Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview zum Kontinentaltreffen

Anna Diouf: "Synodalität kann zum Segen werden"

Anna Diouf hat die kontinentale Phase des Synodalen Prozesses in Prag miterlebt. Sie berichtet über die dort gelebte Synodalität, das Bild, das die Deutschen abgaben und die Lehren, die aus dem Treffen  zu ziehen sind.
Synodale Versammlung in Prag
Foto: Björn Steinz (KNA) | Teilnehmer unterhalten sich im Sitzungssaal der Europa-Etappe der Weltsynode am 7. Februar 2023 in Prag (Tschechien). An der Wand im Hintergrund hängt das Logo der Weltsynode.

Frau Diouf, welche Aufgabe hatten Sie als vom Rat der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) nominierter Gast in Prag?

Für die Weltsynode im Oktober in Rom muss ein Arbeitsdokument formuliert werden, das mithilfe der ganzen Kirche geschrieben werden soll: Deshalb tragen sieben kontinentale Konferenzen weltweit die Anliegen der Menschen zusammen. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für das eigentliche Instrumentum Laboris. In Prag haben nun die Delegierten der europäischen Bischofskonferenzen ein Dokument erarbeitet. Ich habe also am europäischen Beitrag zur Weltsynode mitgewirkt; mit Redebeiträgen im Plenum und in kleinen Arbeitsgruppen. Eine davon habe ich moderiert. Im Fokus standen drei Fragen: Wo sind wir im Einklang miteinander? Wo treten Widersprüche auf? Welche Prioritäten soll die Weltsynode setzen?

Der Austausch folgte einer speziellen Methode. Welche war das?

Das geistliche Gespräch: Der erste Schritt war Zuhören, ohne Bewertung. Zwischendurch gingen wir in die Stille, um das Gehörte ins Gebet zu nehmen. In Kleingruppen haben wir dann Eindrücke zusammengetragen, um zu einer Synthese zu kommen. Kurz gesagt: Vom Ich zum Du zum Wir. Das Ergebnis dieses Prozesses ist etwas anderes - und mehr - als ein Abstimmungsergebnis oder Kompromiss.

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Bischof Kohlgraf hat kritisiert, dass es keine Debatten gab. Wie begründet ist diese Kritik?

Ich habe den Austausch in Kleingruppen als intensiver und fruchtbarer empfunden als eine Debatte. Die deutsche Delegation ist ja den Synodalen Weg gewöhnt. Sie hat auch als erste Delegation durch Zurückhaltung von Applaus Zustimmung offen verweigert, und so Bewertung und eine politische Atmosphäre in den Saal getragen. Ich finde es dagegen spannend, Synodalität nicht als politisch-parlamentarischen Prozess zu verstehen.

Er sagte auch, die Bischöfe seien elitär, da sie am Ende entscheiden würden.

Die Bischöfe entscheiden in der Vollmacht Christi, nicht als Elite. Ist Jesus "elitär", weil er die Zwölf erwählt hat?

Welche Figur haben die Deutschen gemacht?

Es fiel auf, dass viele Länder in ihren Reports versucht hatten, alle Anliegen des Kirchenvolks wiederzugeben. Die deutsche Delegation hat sich auf die Position des Synodalen Wegs beschränkt. Außerdem hat sie andere direkt angegriffen: Ein Land hatte berichtet, dass man in einer ökumenischen Anstrengung die Unterzeichnung der Istanbul-Konvention verhindert habe. Irme Stetter-Karp hat das später aufgegriffen und verurteilt, was ihr nicht zustand. Zu akzeptieren, dass es in Prag anders läuft als in Frankfurt, schien nicht so leicht. Das wirkte auf mich etwas provinziell.

Ist das typisch deutsch?

Es gehört schon ein wenig zu unserem "Nationalcharakter", gern andere zu belehren, zu sagen, wo es lang geht. Aber das kann man reflektieren und ändern. Für mich persönlich war es auch eine geistliche Übung.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Die Vielfalt und Schönheit der katholischen Kirche. Die Eintracht, mit der wir miteinander Eucharistie gefeiert haben, und der Umgang miteinander: Es wurde gesagt, man solle die säkulare Welt positiv sehen. Aber wie oft hören wir von Shitstorms und Cancel culture? Davor musste sich hier niemand fürchten; also, davon kann sich doch auch die säkulare Welt eine Scheibe abschneiden.

Laut Kardinal Grech müssten wir klären, was uns von der Welt unterscheide. Inwieweit hat sich Klärungsbedarf in Bezug auf katholische Identität abgezeichnet?

Der Klärungsbedarf ist hoch. Wir reden oft aneinander vorbei, weil Begriffe nicht klar sind. Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob ich jemanden unabhängig von seinen Lebensentscheidungen liebe oder die Lebensentscheidungen gutheiße. Sagen wir "Annahme", meinen aber "gutheißen"? Oder auch Klerikalismus: Was ist das? Ich habe in diesen Tagen mit so vielen Bischöfen gesprochen   auf Augenhöhe. Also, was genau wirft man ihnen vor?

Bei der Frauenfrage suchten die meisten unabhängig vom Weiheamt nach Möglichkeiten der Beteiligung, während der deutsche Theologe Thomas Söding meinte, man könne die Tür, die Papst Johannes Paul II. geschlossen habe, wieder öffnen. Wie sehen Sie das?

Die Rolle der Frau war ein wichtiges Thema, Ordination wurde kaum gefordert. Die Fixierung auf etwas, das lehrmäßig geklärt ist, hindert uns doch daran, die Größe der Berufung der Frau zu entdecken.

ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp nennt das ein "stures Beharren auf der dualen Anthropologie".

Die christliche Anthropologie war weitgehend Konsens. Ein Menschenbild zu bewahren, das dem Evangelium entspricht, ist ja nicht stur, sondern einfach katholisch. Interessant ist auch, dass die Sexualethik kaum problematisiert wurde. Vielleicht denken Katholiken in anderen Ländern differenzierter darüber nach. Die Frage nach dem Umgang mit homosexuellen Menschen richtete sich vor allem auf das Verhältnis von Barmherzigkeit und Wahrheit, nicht auf eine andere Anthropologie.

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Inwieweit spielte Missbrauch eine Rolle? Ging es um systemische Ursachen und Strukturveränderungen?

Je nach Land war das ein sehr wichtiges Thema, für Irland und Frankreich auch bestimmend. Da ging es um Aufklärung, Ehrlichkeit, um Wunden, die heilen müssen. Es gab nicht diese Engführung wie in Deutschland, wo manchmal der Eindruck erweckt wird, die Kirche an sich sei Ursache für Missbrauch und wo ein Bischof sagt, Machtmissbrauch gehöre zur DNA der Kirche.

Der Papst spricht immer davon, an die Ränder zu gehen. Was hatten die Deutschen zum Thema zu sagen?

Über "marginalisierte" Gruppen wurde viel gesprochen. Auch hier klagten unter anderem die Deutschen wieder an: Man würde über diese Menschen sprechen, nicht mit ihnen. Aber das war doch die Sache der Delegationen. Es wäre vorbildhaft gewesen, wenn Frau Stetter-Karp oder Herr Söding ihren Platz einer Jugendlichen oder einem Missbrauchsopfer überlassen hätten. Warum beklagen, was man selbst ändern kann?

Erzbischof Grusas nannte auch die Christusbeziehung als Voraussetzung für den gesamten synodalen Prozess. Gibt es noch andere?

Dafür zu sorgen, dass ein Getaufter Christus kennenlernen kann, ist bleibende Aufgabe der Kirche. Wir müssen aber klären, was wir von synodalen Prozessen erwarten. Probleme werden sich nicht auflösen. Wir können aber ein besseres Problembewusstsein entwickeln und Lösungsansätze erarbeiten.

Welche thematischen Trends haben sich abgezeichnet, die für die Weltsynode relevant werden könnten?

Ich nehme an, dass die Frage nach der Berufung der Frau bedeutsam sein wird, aber auch Katechese, die Inklusion Ausgeschlossener, Arbeitsteilung zwischen Priestern und Laien und vieles mehr.

Was können Deutsche vom Prager Treffen lernen?

Zuhören, nicht bloß einfordern, sondern auch selbst zuhören. Neugieriger darauf sein, wie Andere Katholizismus leben. Und wir können lernen, sachlich zu diskutieren. Oft wird Diskurs erstickt, weil jemand äußert, verletzt oder emotional überfordert zu sein. Dann soll diese Person den Diskurs nicht führen müssen, klar. Aber wir müssen weiter über das Thema sprechen. Sonst "gewinnt", wer die extremsten Gefühle hat. Prag hatte da einen hohen Anspruch an alle.

Prag in einem Satz?

Synodalität kann zum Segen werden, wenn sie auf dem Fundament der Lehre steht und nicht instrumentalisiert wird.

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