Vatikanstadt

Der Papst versöhnt sich mit Becciu

Die Gründonnerstagsmesse feierte Franziskus mit dem geschmähten Kardinal in dessen Privatkapelle.
Kardinal Becciu
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Noch im September hatte Franziskus den Sarden Becciu, der einst das Amt des Substituten im vatikanischen Staatssekretariat bekleidete, aus allen Ämtern entlassen,

Am Gründonnerstag sind es die Italiener gewohnt, im Fernsehen ein paar Sequenzen von der Abendmahlsmesse von Papst Franziskus zu sehen – und, bis zur Corona-Epidemie, von der Fußwaschung oft außergewöhnlicher Teilnehmer der Liturgie: Gefangene, Flüchtlinge oder ausgegrenzte Menschen.

In diesem Jahr gab es eine Überraschung. Die Medien lieferten nur einige Bilder von Franziskus und Kardinal Giovanni Angelo Becciu mit der kargen Mitteilung, dass der Papst in der Kapelle der Privatwohnung des ehemaligen Präfekten der Kongregation für die Heiligsprechungen mit ihm um 17.30 Uhr die Messe gefeiert habe. Im Petersdom, zur traditionellen Messe „in cena Domini“, ließ sich der Papst vom Dekan des Kardinalskollegiums, Kardinal Giovanni Battista Re, vertreten. Trotz der diskreten Messfeier in der Wohnung Beccius wurde somit die Begegnung des Papstes mit Becciu allgemein bekannt.

Viele Spekulationen, keine Fakten

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Noch im September hatte Franziskus den Sarden, der einst das Amt des Substituten im vatikanischen Staatssekretariat bekleidete, aus allen Ämtern entlassen, ihm die Rechte eines Kardinals, einschließlich des der Papstwahl bei einem kommenden Konklave, genommen und ihn der Veruntreuung und Unterschlagung angeklagt. Auslöser war eine Titelgeschichte in dem Wochenmagazin „L’Espresso“, die Becciu vorwarf, in dem Skandal um die vatikanische Investition in eine Londoner Immobilie einer der Schuldigen gewesen zu sein und seine Familie mit zweckentfremdeten Geldern des Vatikans begünstigt zu haben. Weitere Spekulationen der Medien folgten, eine „Dame des Kardinals“ kam ins Spiel, die sich dank der Protektion und der finanziellen Unterstützung Beccius bereichert haben soll.

Eine Anklage gegen den Kardinal durch die vatikanische Staatsanwaltschaft hat es bis heute nicht gegeben und viele der Konstruktionen der Medien brachen wieder in sich zusammen. Auch der schlimme Verdacht, der sardische Kardinal  habe den Missbrauchs-Prozess gegen seinen ehemaligen Rivalen im Vatikan, Kardinal George Pell, betrieben, erwies sich als haltlos. Becciu selber hatte am Tag nach dem Rauswurf durch den Papst vor Journalisten seine Unschuld beteuert und sich dann völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Ein Prozess lässt auf sich warten

Die nicht öffentliche, aber doch sehr auffällige Messfeier des Papstes mit Becciu, für die Franziskus „seine“ Abendmahlsmesse im Petersdom ausfallen ließ, kann nur als ein Akt der Versöhnung gedeutet werden. Ob dem nun auch eine Aufarbeitung der schweren Vorwürfe gegen den Kardinal, der auch Patron des Malteser-Ordens war, folgen wird, ist offen. Schon lange steht ein gerichtliches Verfahren vor dem Tribunal des Vatikans an, in dem die Vorgänge um die Londoner Immobilie und die Verwendung von Geldern aus dem Peterspfennig durch das Staatssekretariat geklärt werden.

Becciu ist nicht der einzige, der angeklagt wurde, aber bisher keinen Prozess erhalten hat. In den Medien hieß es in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder, der Papst telefoniere regelmäßig mit dem von ihm Gescholtenen. Offensichtlich war die brüske Entlassung des Kardinals, die es in dieser Form seit Menschengedenken im Vatikan nicht gegeben hat, ein voreiliger Schritt. 

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