Vatikanstadt

Leitartikel: Licht und Schatten der Vatikanfinanzen

Nur ein ordentlicher Prozess und eine saubere Information der Öffentlichkeit werden dem Vatikan helfen, die Glaubwürdigkeit wieder zurückzugewinnen.
Der Vatikan und die Finanzen
Foto: Andrew Medichini (AP) | Polizeiautos und Beamte patrouillieren auf einem leeren Petersplatz während des Angelusgebetes von Papst Franziskus.

Wer sich in diesen Tagen mit den Vatikanfinanzen, dem Sturz von Kardinal Angelo Becciu und den damit verwobenen Vorfällen befasst, könnte meinen, er sitze im falschen Film. Das soll Kirche sein? Und nicht nur irgendein Stück Kirche, sondern das Zentrum der Cattolica?

Da sitzt im Mailänder Gefängnis San Vittore Cecilia Marogna, die „Dame des Kardinals“, und wartet auf das juristische Verfahren, das über ihre Auslieferung an den Vatikanstaat entscheiden wird – was Wochen, wenn nicht gar Monate dauern kann.

Freimaurerei, Geheimdienste und eine schöne Frau

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Nachrichtenagenturen melden, dass sich der Großmeister der Loge des Großen Demokratischen Orients, Gioele Magaldi, nach Mailand begibt, weil er in größter Sorge um das Wohlbefinden seiner Freundin Marogna ist. „Sie weiß viele Dinge“, meint der Freimaurer Magaldi, „und wenn sie auch nicht der Typ ist, diese auszuplaudern, würde sie dennoch viele Leute ärgern, wenn sie diese ausbreiten würde“. Eine andere Zeitung veröffentlicht eine Recherche, der zufolge die 39-jährige Marogna zusammen mit dem ehemaligen Chef der vatikanischen Gendarmerie, Domenico Giani, eine Art vatikanischer Geheimdienst nach Vorbild des italienischen aufzubauen versucht haben soll, wobei sie bei ihren Reisen etwa nach Dubai nicht nur Gelder des Vatikans, sondern auch das Empfehlungsschreiben von Kardinal Becciu in der Tasche hatte, das ihr „Vertrauen und Achtung wegen der Ernsthaftigkeit ihres Lebens und ihrer Professionalität“ bescheinigte.

Freimaurerei, Geheimdienste, eine schöne Frau und dunkle Geschäfte wie das mit der Luxusimmobilie in der Londoner Sloane Avenue, das ist der Stoff, aus dem sich die wildesten Spekulationen formen. Wieder einmal holt nicht nur die Regenbogenpresse den Vatikan ein – wie damals, als der „Crack“ des „Banco Ambrosiano“ und die Ermordung der Banker Michele Sindona und Roberto Calvi Papst und Kurie in eine tiefe Reputationskrise stürzten.
Wer sich jedoch die Entwicklung der Vatikanfinanzen anschaut (siehe Seiten 2 und 3), muss auch anerkennen, dass es Papst Franziskus und einer völlig neuen Mannschaft gelingen könnte, den Götzen Mammon endlich in den Griff zu kriegen.

Die geheime "dritte Bank" des Vatikans

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Das vatikanische Geldinstitut IOR und die „zweite Bank“ des Vatikans, die Vermögensverwaltung APSA, werden von Männern geführt, die das absolute Vertrauen von Papst Franziskus besitzen. Die geheime „dritte Bank“ des Vatikans, die im Staatssekretariat, der sich Kardinal Becciu und seine engsten Mitarbeiter bedienten, wird in die IOR und APSA überführt. Die Kontrollinstanzen, die Finanzaufsichtsbehörde AIF und das Wirtschaftssekretariat, funktionieren und werden von Leuten geleitet, auf die sich Franziskus verlassen kann.

Es gibt wieder eine Jahresbilanz, und das Defizit des Heiligen Stuhls hielt sich zumindest 2019 in Grenzen. Pleiten, Pech und Pannen begleiteten den Weg der letzten Jahre. Der Prozess Vatileaks II, der Streit zwischen den Kardinälen Becciu und Pell, die verunglückte Londoner Investition: Aufreger gab es genug.
Aber immerhin haben es die Instanzen des Vatikans selber geschafft, von innen heraus manchen Schleier zu lüften. Was jetzt noch fehlt, ist ein ordentlicher Prozess vor dem Vatikangericht und eine saubere Information der Öffentlichkeit. Erst dann gewinnt der Vatikan die Glaubwürdigkeit zurück, wenn er sowohl Spendengelder einsammeln wie auch Gemeinwohl und Geschwisterlichkeit predigen will.

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Guido Horst Vatikanstadt

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