Rezension

Johannes Cornides: Der Glutkern des Glaubens

Johannes Cornides legt eine dreifache Deutung des Altarssakramentes vor.
Corpus Chisti procession in Granada,
Foto: IMAGO/Ãlex Camara (www.imago-images.de) | Die leidenschaftliche Verehrung der Eucharistie zeigt, dass es um weit mehr als ein Symbol geht.

Die konsekrierte Hostie wird in vielen Sprachen mit der lateinischen Bezeichnung Corpus Christi wiedergegeben. Was im einzelnen unter dem Leib Christi zu fassen ist, wie dieser Begriff biblisch und geisteswissenschaftlich mit Leben zu füllen ist, dem geht Johannes Cornides in einer anregenden, gut zugänglichen theologischen Dissertation nach.

Cornides, Priester und Mitglieder der Gemeinschaft der Seligpreisungen, ist Liturgiker am Internationalen Theologischen Institut im niederösterreichischen Trumau. Die kleine, feine Hochschule von Trumau, in der auf Englisch gelehrt wird, bietet ein komplettes Theologiestudium an und spezialisiert sich darüber hinaus auf Studien zu Ehe und Familie.

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Leibhaft

Cornides geht von „Sacramentum Caritatis“ aus, dem nachsynodalen Schreiben über die Eucharistie von 2007. Papst Benedikt XVI. definierte damals Corpus Christi dreifach als den „von der Jungfrau Maria geborenen Leib, den eucharistischen Leib und den kirchlichen Leib Christi“. Vom leibhaften Jesus, Corpus Christi Historicum, meinte Thomas von Aquin, hänge die Wirksamkeit des Heilswerkes Christi nicht zuletzt von der Realität dieses Leibes ab. Cornides: „Indem das ewige Wort Gottes Fleisch wird, ein konkreter, einem Volk und einer Zeit angehörender Mensch, erreicht er die Menschen aller Völker und Epochen.“ Das Reden vom Leib Christi nimmt hier seinen Ausgang: Jesus kann „sein Fleisch als wahre Speise zu essen geben und die Menschheit in seinem Leib, der die Kirche ist, vereinen“.
Auch der paulinische Vergleich Jesu mit Adam im Ersten Korintherbrief wird vom Autor herangezogen: Es „wird die Realität der Menschwerdung Christi gerade durch die Bezeichnungen ,letzter Adam‘ und ,zweiter Mensch‘ hervorgehoben“.

Der universale Anspruch des Heilswerkes Jesu scheint sich aber am Bedeutungsinhalt von Jesaja 53 zu brechen, wo von den „vielen“ die Rede ist, die der Gottesknecht gerecht macht und deren Sünden er trägt. Bekanntlich trat Papst Benedikt, in Kenntnisnahme neuerer Forschungen, für eine Neu-Justierung der Wandlungsworte von „alle“ auf „viele“ ein. Und bekanntlich ist dies in den Ländern deutscher Sprache bis heute nicht umgesetzt. Johannes Cornides liefert eine überzeugende Beweisführung dafür, dass man gut daran täte, dem früheren Papst zu folgen. Denn: „Die Weite des Heilshorizontes über die Grenzen des Volkes Israel hinaus ist (...) bei Jesaja konsequent an die Anerkennung des einzigen wahren Gottes geknüpft und daher die Rettung auch nicht einfach allen übergestülpt, womöglich gegen deren Willen. Es bedarf der Bereitschaft sich retten zu lassen, das heißt sich Gott zuzuwenden (Jesaja 45, 22); das ,Licht der Völker‘ ist zugleich das Gericht (...) Gottes über sie (vgl. Jesaja 51, 4)“.

Einladung

Natürlich sind noch einige Denkschritte zu leisten – und bei Cornides nachzulesen – bis man bei den Wandlungsworten angekommen ist. Doch ist der Autor eindeutig in seiner Wertung: „Beide Aspekte, die allen geltende Einladung Gottes zum Leben in Fülle und die jedem obliegende Notwendigkeit, diese Einladung persönlich anzunehmen, gehören zusammen und sollten nicht voneinander isoliert oder gegeneinander ausgespielt werden.“ Im Corpus Christi Sacramentale nähert man sich dem Glutkern. Unter Rückgriff auf Theodor Schneider hält der Autor fest, dass die Eucharistie mehr ist als ein bloß informierendes Zeichen – etwa ein Verkehrsschild –, sondern ein realisierendes Zeichen, das verkörpert und vollzieht, was es bezeichnet.

In sakramentaler Weise gibt Jesus uns in Brot und Wein sichtbar und zugleich verhüllt seinen Leib zur Speise und sein Blut zum Trank. Damit schenke er zugleich seine Entschlossenheit, Leib und Leben für die Empfänger dieser Gabe einzusetzen. Cornides arbeitet die Nähe von Eucharistie und jüdischem Pessachfest heraus – wo ja das Lamm eine wichtige Rolle spielt – sowie zu Schavout, dem Wochen- oder Pfingstfest, und Jom Kippur, dem Versöhnungstag.

Sakrament Kirche

Der Autor, der die Jerusalemer École Biblique absolviert hat, legt im ganzen Buch großen Wert auf die Einbeziehung der jüdischen Perspektive, aus der heraus er das eucharistische Geschehen mitdeutet. Mit allerdings katholischen Schlussfolgerungen. Er sieht die Eucharistie als ständige Herausforderung für die Kirche: „Im Empfang des Leibes Christi soll sie selbst zum Sakrament werden, das ihn darstellt, indem sie die Sammlung aller Menschen in dem einen neuen Menschen (Epheser 2, 15) bezeichnet und realisiert. Corpus Christi Mysticum, die dritte Dimension, bezeichnet nun das Ineinander- und Zusammenwirken von sakramentalem und kirchlichem Leib Christ.“
Um das zu deuten, nutzt der Autor drei Bildpaare – Leib und Glieder, Tempel und lebendige Steine, Bräutigam und Braut – die er auf ihren Gehalt abklopft. Fazit: Eucharistie ist Gabe, die die Gemeinde sich nicht selbst zuteilen kann, vielmehr vom Herrn durch Vermittlung der Kirche empfängt. Damit ist eine klare Abgrenzung zum reformatorischen Ansatz gesetzt.

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Nein, der Bräutigam muss immer wieder durch die verschlossene Tür unseres Herzens bei uns eintreten. Von Kommunion zu Kommunion stärkt er seine Braut für die ihr vorbehaltenen Prüfungen am vorweg genommenen ewigen Hochzeitsmahl. „In dieser Verleiblichung empfängt die Einzelperson wie die Gesamtkirche erst ihre wahre, bräutliche Identität, welche auf einmalige Weise in Maria und ihrer Zustimmung zu Gottes Handeln abgebildet ist.“ Die nötigen Grenzen setzt der Autor bewusst und steht damit gegen den theologischen Zeitgeist. So in der Frage, wann Nicht-Katholiken die Kommunion empfangen können. Es gilt aber auch: „Der Tempel des Leibes Christi besitzt die Eigenschaft, dass seine Mauern keine Trennwände darstellen, sondern im Gegenteil selbst jene integrieren wollen, die bis dahin keinen Zutritt zum Heiligtum hatten.“

Neu verortet

Johannes Cornides hat ein eindrucksvolles Werk vorgelegt, das, streng biblisch vorgehend, einen zentralen Begriff der Sakramenten-Theologie neu verortet. Zugleich schreibt er so lebendig, dass man diese wissenschaftliche Monographie ohne weiteres zur Quelle für eine Reihe von Katechesen über das Wesen der Messe verwenden könnte. Es ist immerhin ein Hoffnungszeichen, dass aus deutschsprachiger Theologie gelegentlich ein Edelstein hervorblitzt.


Johannes Cornides: Corpus Christi – Biblische Vorausbilder, sakramentale Vergegenwärtigung und ekklesiologische Vorwegnahme des „neuen Menschen“, Paderborner Theologische Forschungen Bd. 59. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2020, 243 S., ISBN 978-3-506-78879-5, EUR 72,–

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