperlich sexuell belästigt haben sollte. Bischof Bätzing begründete seine Entscheidung, die er nicht alleine getroffen hätte, damit, dass das Verhalten des Priesters weder nach kirchlichem noch nach dem Strafrecht relevant  wäre. Es hätte eine „grobe Abmahnung“ gegeben und der Priester hätte „es bereut und Strafe auf sich genommen“. „Es sollte eine Möglichkeit der Rehabilitation geben“, verteidigte Bätzing den „beliebten Seelsorger“.

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Enttäuscht zeigten sich die Talk-Gäste über die Reaktionen von Papst Franziskus gegenüber dem deutschen Synodalen Weg und über sein „Nein“ gegenüber Frauenweiheämtern. Die Präsidentin des ZdK kritisierte den Vorwurf, der deutsche Synodale Weg spalte. Sie sprach von „Kommunikationsverweigerung“ seitens des Vatikans. Bätzing hätte sich von Papst Franziskus mehr „Entscheidungen in Richtung Öffnung gewünscht“. 

Auf die Frage, ob die Kirche ihren „spirituellen Auftrag“ verloren habe, kam das Thema der Evangelisierung in das Gespräch. Laut Bätzing müsste die Kirche anders zu denken lernen, zum Beispiel durch den Einsatz christlicher Influencer. Worauf Stetter-Karp einwarf, dass man Strukturen und Evangelisierung nicht voneinander trennen dürfe. Für Johanna Beck, Sprecherin des Betroffenenbeirats der DBK, bedeutet Evangelisierung, die Kirche wieder so zu gestalten, dass sie dem Evangelium nahekommt. „Das Lehramt sollte nicht über Menschen gestellt werden“, meinte sie. 

"Ich würde dieser Kirche gerne zuhören"

Kevin Kühnert, SPD-Generalsekretär, warf ein, dass auch die SPD und Vereine generell mit schrumpfenden Mitgliederzahlen zu kämpfen hätten. Der Glaube nehme, global betrachtet, zu. In Deutschland würden sich die Menschen zwar von der Kirche abwenden, sich dafür aber Spiritualitäten zuwenden, analysierte der bekennende Atheist.

Diskutiert wurde auch die Frage, wie Kirche in den kommenden Jahren aussehen werde. Die für die „Süddeutsche Zeitung“ tätige Journalistin Anette Zoch erklärte, sie glaube nicht, dass es in den nächsten drei Jahren Reformen in der Kirche geben werde. „In der macht- und Gewaltenteilung lässt sich etwas verändern. Was die Frauenfrage betrifft, wo wird man Schlupflöcher im Kirchenrecht finden müssen“, resümierte die Journalistin.

Kevin Kühnert würde sich wünschen, dass die Kirche herauskommt aus „ihrem Modus der Selbstbezogenheit und mehr in Politik und Gesellschaft wirkt“. „Ich würde dieser Kirche gerne zuhören“, sagte der SPD-Generalsekretär. 

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