Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Kiew spaltet die Gläubigen

Das ukrainische Parlament beschließt ein Verbot der früher mit Moskau verbundenen Orthodoxie im Land. Ein Akt der Weisheit und Friedensliebe ist das nicht.
Ukrainisches Parlament
Foto: imago stock&people | Mit dem Verbot der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) vertieft das ukrainische Parlament das Misstrauen in der eigenen Bevölkerung und unter den gläubigen Orthodoxen.

Es steht nicht gut um die Ukraine. Die russische Armee stößt im Donbass immer weiter vor, während der Landgewinn ukrainischer Truppen in der russischen Region Kursk vielleicht als Faustpfand bei Verhandlungen dienen könnte, aber die Bereitschaft des Kremls zu eben solchen Gesprächen erst einmal auf Null gesenkt hat.

Lesen Sie auch:

Zudem lässt das am Wochenende von der Bundesregierung verkündete Moratorium für weitere Finanzhilfen für die Ukraine vermuten, dass im Westen der Wille schwächelt, das ukrainische Vorgehen im Kampf gegen den russischen Aggressor immer weiter zu unterstützen, wenn kein Ende der Eskalations-Spirale in Sicht ist. Putin klein zu kriegen oder Russland zu besiegen, ist keine realistische Option. Es muss eine Exit-Strategie her, um das Töten zu beenden, und die hat der Vorstoß der Ukraine auf russischem Boden Richtung Kursk nicht gebracht.

Der Vorwurf lautet Kollaboration

Der tragische Nahost-Konflikt sollte lehren, dass es Weitsicht, ja Weisheit und Klugheit braucht, um Spiralen des Hasses und der Gewalt langsam wieder zurückzudrehen. Von daher ist es bedauerlich, dass das ukrainische Parlament am Dienstag ein Gesetz zum Verbot der früher mit dem Moskauer Patriarchat verbundenen Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) angenommen hat. Grund: Die Kirchengemeinschaft unter dem Kiewer Metropoliten Onufrij soll anders, als sie beteuert, ihre Bindung an das Russisch-Orthodoxe Patriarchat nicht aufgelöst haben und ein Einflussinstrument Russlands sein.

Die UOK hatte sich im Mai 2022 vom Patriarchat Kyrills losgesagt und weist die Anschuldigungen zurück. Um die 10.000 Kirchengemeinden und die meisten Klöster des Landes – also Hunderttausende von orthodoxen Gläubigen, die nicht alle Verräter und Kollaborateure sind – gehören ihr derzeit an. Mehrere Kleriker wurden jedoch zuletzt wegen des Vorwurfs der Kollaboration verurteilt.

Eine Einschränkung der Religionsfreiheit

Damit vertieft das ukrainische Parlament den Zwist und das Misstrauen in der eigenen Bevölkerung und unter den gläubigen Orthodoxen, die früher von Moskau abhingen. Außerdem gießt es Wasser auf die Mühlen der Kreml-Propaganda, die Regierung Selenskyis sei russophob und Moskau müsse die russischstämmige Bevölkerung in der Ukraine schützen und befreien.

Es ist sicher das Recht des ukrainischen Staats, auch in den Reihen der UOK gegen Handlanger des Kremls vorzugehen. Aber eine ganze Kirchengemeinschaft mit dem Bann zu belege, grenzt an Aufhebung der Religionsfreiheit, belastet das Verhältnis zu den westlichen Verbündeten, gibt Putin Munition für die Rechtfertigung seines Angriffskriegs und vermehrt genau den Hass, den man eigentlich die Nahrung entziehen müsste, um in einem blutigen Konflikt zu deeskalieren und Wege der Befriedung zu beschreiten.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Guido Horst Kirchengemeinden Russlands Krieg gegen die Ukraine Religionsfreiheit Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Russlands Orthodoxie diene neoimperialen Zielen und sei in die aggressive Politik des Kremls integriert, meinen die ukrainischen Kirchen und Religionsgemeinschaften.
29.08.2025, 07 Uhr
Stephan Baier
Die Geopolitik-Koryphäe John Mearsheimer sieht Putins Krieg als Verteidigungsaktion. Doch sein „offensiver Realismus“ hat Schwächen.
22.02.2026, 07 Uhr
Martin Kragh

Kirche

In keinem spanischen Bistum entscheiden sich proportional zur Bevölkerungsdichte gesehen mehr junge Männer für den Priesterberuf als im Erzbistum Toledo. Wie ist das zu erklären?
24.03.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Wegen des Krieges im Nahen Osten sagt der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pizzaballa, zentrale Feiern der Heiligen Woche ab – und spricht den Gläubigen Mut zu.
24.03.2026, 10 Uhr
Meldung
Eine Initiative überreicht 28.000 Unterschriften gegen die Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz zur „Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“.
23.03.2026, 17 Uhr
Meldung