Karlsruhe

„Der Krieg belastet“

Bei der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen ging es um die Bewahrung der Schöpfung und die Weltsynode. Zum Ukraine-Krieg wurde eine gemeinsame Erklärung erwartet.
Vor der  Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen
Foto: Volker Hasenauer (KNA) | Halten ein großes Banner mit Aufschrift und Logo der 11. Vollversammlung des ÖRK (v.l.n.r.:) Marc Witzenbacher, Koordinator der 11.

Am Mittwoch  hat die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen begonnen. Ihm gehören 352 Kirchen und christliche Gemeinschaften aus mehr als 120 Ländern an, die weltweit über 580 Millionen Christen vertreten. Mit Karlsruhe ist erstmals eine deutsche Stadt Gastgeber dieser weltweiten Versammlung. Und Themen gibt es reichlich: Der Ukraine-Krieg, die Weltsynode der katholischen Kirche und der Klimawandel. Ein Gespräch mit dem Direktor des katholischen Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn, Johannes Oeldemann.

Herr Oeldemann, inwiefern belastet der Ukraine-Krieg die Beziehungen der orthodoxen Kirchen untereinander und zu den anderen Kirchen?

Der Krieg belastet natürlich die Beziehungen der orthodoxen Kirchen untereinander, nicht nur in der Ukraine und Russland, sondern auch darüber hinaus, weil sie einfach die Einheit der orthodoxen Kirche gefährdet sehen. Aber er belastet ebenso die Beziehungen der Orthodoxen zu den anderen, westlichen Kirchen, weil das ein Konfliktpunkt ist, in dem doch sehr unterschiedliche Positionen in Russland und in der Ukraine selbst vertreten werden.

Wie groß ist da noch die Autorität des Patriarchen Kyrill – hat die jetzt durch seinen Pro-Putin-Kurs gelitten?

Ich glaube, dass seine Autorität merklich gesunken ist, auch innerorthodox. Er hat zuvor als Oberhaupt der zahlenmäßig größten orthodoxen Kirche sicherlich eine große und wichtige Rolle gespielt, aber seine Stellungnahmen zum Krieg sind doch überwiegend auf Kritik gestoßen, nicht nur im Westen, sondern auch innerorthodox, sodass ich glaube, dass er in der Gesamtorthodoxie an Autorität verloren hat.

Kyrill wird ja persönlich nicht in Karlsruhe anwesend sein. Liegt das an seiner Position im Ukraine-Krieg, oder hat das andere Gründe?

Ich denke, das hat andere Gründe. Es ist eigentlich nicht üblich, dass Patriarchen einer orthodoxen Kirche an einer solchen Vollversammlung teilnehmen. In der Regel beauftragen sie einen Metropoliten oder einen anderen Bischof, die Delegation zu leiten, die zu so einer Vollversammlung fährt. Nach meiner Kenntnis wird auch keiner der Patriarchen der anderen orthodoxen Kirchen in Karlsruhe anwesend sein.

Ein anderes Thema ist der weltweite synodale Prozess in der katholischen Kirche. Wie wird er aus ökumenischer Sicht von den evangelischen und anglikanischen Kirchen wahrgenommen?

Ich glaube, er wird sehr aufmerksam verfolgt, vielleicht nicht nur der Synodale Weg in Deutschland, sondern auch der weltweite synodale Prozess innerhalb der katholischen Kirche. Von außen betrachtet ist der Synodale Weg in Deutschland eher ein Baustein, ein Mosaikstein des ganzen Prozesses. Hier in Deutschland hat der Vorsitzende der Ökumenekommission auch alle Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ACK angeschrieben, also nicht nur die evangelischen Kirchen, sondern auch Anglikaner, Orthodoxe etc. und darum gebeten, dass sie ihre Erfahrungen mit Synodalität mitteilen. Das ist auch eingeflossen in die Rückmeldungen der Deutschen Bischofskonferenz nach Rom. Und es wird auch dort eigene Tagungen geben mit orthodoxer, evangelischer und anglikanischer Beteiligung. Ich glaube daher, dass diese ökumenische Dimension durchaus eine wichtige Rolle spielen wird.

Wenn man sich die Tagesordnung in Karlsruhe anschaut: Welche Themen werden noch im Vordergrund stehen?

Mit Sicherheit die Themen Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung, also die Themen, die schon beim Konziliaren Prozess in den 1980er und 90er Jahren eine große Rolle gespielt haben. Ich denke, vor allem das letztgenannte Thema, die Bewahrung der Schöpfung, wird sicherlich oben auf der Agenda stehen angesichts des Klimawandels und seiner Folgen. Ein weiteres Thema wird sehr wahrscheinlich Israel, Palästina und der Konflikt im Nahen Osten sein.

Wird es Ihrer Meinung nach eine gemeinsame Erklärung zum Ukraine-Krieg geben, oder wird man sich mit der russisch-orthodoxen Kirche nicht einigen?

Ich vermute, dass es eine Erklärung zum Ukraine-Krieg geben wird. Man wird versuchen, eine Formulierung zu finden, die auch von russischer Seite wenn nicht mitgetragen, so doch zumindest toleriert werden kann. Zumindest hat auch der Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen bei seiner letzten Tagung zur Vorbereitung der Vollversammlung im Juni eine doch recht eindeutige Erklärung mit einer Verurteilung des Krieges veröffentlicht. Und auch damals waren Vertreter des Moskauer Patriarchats dabei. Von daher gehe ich davon aus, dass man auch in Karlsruhe zu einer ähnlichen Erklärung finden wird.

Es ist die ersten ÖRK-Vollversammlung in Deutschland. Hat das eine rein symbolische Bedeutung, oder hat das auch Auswirkungen auf den Inhalt der Tagung?

Ich denke, es wird auch Auswirkungen auf den Inhalt der Tagung haben. Ich glaube, man hat Karlsruhe sehr bewusst gewählt. Die Stadt liegt in der Grenzregion zwischen Frankreich und Deutschland. Es wird im Rahmen des Vollversammlungsprogramms auch Exkursionen nach Straßburg und in andere französische Städte geben. Auf diese Weise wird man den nicht-europäischen Versammlungsteilnehmern vor Augen führen wollen, dass das Zusammenwachsen Europas ohne Probleme möglich ist, da wir offene Grenzen haben. Es gilt auch für die Situation in Deutschland, insofern die Vollversammlung deutlich macht, dass Ökumene mehr ist als nur evangelisch und katholisch, sondern auch die Orthodoxen, Anglikaner oder Freikirchen umfasst. Ich hoffe, dass da ein Impuls von der Vollversammlung für eine neue Wertschätzung auch der multilateralen Ökumene über das evangelisch-katholische Gespräch hinaus ausgeht.

Wie groß ist der Einfluss der Kirchen in Deutschland in diesem weltweiten Ökumenischen Rat?

Er ist schon relativ groß, vor allen Dingen natürlich seitens der Evangelischen Kirche in Deutschland und der gastgebenden Evangelischen Landeskirche in Baden, die eine wichtige Rolle auf der organisatorischen Ebene spielen. Aber auch das katholische Erzbistum Freiburg ist als Gastgeber vor Ort mit eingebunden, und ich erhoffe mir, dass einfach von der Atmosphäre in Karlsruhe ein positiver Impuls ausgeht. Ich habe gehört, dass sich das Interesse und die Anmeldezahlen in den letzten Tagen recht gut entwickelt haben, sodass man davon ausgehen kann, dass eine lebendige Atmosphäre dort in Karlsruhe herrschen wird, von der hoffentlich auch positive Impulse für das ökumenische Gespräch der Delegierten ausgehen werden.

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