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„Wir hören ständig Explosionen“

Hoffnung trotz Evakuierungsbefehl: Mitten in der Kampfzone nahe der israelischen Grenze feiern Tausende libanesische Christen ein sorgenvolles Osterfest.
Karfreitagsprozession in Byblos
Foto: Laura Hülsemann | Weiter entfernt von der israelischen Offensive im Zentrum des Libanons feiern Christen das Triduum. Im Bild eine Karfreitagsprozession in Byblos.

Der libanesische Christ Anthony Jarjour lebt in Rmeish. Das christlich-maronitische Dorf liegt nur zwei Kilometer von der israelischen Grenze entfernt – dort, wo Israel die Schiitenmiliz Hisbollah derzeit besonders heftig bekämpft. Rund um Rmeish schlagen im Minutentakt Panzergranaten und Bomben ein – und die Explosionen rücken näher. Wie feiern die rund 6000 Christen aus Rmeish unter diesen Bedingungen Ostern? Ein Interview.

Herr Jarjour, Sie leben in dem südlibanesischen Dorf Rmeish unmittelbar an der israelischen Grenze. Wie ist die Lage vor Ort?

Wir leben in einem Kriegsgebiet. Wir hören ständig Explosionen – Artilleriefeuer, Luftangriffe oder Drohnen. Ich schlafe nur etwa zwei bis drei Stunden am Tag – das ist definitiv nicht genug. Der Krieg zerrt an unseren Kräften – mental und körperlich. Gleichzeitig ist das Leben nicht zum Stillstand gekommen. Die Menschen versuchen trotz der Angst und des Kriegslärms immer noch, ein gewisses Maß an Normalität aufrechtzuerhalten.

Am vergangenen Samstag wurde auch ein Haus in Rmeish von Artilleriefeuer getroffen. Warum wird offenbar auch Ihr christliches Dorf in die Kämpfe hineingezogen?

Ich gehe davon aus, dass es ein Versehen war. Aber weil die Bombardierungen immer stärker zunehmen, kann alles passieren. Wir wissen nicht, was künftig noch geschieht.

Die Menschen in Ihrem Dorf, Rmeish, und andere Christen im Süden wollen trotz der israelischen Evakuierungsbefehle bleiben. Warum?

Viele in Rmeish glauben, dass wir so unsere Würde bewahren. Dieses Land ist unser Zuhause, unsere Identität – hier sind wir verwurzelt. Unsere Familie lebt hier seit Generationen. Wenn ich weggehe, bedeutet das, einen Teil dessen zu verlieren, was mich ausmacht. In Rmeish leben immer noch mehr als 6.000 Menschen. Auch über 100 Familien aus benachbarten christlichen Dörfern sind wegen des Kriegs zu uns gekommen.

Sie sind nicht nur ein Zivilist in Rmeish, sondern auch Feuerwehrmann und Sanitäter. Wie sieht Ihre tägliche Arbeit im Krieg aus?

Wir müssen unter sehr gefährlichen Bedingungen auf Notfälle reagieren, manchmal ohne die Ressourcen, die wir benötigen. Jeder Einsatz ist eine Herausforderung. Nicht nur beruflich, sondern auch persönlich – denn wir helfen unseren eigenen Leuten, unseren Nachbarn und unseren Familien.

Welche Ressourcen fehlen Ihnen?

In unserer Region gibt es mittlerweile keine funktionierenden Krankenhäuser mehr. Was auch immer also geschieht, die Menschen sind einfach ihrem Schicksal überlassen und müssen auf den Tod warten. Dennoch haben wir glücklicherweise noch einige Ärzte, die sich dafür entscheiden, in Rmeish zu bleiben und den Menschen in Not so weit es geht zu helfen.

Laut Israels Verteidigungsminister Israel Katz soll die Grenzregion vollständig zerstört werden – so wie Rafah im Gazastreifen. Befürchten Sie, dass auch Rmeish dereinst dem Erdboden gleichgemacht wird?

Natürlich haben wir Angst. Wir können die Realität um uns herum nicht ignorieren. Wir bleiben wachsam und hoffen, dass unser Dorf so weit wie möglich verschont bleibt. Wir beten zu Gott, dass er uns beschützt, damit wir in unserer Heimat bleiben können. Niemand weiß, wie die Zukunft aussieht, auch wir nicht. Aber egal, was passiert, wir werden hier bleiben.

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Die libanesische Armee hat sich vor wenigen Tagen wegen des israelischen Vormarschs aus Rmeish zurückgezogen – jetzt sind Sie auf sich allein gestellt. Wie haben Sie sich gefühlt, als die Soldaten abzogen?

Wir waren schockiert. Die libanesische Armee sehen wir als unseren einzigen Beschützer an – neben Gott. Die Präsenz des Militärs vermittelt uns ein Gefühl der Sicherheit. Daher ist ihre Abwesenheit natürlich spürbar. Jetzt verlassen wir uns mehr auf uns selbst und die Solidarität unter den Dorfbewohnern.

Hätte die libanesische Armee bleiben sollen?

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum sie abgezogen sind, aber es ist eine komplexe Lage. Wir stehen unter der Obhut der libanesischen Regierung. Wir hoffen, dass sie zurückkehren wird.

Jetzt führt wegen der Kämpfe nur noch eine Straße nach Rmeish – die Versorgungslage ist angespannt. Wie viele Tage können Sie noch aushalten?

Wir schlagen uns von Tag zu Tag durch. Die Menschen rationieren ihre Vorräte und helfen sich gegenseitig. Aber realistisch gesehen wird es ohne einen regelmäßigen Nachschub immer schwieriger, das Leben hier über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Wir brauchen dringend Hilfe in Form von Lebensmittelpaketen, Wasservorräten, Hygieneartikeln, Windeln für Kinder und Milch. Hören Sie das? Das war eine Bombe.

Das war wirklich laut.

Wir haben einen humanitären Korridor gefordert, da dieser für unser Überleben unverzichtbar ist. Bislang ist nicht viel passiert. Doch wir bleiben zuversichtlich und fordern die Behörden sowie die internationale Gemeinschaft weiterhin auf, rasch zu handeln.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie Ostern im Krieg verbringen. Was bedeutet das Osterfest in diesen Tagen für Sie?

Dieses Jahr ist Ostern angespannt – wegen des Kriegs. Deswegen haben die Feiertage diesmal eine tiefere Bedeutung: Es geht um Hoffnung inmitten des Leidens, um den Glauben daran, dass das Licht die Dunkelheit immer besiegen wird. Ostern erinnert uns daran, dass es selbst in den schwierigsten Momenten immer die Verheißung einer neuen Welt gibt.

Wie erleben die Kinder von Rmeish das Osterfest?

Wir schlagen samstags normalerweise Eier auf, aber aufgrund des Krieges haben wir einige Rituale nicht gefeiert. So gingen wir in diesem Jahr beispielsweise nicht am Samstag um Mitternacht zur Messe. Die Kinder in unserem Dorf sind voller Angst. Letztens war ich in einer Notunterkunft. Dort hörte ich, wie zwei Kinder darüber diskutierten, ob es sich bei einer Bombardierung um einen Luftangriff oder um Artilleriefeuer handelte. Das ist nicht normal.

Wie viel Kraft gibt Ihnen der Glaube in dieser Situation?

Der Glaube ist im Moment das Wichtigste, denn er hält uns aufrecht. Ohne ihn wäre es viel schwieriger, das alles durchzustehen. An Karfreitag haben sich mehr als 2.500 Menschen in der Kirche und auf dem Platz davor versammelt. Das war überraschend und beeindruckend – es kamen viel mehr Menschen, als wir gedacht hatten.

Vor einigen Wochen besuchte der Entsandte des Vatikans, Paolo Borgia, den Südlibanon. Sie übergaben ihm einen Brief an den Papst, in dem Sie Leo XIV. um Schutz von Rmeish ersucht haben. Haben Sie eine Antwort erhalten?

Ich habe zwar keine direkte Antwort erhalten. Doch der Besuch und die Tatsache, dass unsere Botschaft den Vatikan bereits erreicht hat, bedeuten uns sehr viel. Das zeigt, dass unsere Stimme Gehör findet, und wir hoffen, dass dies zu weiterer Unterstützung führen wird.

Als der Papst im Dezember den Libanon besuchte, haben Sie ihn sogar persönlich getroffen. Was haben Sie Leo XIV damals über die Christen in Südlibanon gesagt?

Ich habe dem Papst schon damals versichert, dass wir dieses Land nicht verlassen und aufgeben – ganz gleich, wie die Umstände auch sein mögen. Jesus Christus lief durch unser Land – auch durch Rmeish ging er, als er nach Tyros und Sidon reiste. Unsere Wurzeln und unser Glaube sind hier.

Anthony Jarjour mit Papst Leo
Foto: Jarjour | Setzt sich für seine Glaubensgeschwister im Südlibanon ein: Anthony Jarjour, hier mit Papst Leo bei dessen Libanonbesuch.

Anthony Jarjour studierte Elektrotechnik und Deutsch in Beirut. Im September dieses Jahres wollte er nach Deutschland ziehen. „Als der Krieg ausbrach, beschloss ich, alles hinter mir zu lassen und in meinen Heimatort Rmeish zurückzukehren“, sagt er. Denn der 28-Jährige will niemanden in seiner Heimat zurücklassen – und dort helfen, wo es nötig ist. In Rmeish arbeitet er seit Kriegsbeginn als Sanitäter und Feuerwehrmann. Wie die Mehrheit der Christen in Südlibanon will auch er seine Heimat nicht verlassen, obwohl die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah nur wenige Kilometer entfernt sind. Jarjour habe Angst, nicht zurückkehren zu können, falls er sich einmal dazu entschließt, Rmeish zu verlassen. Irgendwann möchte er trotzdem noch nach Deutschland ziehen, sagt er – allerdings nicht für immer: „Aber egal, wie weit wir auch gehen, wir werden auf jeden Fall zurückkehren.“

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