Ukrainekrieg

Wenn Kinder fliehen müssen

Der Ukrainekrieg lässt immer mehr Kinder und Jugendliche auf eigene Faust die Flucht in Richtung Westen antreten.
Geflüchtete Kinder aus der Ukraine
Foto: CONCORDIA Sozialprojekte | Die Sozialzentren der „Concordia Sozialprojekte“ nehmen in Moldau und Rumänien geflüchtete ukrainische Kinder auf.

Am schlimmsten trifft es immer die Schwächsten. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef geht davon aus, dass die Hälfte der über drei Millionen geflohenen Ukrainer Kinder und Jugendliche sind. Viele davon sind ohne ihre Eltern unterwegs, genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln. Hilfsorganisationen in den ukrainischen Nachbarländern und Deutschland bemühen sich, besonders Kindern eine sichere Reise, Unterkunft und Unterstützung zu ermöglichen, doch an Grenzen und Aufnahmepunkten herrscht Chaos. Genauso überstürzt, wie die Menschen von zuhause aufgebrochen sind, mussten sich auch Aufnahmeländer und Hilfsverbände organisieren. Viele Fragen zur langfristigen Versorgung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen sind noch offen und benötigen eine enge und unbürokratische Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung und Non-Profit-Sektor.

Kinder haben furchtbare Strapazen hinter sich

Laut UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, leben in der Ukraine fast 100 000 Kinder in Heimen und Internaten, die Hälfte davon sind Kinder mit Behinderungen. Jan Murawski ist Generalsekretär des polnischen „Klub Inteligencji Katolickiej (KIK)“, einer 1956 gegründeten Organisation katholischer Laien, der sich die Aufgabe gestellt hat, Kirche und Gesellschaft in Polen und Osteuropa zu dienen. Er und seine Organisation helfen unter anderem bei der Evakuierung von Kinderheimen mit behinderten Kindern, wie Murawski der „Tagespost“ erzählt. „Wir haben bereits die Flucht einer Gruppe mit 67 Kindern sowie einer Gruppe mit 120 Kindern aus der Ostukraine organisiert.

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Die Kinder sind zum Teil sehr schwer behindert und haben furchtbare Strapazen hinter sich.“ KIK hat alles organisiert, den Transport per Bus von der Ukraine aus, die Schlafplätze während der Reise, eine Aufnahmeeinrichtung in Polen oder einem anderen europäischen Land. „Wir waren nicht auf diese Aufgabe vorbereitet, wir halfen, weil Not am Mann war. Dank unserer langjährigen Präsenz in der Ukraine konnten sich die Kinderheime unkompliziert an uns wenden“, erzählt Murawski.

So schnell wie möglich wieder Normalität

Mittlerweile hat der polnische Staat eine Taskforce zusammengestellt, die sich um Evakuierung und Unterbringung von Kindern aus Heimen kümmert. Sie arbeiten eng mit der Organisation KIK zusammen, die durch ihre unbürokratische Hilfe über eine gewisse Expertise verfügt. Nach ein paar Minuten muss Murawski das Gespräch unterbrechen: „Wir erwarten eine weitere Gruppe mit behinderten Kindern aus Odessa, sie müssen jeden Augenblick ankommen.“

Die Hilfsorganisation Concordia Sozialprojekte wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von dem Jesuitenpater Georg Sporschill SJ in Rumänien gegründet. Seit 2004 ist Concordia Sozialprojekte auch in Moldau tätig, wo immer noch viele Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. In ihren über 50 Sozialzentren unterstützt die Organisation besonders Kinder, Jugendliche und Familien. Vier davon liegen direkt an der Grenze zur Ukraine. „Unmittelbar nach Kriegsbeginn haben wir begonnen, in unseren Zentren Menschen zur Erstversorgung aufzunehmen, meist Mütter mit ihren Kindern, deren Väter zurückbleiben, um ihr Land zu verteidigen. Wir geben ihnen frische Kleidung, Essen und ein Bett für die Nacht“, berichtet Ulla Konrad aus dem Vorstand der Organisation, die sich aktuell in Moldau aufhält, der „Tagespost“.

Große Hilfsbereitschafat in den Dörfern

Einige der Flüchtlinge seien auf der Durchreise, wohingegen sich viele Familien entscheiden, in Moldau zu bleiben, um so rasch wie möglich in ihre Heimat zurückkehren zu können, so Konrad. „Unsere Stützpunkte sind feste Häuser, was natürlich gerade für Familien die bessere Unterkunft ist. Es herrscht auch eine große Hilfsbereitschaft seitens der Menschen in den Dörfern. Die Menschen hier sind sehr arm, aber viele nehmen Ukrainer bei sich auf. Das ist natürlich optimal, um so schnell wie möglich in eine Art der Normalität zurückkehren zu können.

Zu uns in die Zentren kommen die Kinder dann zum Spielen, zum Essen, zum Zusammensein. Wir sind sozusagen die Drehscheibe.“  Frau Konrad ist Psychologin und hat den Vormittag in einer Videokonferenz mit psychologischem Personal der Concordia Sozialprojekte aus ganz Moldau verbracht. „Wir schauen gezielt, was die Kinder brauchen, sowohl an psychologischer Unterstützung als auch beispielsweise an Spielmaterial. Die Kind er haben einen hohen Bedarf, die innere Anspannung und die traumatischen Ereignisse im Spiel zu evakuieren“, so die Psychologin.

Wichtig: bleibende soziale Gefüge

Erneuter Szenenwechsel: Berlin. Laut § 42 SGB VIII ist in Deutschland das Jugendamt „berechtigt und verpflichtet, Minderjährige in Obhut zu nehmen, wenn ein Kind oder Jugendlicher unbegleitet nach Deutschland einreist“. Auf diese Weise kann idealerweise auch nachverfolgt werden, wo die eingereisten Kinder und Jugendlichen gelandet sind.

Franziska Latta arbeitet für den Deutschen Caritasverband in Berlin und steht in engem Austausch mit den verschiedenen Fachreferaten, Gliederungen und Mitgliedern des Verbands. „Wenn Kinder in einer Gruppe junger Bewohner eines Kinderheims ankommen, dann haben sie erwachsene Personen bei sich, bei denen es sich aber in den Augen des deutschen Gesetzes nicht unbedingt um die sorgeberechtigten Personen handelt“, erklärt Latta. Es ist Aufgabe des Jugendamts, in jedem Fall einzeln zu entscheiden, was mit den Kindern passiert. „Fakt ist, dass die Betreuer dieser Kinder ja schon mindestens seit Beginn der Flucht für sie sorgen und auch die Kinder sich untereinander unterstützen. Für uns ist es sehr wichtig, dass diese Kinder soweit wie möglich zusammenbleiben können und nicht aus ihren sozialen Bezügen gerissen werden, die ja oft das Letzte sind, was diesen Kindern noch geblieben ist.“

Zu traumatisiert, um weinen zu können

Die Caritas bemüht sich daher, in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt Betreuungssettings zu organisieren, die es ermöglichen, dass die Kinder und ihre Betreuer in der Gruppe bleiben können. „Vor einigen Tagen hat unser Diözesancaritasverband in Berlin-Brandenburg zum Beispiel kurzfristig ein Jugendbildungshaus freigemacht, um eine große Gruppe von Kindern gemeinsam unterzubringen.“

Unterbringung und Erstversorgung mit Kleidung, Essen und Trinken haben angesichts des massiven Aufkommens an Flüchtlingen Priorität, daneben braucht es jedoch gerade für Kinder eine psychologische Versorgung. „Die Kinder kommen hier sehr erschöpft und verängstigt an. Die Bahnhofsmissionen berichten, dass die Kinder auffällig ruhig sind. Zum Teil haben sie aufgehört zu sprechen und weinen nicht mehr. Das ist die Reaktion, die viele Kinder zeigen, wenn die Ereignisse zu traumatisch sind, als dass das Kind noch irgendwie darauf reagieren könnte“, so die Caritas-Mitarbeiterin.

Es braucht auch langfristige Lösungen

Auch langfristig müssen Lösungen und Konzepte zur Integration der Kinder in Kita und Schule geschaffen werden. „Selbst wenn der Krieg irgendwann demnächst beendet werden sein sollte, ist ja noch völlig unklar, wann die Kinder in ihre Heimat zurückkehren können. Zum Beispiel wird vor Ort ein Teil der Infrastruktur wie Schulen Krankenhäuser und Kinderheime zerstört sein“, so Latta.

Der bereits jetzt schon bestehende Fachkräftemangel und die Coronakrise stelle das Kita- und Schulsystem, aber auch die Aufnahmeeinrichtungen vor große Herausforderungen. „Da sind kreative Lösungen nötig. Zum Beispiel muss man darüber nachdenken, wie man auch aus der Ukraine geflohenes pädagogisches Personal mit einbinden kann“, schätzt Latta.

Menschenhändler: Kinder und Frauen verschwinden

Auch nach erfolgreicher Flucht aus dem Kriegsgebiet sind die Gefahren für Kinder und junge Frauen nicht vorüber. „An den Ankunftsbahnhöfen kann eine lückenlose Betreuung und Beaufsichtigung der ankommenden Kinder momentan noch nicht ausreichend sichergestellt werden“, zeigt sich Franziska Latta besorgt. „Unser Mitgliedsverband In Via, der unter anderem in Berlin die Bahnhofsmission unterstützt, ist da sehr alarmiert. Es kommt vor, dass Kinder und auch junge Frauen verschwinden, weil sie von Menschenhändlern einfach mitgenommen werden. Die Situation vor Ort ist teilweise noch sehr chaotisch, aber unsere Leute versuchen, durch Information, Aufklärung und einen besonders guten Blick auf die Kinder das Risiko so weit wie möglich zu minimieren.“

Auch Jan Murawski und Ulla Konrad berichten, dass die unübersichtliche Lage an den Grenzen der Ukraine zu Polen und Moldau zunehmend Übeltäter anzieht. „Es ist jetzt schon vorgekommen, dass Autofahrer unsere Kinder nach dem Weg fragen und sie dann auffordern, ins Auto einzusteigen. Unsere Mitarbeiter sind jetzt hoch alarmiert und bemühen sich, die Kinder gezielt zu instruieren“, zeigt sich Ulla Konrad besorgt. In Polen versuche die Regierung nun, ein ID-System für freiwillige Helfer einzuführen, mit dessen Hilfe Helfer als Angehörige von Organisationen identifiziert werden können, erzählt Murawski. „Aber das wird nicht funktionieren, da es viele, viele, viele Privatleute gibt, die aus eigener Initiative ihre Hilfe anbieten.“

Perspektiven für die Zukunft aufbauen

Flucht aus der Ukraine, Durchquerung von Transitländern, Ankunft in Deutschland – wie geht es nun weiter, lautet die Frage für unbegleitete Kinder und Jugendliche. Eine mögliche längerfristige Auffangstelle sind die Zentren des „Sozialdienstes katholischer Frauen“ (SKF). Ute Theisen leitet den Fachbereich Kinder, Jugend und Familien des SKF Köln. Bereits seit dem Zweiten Weltkrieg, so berichtet sie der „Tagespost“, gehöre es zu den Aufgaben des Sozialdienstes, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in entsprechenden Einrichtungen aufzunehmen. Aktuell sind vier junge Mädchen aus der Ostukraine beim SKF Köln untergebracht. „Die vier Mädchen waren allein unterwegs und sind eher zufällig nach Köln gekommen, vielleicht weil sie schon einmal von der Stadt gehört haben oder doch hier in der Nähe Verwandte oder Bekannte haben.“

Vor Ort stehen den Jugendlichen rund um die Uhr pädagogische Ansprechpersonen zur Verfügung. „So können wir eine Beziehung zu den Mädchen herstellen und gemeinsam Perspektiven für ihre Zukunft aufbauen“, hofft Theisen. Das Jugendamt Köln hat den SKF bereits informiert, dass auch für Köln erheblich größere Zahlen an geflüchteten Kindern und Jugendlichen erwartet werden. „Da werden voraussichtlich ganze Busse mit Kindern ankommen, die dann ad hoc versorgt werden müssen. Das wird in den nächsten Wochen auf uns zukommen“, schätzt Theisen.

 

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