Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Anonyme Kritik an Franziskus

Heftige Attacke auf den kranken Papst

Anonymes Kardinals-Schreiben ruft zur Kurskorrektur der Kirchenleitung im kommenden Konklave auf.
Papst Franziskus betont Offenheit für Kritik und ermutigt zu freier Äußerung
Foto: IMAGO/IPA/ABACA (www.imago-images.de) | Pikant an dem neuen Papier ist auch, dass es in Tagen erscheint, in denen Papst Franziskus offensichtlich mit gesundheitlichen Belastungen zu ringen hat.

Ein neues, offenbar aus hohen römischen Kirchenkreisen stammendes Papier hat wieder starke Kritik an der Art und Weise der Kirchenführung durch Papst Franziskus formuliert. Bezeichnenderweise ist der anonym verfasste Text mit „Demos II“ gezeichnet.

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„Demos“ stand auch unter einer Abrechnung mit dem Pontifikat des derzeitigen Papstes, der vor zwei Jahren im Vatikan und in der Weltkirche kursierte und von dem sich nach dem Tod von Kardinal George Pell herausstellte, dass dieser der Autor von „Demos“ war.

Die "sieben Prioritäten des nächsten Konklaves“definieren

„Demos II“ hat jetzt der italienische Onlinedienst „La nuova bussola quotidiana“ in den Sprachen Italienisch, Englisch, Spanisch, Französisch, Polnisch und Deutsch veröffentlicht. Der Onlinedienst gibt an, ein Kardinal habe das Papier verfasst, ohne aber den Namen zu nennen. Wie „Demos“ von Kardinal Pell habe auch „Demos II“ das Ziel, „die sieben Prioritäten des nächsten Konklaves“ zu definieren, „um die Verwirrung und die Krise, die durch dieses Pontifikat entstanden sind, zu beheben“.

Zunächst nennt der anonyme Autor die Stärken des Pontifikats von Franziskus: Diese lägen „in seiner verstärkten Betonung des Mitgefühls gegenüber den Schwächsten in der Gesellschaft“, im „Einsatz für die Armen und Ausgegrenzten, in der Sorge um die Bewahrung der Schöpfung und den daraus resultierenden Umweltfragen, aber auch in den Bemühungen, die Leidenden und Ausgegrenzten in ihrer Not zu begleiten“.

Aber auch die Schwächen von Papst Franziskus seien offensichtlich: „Ein autokratischer, zuweilen scheinbar nachtragend wirkender Regierungsstil“, wie es  in dem Schreiben heißt, sowie „eine Nachlässigkeit in Fragen des Rechtes; eine Intoleranz selbst gegenüber respektvoll geäußerten Differenzen, und – was am schwersten wiegt – ein Muster der Mehrdeutigkeit in Fragen des Glaubens und der Moral, was zu Verwirrung unter den Gläubigen führt. Verwirrung wiederum befördert Spaltung und Konflikte. Sie untergräbt das Vertrauen in das Wort Gottes. Sie schwächt das Zeugnis des Evangeliums. Das Ergebnis ist eine Kirche, die heute stärker gespalten ist, als sie es in ihrer jüngsten Geschichte jemals war.“

Kritik an "Fiducia supplicans"

Der Autor – und seine möglichen Zuarbeiter – begründen „mit dem derzeitigen Tenor des römischen Umfeldes“ die Tatsache, dass das Pamphlet anonym erscheint: „Offenheit ist nicht erwünscht, und ihre Folgen können unerfreulich sein. Und doch ließen sich diese Gedanken noch viele weitere Absätze fortsetzen, wobei insbesondere die starke Abhängigkeit des gegenwärtigen Pontifikats von der Ordensgemeinschaft der Jesuiten, die jüngste problematische Veröffentlichung des Leiters der Glaubenskongregation, Kardinal Victor Manuel Fernández, und das Entstehen einer kleinen Oligarchie von Vertrauten mit übermäßigem Einfluss innerhalb des Vatikans zu erwähnen wären – und das alles trotz des eigenen Anspruchs einer dezentralisierten Synodalität.“

Pikant an dem Papier ist auch, dass es in Tagen erscheint, in denen Papst Franziskus offensichtlich mit gesundheitlichen Belastungen zu ringen hat. Erst am Mittwoch suchte er für wenige Stunden eine Niederlassung der römischen Gemelli-Klinik auf. 

Kirche ist keine Demokratie

Das Papier formuliert dann einige Grundsätze, die die Papstwähler im kommenden Konklave berücksichtigen sollten, um mit einem geeigneteren Papst den Kurs des jetzigen Amtsinhabers zu korrigieren. Diese lauten: „Echte Autorität wird durch eine autoritäre Ausübung von Autorität beschädigt.“ Sowie: „Ebenso wenig wie die Kirche eine Autokratie ist, ist sie auch keine Demokratie. Die Kirche gehört Jesus Christus. Es ist Seine Kirche. Sie ist der mystische Leib Christi bestehend aus zahlreichen Gliedern. Wir haben nicht die Autorität, ihre Lehren so umzugestalten, dass sie angenehmer in diese Welt passen.“

Als dritten Grundsatz formuliert „Demos II“: „Mehrdeutigkeit entspricht weder dem Evangelium noch ist sie einladend.“ Das derzeitige Pontifikat habe sich von Beginn an der Kraft des Evangeliums und der intellektuellen Klarheit seiner unmittelbaren Vorgänger widersetzt. „Die Demontage und Neuausrichtung des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie in Rom und die Marginalisierung von Texten wie Veritatis Splendor deuten darauf hin, dass ,Barmherzigkeit’ und Gefühle auf Kosten von Vernunft, Gerechtigkeit und Wahrheit in den Vordergrund gerückt werden“, heißt es in dem Papier. „Für eine Glaubensgemeinschaft ist dies sowohl ungesund als auch zutiefst gefährlich.“

Die Kirchenkrise in Europa angehen

Weiter erinnert „Demos II“ daran, dass die Reisetätigkeit von Johannes Paul II. dessen persönlichem Charisma und den Umständen der Zeit seines Pontifikats entsprach. Doch die Situation stelle sich heute anders dar, meint der Autor des Papiers: „ Die Kirche befindet sich in Italien und ganz Europa – der historischen Heimstätte des Glaubens – in einer Krise. Der Vatikan selbst benötigt dringend eine Erneuerung seiner Moral, eine Reinigung seiner Institutionen, Verfahrensweisen und seines Personals sowie eine gründliche Reform seiner Finanzen, um sich auf eine herausfordernde Zukunft vorzubereiten. All das sind keine Kleinigkeiten. Sie erfordern die Anwesenheit, die unmittelbare Aufmerksamkeit und den persönlichen Einsatz eines jeden neuen Papstes.“ 

Die Kardinäle kennen sich nicht

Abschließend fordert „Demos II“ ein Zusammenrücken der derzeit papstwahlberechtigten Kardinäle und begründet das so: „Das derzeitige Pontifikat legte den Schwerpunkt auf die Diversifizierung des Kollegiums, versäumte es aber, die Kardinäle in regelmäßigen Konsistorien zusammenzubringen, um echte Kollegialität und Vertrauen unter den Brüdern zu entwickeln. Infolgedessen werden sich im kommenden Konklave viele der Stimmberechtigten untereinander nicht wirklich kennen und könnten daher für Manipulationen anfälliger sein. Wenn dieses Gremium in Zukunft seinen Zweck erfüllen soll, brauchen die Kardinäle, die ihm angehören, mehr als ein rotes Zucchetto und einen Ring. Das heutige Kardinalskollegium sollte sich eigeninitiativ darum bemühen, sich gegenseitig kennenzulernen, um seine jeweils besondere Sichtweise auf die Kirche, die Situationen der einzelnen Ortskirchen und ihre Persönlichkeiten besser zu verstehen – was ihre Überlegungen hinsichtlich des nächsten Papstes prägen wird.“

Noch ist offen, ob der Vatikan, entweder durch sein Medien-Dikasterium oder etwa den Dekan des Kardinalskollegiums, auf „Demos II“ reagieren wird. Bisher hatte sich Papst Franziskus immer in die Richtung geäußert, dass man Kritik an ihm offen vortragen könne, das aber persönlich und ohne schlechtes Gerede tun solle. Zu der ersten mit „Demos“ gezeichneten Denkschrift hatte der Vatikan nichts öffentlich gemacht.  DT/gho

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