Uckermark

"Die Kinder hatten Angst vor jedem Flugzeug"

Mitten in der Uckermark nördlich von Berlin steht seit einigen Jahren ein russisch-orthodoxes Kloster, unter anderem auf Initiative des heutigen Moskauer Patriarchen Kyrill. Jetzt betreuen die Mönche ukrainische Flüchtlinge.
Kloster St. Georg, Götschendorf
Foto: Oliver Gierens | In diesem orthodoxen Kloster in Brandenburg fanden viele ukrainische Flüchtlinge Unterschlupf.

Wer über die dunklen Alleen und holprigen Straßen durch die Seenlandschaft der Uckermark im Nordosten Brandenburgs bis ins beschauliche Götschendorf fährt, für den ist der Anblick im ersten Moment recht ungewöhnlich. Zwischen alten Gutshäusern, Plattenbauten und modernen Einfamilienhäusern steht eine riesige, aus hellen Ziegelsteinen erbaute Kirche mit einem für diese Region völlig untypischen Zwiebelturm. Auf ihm thront ein Doppelkreuz - ein untrügliches Zeichen für ein orthodoxes Gotteshaus.

Gotteshaus wird Unterkunft für Flüchtlinge

Das russisch-orthodoxe Kloster St. Georg hat hier seinen Sitz, und seit einigen Wochen wird die ansonsten so beschauliche Idylle ab und zu durch Reporter getrübt. Denn die Mönche haben seit Ende Februar zahlreiche Flüchtlingsfamilien aus der Ukraine aufgenommen. Die wohnen zwar mittlerweile meist außerhalb des Klosters in eigenen Wohnungen, werden aber nach wie vor von den orthodoxen Mönchen betreut. Das hat ein nicht geringes Medienecho ausgelöst.

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An diesem Sonntag sind nur wenige Ukrainer zur Liturgie in die Kirche gekommen. So prächtig das Gebäude mit Zeltdach und dreifacher Apsis von außen wirkt, so sehr ist es im Inneren bisher ein Torso geblieben. An den Wänden ist noch der blanke Beton sichtbar, Bänke gibt es keine. Riesige Teppiche liegen aufgerollt in der Ecke. "Unsere Hauptsponsoren sind russische Oligarchen. Es ist schwer zu sagen, wann es weitergeht", sagt Abt Daniil Irbits im Gespräch mit der "Tagespost".

Andacht versus Kriegsgeheul

Die wenigen Besucherinnen und Besucher an diesem Sonntag müssen die ganze Zeit über stehen. Die Liturgie folgt einem gänzlich anderen Ablauf als katholische Messen. Abt Daniil unterbricht gelegentlich lange Sprechgesänge, um die Anwesenden zu segnen. Zum Ende der Liturgie zünden die Besucher Kerzen an, dann löst sich die andächtige Stimmung in herzlichen Gesprächen auf. Man kennt sich hier in der kleinen Gemeinschaft russisch-orthodoxer Christen.

Seitdem der russische Präsident Putin die Ukraine überfallen hat, ist diese Gemeinschaft um gut 40 Familien größer geworden. Sie stammen aus Städten, deren Namen wir in diesen Wochen und Monaten oft in den Nachrichten hören: Kiew, Odessa, Charkiw, Irpin   überall dort herrscht Krieg, es fallen Bomben, es fliehen die Menschen aus ihrer Heimat.

Jobs für Flüchtlinge

Am Anfang hätten die Flüchtlinge alle in den Klostergebäuden oder bei Nachbarn im Dorf gewohnt, erzählt Abt Daniil nach der Sonntagsliturgie in einer kleinen Gartenlaube, in der noch die Reste einer kleinen Feier vom Abend davor auf dem Tisch stehen. Auch wenn die Ukrainer mittlerweile in eigene Wohnungen gezogen sind oder bei Familien in der Umgebung mitwohnen können, werden sie doch weiterhin vom St.-Georgs-Kloster betreut. "Wir helfen weiter, sie kommen noch zu uns", sagt der Klostervorsteher.

Die Sozialhilfe für eine Person liege bei 360 Euro, das sei zum Leben zu wenig. Doch es gibt Hoffnung: Ab dem 1. Juli ist das Jobcenter für die Flüchtlinge zuständig. Sie können sich dann eine Arbeit suchen, die Jüngeren können studieren oder zur Schule gehen.

Odyssee in die Freiheit

Zu ihnen gehört auch Ira, eine junge Frau aus Kiew. Mit ihren Eltern und ihrer neunjährigen Tochter ist sie gleich nach Kriegsausbruch über Polen nach Deutschland geflüchtet, doch viele Verwandte und Freunde sind in der Heimat geblieben. "Wir haben jeden Tag Kontakt über WhatsApp oder Telegram. Es geht ihnen schrecklich", erzählt die junge Ukrainerin, die sich mit Abt Daniil abwechselnd auf Russisch oder Ukrainisch unterhält.

Anfang März ging es mit dem Zug aus Kiew über Lemberg zur polnischen Grenze nach Przemyl. Acht Stunden lang, so erzählt sie, hätten sie wegen des großen Andrangs an der Grenze nach Polen ausharren müssen, bis sie schließlich hereingelassen wurden. Dann ging die Odyssee weiter: Mit dem Zug über Krakau bis nach Stettin. Insgesamt anderthalb Tage waren sie unterwegs, erzählt sie.

"Wir danken dem deutschen Volk"

Über Messenger und einige Facebook-Freunde hat Abt Daniil Kontakt zu den Flüchtlingen bekommen, die er teilweise schon jahrelang kennt. Iras Tochter hat er beispielsweise vor neun Jahren getauft und die Familie schon mehrmals in Kiew besucht. Diese Kontakte zahlten sich aus   die junge Frau lebt nun mit ihren Eltern und der Tochter in der Nähe des Klosters, das ihr Schutz und Sicherheit bietet. Auf der weitläufigen Anlage des alten Gutshofs kann die Tochter mit den anderen Kindern spielen, gleich hinter dem immer noch recht verfallenen, aber charmanten alten Gutshaus führt ein kleiner Abhang hinunter zum malerischen Kölpinsee.

Ira ist nicht nur dem Kloster für die Hilfsbereitschaft dankbar. "Wir fühlen uns gut, wir danken dem deutschen Volk", betont sie im Gespräch. Bald will sich die frühere Bankangestellte Arbeit suchen, die Tochter soll noch etwas Deutsch lernen und dann nach den großen Ferien wieder zur Schule gehen. Auch Ira spricht bisher kaum Deutsch, ein paar einzelne Wörter oder kurze Sätze klappen schon, dann wechselt sie wieder ins Russische oder Ukrainische. "Wie ein Hund", sagt sie scherzhaft. Sie versteht zwar einiges, aber kann noch nicht antworten.

Angst vor jedem Flugzeug

Wenn der Krieg vorüber ist, will sie wieder zurückgehen, doch wie es dann in der Heimat aussehen wird, kann niemand sagen. "Unsere Wohnung steht noch, doch im Haus daneben ist Militär untergebracht, da kann alles passieren", erzählt Ira. Von ihren daheim gebliebenen Verwandten und Freunden sei bisher, Gott sei Dank, niemand umgekommen, aber manche seien verletzt, hätten ihre Wohnungen verloren. "Hier finden sie Ruhe und Hilfe", ergänzt Abt Daniil.

Viele bräuchten psychologische Hilfe, manche Kinder hätten besonders in den ersten Wochen Angst vor jedem Flugzeug gehabt, berichtet der Klostervorsteher. Doch er ist trotz allem froh, dass er die Ukrainer aufgenommen hat, sie hätten sich schnell in der Gemeinschaft eingelebt. "Ich habe das Gelände noch nie so sauber gesehen", scherzt der Abt. Auch die Götschendorfer seien "sehr lieb" zu den Flüchtlingen, wie er betont. Und die Bürgermeisterin von Milmersdorf, zu dem der kleine Ort in der Uckermark gehört, habe sich sehr hilfsbereit gezeigt.

Dem Krieg gerade noch entronnen

Doch betroffen vom Krieg sind nicht ausschließlich die Menschen, die in den letzten Wochen aus der Ukraine geflüchtet sind. Zu den neun Mönchen im Kloster - zwei Priester und sieben Novizen - gehört auch Michael Tsikavyi, der seit 2010 in Deutschland lebt. Der junge Mann aus dem Nordosten der Ukraine hat erst in seiner Heimat orthodoxe Theologie studiert, dann evangelische Theologie in Halle (Saale). Nun lebt er als Novize im St.-Georgs-Kloster, betreut an diesem Sonntag die Imbissbude, die vorbeiziehende Touristen und Tagesgäste versorgt. Neben einer ukrainischen Soljanka steht auch russischer Borschtsch auf dem Speiseplan.

Während es in seiner Heimat bisher relativ ruhig geblieben sei, stamme sein Vater ursprünglich aus dem Donezker Gebiet, erzählt er im Gespräch. Sein Großvater und sein Onkel seien daher von dort geflüchtet - die Situation sei zu gefährlich geworden. "30 Kilometer vom Haus meiner Eltern sind bereits Bomben gefallen, bei uns, Gott sei Dank, noch nicht", erzählt Michael. Doch er sagt auch: "Niemand weiß, was am nächsten Tag passiert." Seine Mutter lebe in Angst, und Michael ist dem Krieg gerade noch entronnen. Nur ein Tag bevor Russland am 24. Februar die Ukraine überfiel, war er noch auf Urlaub bei seinen Eltern   und kam gerade noch rechtzeitig nach Deutschland zurück. Als er zurück im Kloster war, herrschte Krieg in seiner Heimat.

Christen müssen für den Frieden beten

Ein Krieg, der auch vom russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. immer wieder unterstützt wird. Es ist paradox, dass derselbe Patriarch im Jahr 2005 - noch als Metropolit von Smolensk und Kaliningrad - den Kauf des Grundstücks in der Uckermark mit angeschoben und die Idee eines russisch-orthodoxen Klosters mitten in Brandenburg unterstützt hat. 2006 weihte er das Kloster ein. Heute werden gerade hier Flüchtlinge betreut, die vor einem Krieg fliehen, den der Moskauer Patriarch unbeirrt rechtfertigt. Doch Abt Daniil Irbits kann damit gut leben. "Wir reden hier nicht über Politik", macht er deutlich.

Die neun Mönche stammten unter anderem aus Russland, Belarus oder der Ukraine. "Für mich gibt es keine Nationalität. Wenn Menschen flüchten, muss ich helfen", sagt der aus Lettland stammende Geistliche, der auch deutsche Vorfahren hat. Die mehr als 100 russischen Gemeinden in Deutschland würden sich alle für Ukraine-Flüchtlinge einsetzen, betont er im Gespräch. "Wir sind Christen", sagt er kurz und bündig. "Und ich sage immer: Christen müssen in der Sache helfen und für den Frieden beten. Und das tun wir."

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