Karfreitag ist hart für Mütter. Wer Kinder hat, kann sich zumindest ansatzweise hineinversetzen in die Gottesmutter, die mitansehen musste, wie ihr Sohn zugerichtet wird: Geißeln zerrissen sein Fleisch, Menschen spuckten ihm ins Gesicht, Schläge prasselten auf ihn nieder, Blut und Schweiß rannen über seinen Leib, Nägel durchbohrten seine Hände und Füße – und sie konnte nichts tun. Dass sie nicht zusammengebrochen ist, ist eine Gnade Gottes. Der Schmerz einer Mutter, der Gewalt zusehen zu müssen und dennoch zu bleiben, um wenigstens durch ihre Gegenwart zu trösten, entzieht sich jeder Vorstellung. Und doch blieb sie Gott treu. Sicher hat sie geweint und gelitten. Aber sie klagte nicht an, sie wandte sich nicht ab. Darin liegt ihre Größe. Sie hält stand unter dem Kreuz.
Heute hält man sich das Kreuz gern als Schmuckstück; hübsch, edel, wertvoll. Die Kreuze des Lebens dagegen schüttelt man gern ab. Doch auch die sind wertvoll. Denn sie verbergen eine Wahrheit, wie ein Zitat, das häufig dem heiligen Augustinus zugeschrieben wird, zeigt: „Wir Christen gehen nur deshalb in den Stürmen der Welt nicht unter, weil wir vom Kreuzesholz getragen werden.“ Passend dazu brachte er in seinen Predigten ein starkes Bild: Der Mensch treibt im Meer der Welt, und das Kreuzesholz ist das Einzige, was ihn über Wasser hält. Das Kreuz erscheint hier nicht als Niederlage, sondern als Halt und Hoffnung.
Karfreitag ist die Stunde eines neuen Anfangs
Unter diesem Kreuz nun stehen Maria und der Apostel Johannes. Sie saß nicht, brach nicht zusammen, als ihr das Schwert durch die Seele drang, wie es ihr einst der greise Simeon prophezeit hatte, sondern stand aufrecht und nahm von ihrem sterbenden Sohn sogar noch schweigend eine neue Sendung entgegen: Mutter der Kirche zu werden. Der Theologe Romano Guardini hat ihr Schweigen als den tiefsten Ausdruck ihres Glaubens gedeutet. Sie schwieg nicht aus Resignation, sondern aus Glauben und Vertrauen. Sie verstand nicht alles, sicher liefen ihr auch Tränen über die Wangen, aber sie blieb treu und standhaft. Sie ist die erste Jüngerin – und Karfreitag ist die Stunde eines neuen Anfangs und der Beginn des ewigen Lebens.
Kirchenväter nannten Maria die neue Eva. Sie war bei der Erlösungstat Jesu dabei, war Mit-Wirkende und sprach auch hier wieder ihr Fiat. Sie ist die Mater Dolorosa. Ihr Schmerz war der einer Mutter, die nicht aufhörte zu lieben, auch wenn (fast) alle anderen ihren Sohn längst verlassen haben. So wurde sie allen Christen zur Mutter. Sie versteht den Schmerz ihrer Kinder, weil sie ihn selbst getragen hat. Wie sie, erduldete auch Jesus am Kreuz unbeschreiblichen Schmerz. Er trug alle Schuld der Welt und erlebte totale Verlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In diesem Schrei verdichtet sich nicht nur das körperliche Leiden des Menschen Jesus, sondern die Erfahrung tiefster Gottverlassenheit. Papst Benedikt XVI. schrieb in „Verbum Domini", dass Christus am Kreuz die Erfahrung der Entfernung von Gott auf sich genommen hat.
Heute würden sich Menschen fragen: Wozu das alles? Das Leiden bleibt ein Geheimnis – und doch ist es nicht sinnlos. Es ist hineingenommen in eine größere Wirklichkeit, die sich zumindest schemenhaft erschließt und Erlösung, Rettung, Licht und Leben gebracht hat und bis heute bringt. Oder, wie Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben „Salvifici Doloris“ formuliert: „Im Leiden Christi hat das menschliche Leiden seinen Höhepunkt erreicht.“ Maria verstand nicht alles – aber sie blieb. Darin ist sie Vorbild und Hoffnung nicht nur für alle Mütter, sondern für alle Menschen, die unter dem Kreuz stehen — und am liebsten davonlaufen würden.
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