Köln

Peter Bringmann- Henselder: "Kardinal Woelki hat Wort gehalten" 

Peter Bringmann- Henselder, Mitglied des Betroffenenbeirats im Erzbistum Köln, ist überzeugt vom Wert des Gercke-Gutachtens und wehrt sich gegen die Instrumentalisierung Betroffener für kirchenpolitische Zwecke durch  Maria 2.0 .
Skyline von Köln mit dem Dom.
Foto: Jochen Tack via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der Erzbischof von Köln hat nach Ansicht des Betroffenenbeirats Wort gehalten und treibt die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs voran. Im Bild: Skyline von Köln mit dem Dom.

Das Gutachten besticht durch seine klare,
wenn auch in manchen Zügen kühle Sprache.

Herr Bringmann-Henselder, welche vorläufige Bilanz ziehen Sie nach der Einsichtnahme in das Gutachten? 

Das Gutachten besticht durch seine klare, wenn auch in manchen Zügen kühle Sprache. Beeindruckend ist die Ausarbeitung der einzelnen Fälle, und zwar besonders die 24 Fälle, in denen eindeutige Unregelmäßigkeiten seitens Verantwortungsträgern erkannt worden sind, als auch die weiteren 211 Fälle, die in einer Kurzfassung dargestellt werden. Dass die Unregelmäßigkeiten, wie unterbliebene Meldungen an die Staatsanwaltschaft oder nicht erfolgte Meldungen nach Rom, den tatsächlichen Verfehlungen entsprechen, ist allein schon dadurch erkennbar, dass Weihbischof Schwaderlapp und Erzbischof Heße von sich aus die Reißleine gezogen haben und, das muss man anerkennen, auch Weihbischof Puff sich hat beurlauben lassen, obwohl er nicht namentlich genannt wurde. Hut ab!

Der vormalige Offizial Assenmacher wurde ja schon bei der Übergabe des Gutachtens an den Kardinal von diesem freigestellt. Von den Vorgenannten scheinen auch alle einsichtig zu sein. Nur der ehemalige Generalvikar Feldhoff ist nach wie vor der Meinung, dass er korrekt gehandelt hat, in einem Fall würde er nach seiner Aussage sogar wieder so handeln, obwohl es erwiesenermaßen falsch war. Es ist aber eindeutig zu sehen, dass ein gut gemachtes Gutachten seine Wirkung zeigt, denn noch in keinem anderen Bistum sind personelle Konsequenzen in der Zahl und unmittelbar erfolgt. Die bloße Zahl der Fälle sexuellen Missbrauchs erschüttert einen, aber ich finde es gut und richtig, dass eine schonungslose Aufklärung aus juristischer Sicht erfolgt ist. Diese rein rechtliche Aufarbeitung liegt nun vor, aber das ist nicht das Ende der Aufarbeitung, sondern markiert den Anfang für viel Arbeit, die jetzt noch folgen muss. Es dient als Grundlage. Und wenn die, wie im vorliegenden Fall, solide und aussagekräftig ist, dann ist sie eine gute Basis für die noch kommenden Schritte der Aufarbeitung. 

Wie sehen Sie die Rolle von Kardinal Woelki?

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Kardinal Woelki hat Wort gehalten. Er hat bereits 2018 gesagt, dass er schonungslos aufklären will. Dass das nicht einfach sein würde, ist eigentlich klar, denn in dieser Art wie im vorliegenden Gutachten hat es bisher niemand gemacht. Dass der Weg holprig war und manches schiefgelaufen ist, steht außer Frage, aber in meinen Augen war die Entscheidung, das erste Gutachten nicht zu veröffentlichen, absolut richtig.

Im immer wieder diskutierten Fall der Pfarrers O., einem Freund von Kardinal Woelki, hat er sich absolut korrekt verhalten, wenn man die Rechtsvorschriften von 2015 zugrunde legt. Und hier werfen einige Leute die Gültigkeit von Rechtsvorschriften durcheinander. Heute wäre das Nichtmelden nach Rom durch die zwischenzeitliche Änderung der Vorschriften ein Vergehen, aber 2015 eben nicht. In der heutigen Pressekonferenz hat Kardinal Woelki gesagt, dass er es hätte machen können und sollen, dass er es damals nicht gemacht hat, tut ihm leid. Rückblickend sieht er in seinem Verhalten auch Fehler, aber es waren eben keine Rechtsverstöße. Es zeugt von Haltung, trotz festgestelltem richtigen Verhalten Fehler einzugestehen. Diese klare Kante vermisse ich bei vielen anderen Bischöfen. 

Wie bewerten Sie die öffentlichen Reaktionen? Hat Sie etwas besonders beeindruckt?

Woelki-Gutachten zu Missbrauch im Bistum Köln

Das Gutachten ist am vergangenen Donnerstag vorgestellt worden und niemand kannte den Inhalt. Da erstaunte es mich doch sehr, dass von verschiedenen Seiten bereits vor dem Lesen des Gutachtens gut gemeinte und weniger gut gemeinte Äußerungen erfolgten. Es wurde angemeckert, dass das Gutachten nur auf juristische Aspekte eingeht und die moralische und ethische Seite nicht berücksichtigt wird. Das kann das Gutachten nicht, soll es aber auch nicht, denn dafür sind Juristen nicht zuständig und entsprechend war dies auch nicht Bestandteil des Auftrags. Wenn Herr Katsch vom Eckigen Tisch sagt, dass man das bekommen hat, was man bestellt hat, dann ist das eigentlich richtig, aber Herr Katsch hat es   leider   in einem anderen Zusammenhang gebraucht, indem er nämlich kritisierte, dass Kardinal Woelki im Fall des Pfarrers O. kein Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte.

Ebenso ist es schon merkwürdig, wenn Herr Hauke, vormaliger Sprecher des Betroffenenbeirats im Erzbistum Köln, nach der Veröffentlichung medienwirksam davon spricht, dass es eine Showveranstaltung gewesen sei, was ja bedeutet, dass ihm die Veröffentlichung nichts bedeutet hat. Aber im Fernsehen war dann auch zu sehen, wie Herr Haucke die Präsentation des Gutachtens aus einem separaten Raum beobachtete und ihm, scheinbar sichtlich betroffen, die Tränen kamen. Da frage ich: Was war jetzt Show? Ansonsten sind doch einige Stimmen zu hören, die es so wie ich auch sehen: Das Gutachten dient als Basis für die weitere Arbeit, die Aufarbeitung fängt jetzt erst richtig an. 

"Um die Wogen jetzt zu glätten und
eine besonnene Gesprächsatmosphäre zu bekommen,
sollte man das Gercke-Gutachten zunächst mal lesen..."

Die Debatte um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in deutschen Bistümern ist nicht abgeschlossen. Rechtsanwalt Gercke spielte bei der Vorstellung des Berichts auch auf die Stimmungen in der Öffentlichkeit an. Was wäre aus Ihrer Sicht notwendig, um die Gesprächsatmosphäre zu versachlichen?

Ich denke, dass eine Versachlichung der in den letzten Monaten aufgeheizten Stimmung guttun würde. Klar haben wir alle schon vor einem Jahr auf die Veröffentlichung des Münchener Gutachtens gehofft und waren enttäuscht, als es gestoppt wurde. Die Kanzlei WSW wurde dann mehrfach dazu aufgefordert, die bestehenden Fehler zu beheben. Das hat sie aber nicht zustande gebracht und deshalb blieb eigentlich keine andere Möglichkeit, als ein neues, rechtssicheres Gutachten erstellen zu lassen. Und dies wurde dann am 30. Oktober 2020 in einer Presseerklärung kundgetan. Und dann tobte ein Wettstreit darum, wie man den Kardinal zwingen könnte, das Gutachten aus München doch noch zu veröffentlichen. Auf einmal waren offenbar alle wundersamerweise über Nacht zu Experten im Äußerungsrecht geworden. Ich hatte gestern schon die Gelegenheit, in das ungeschwärzte Münchener Gutachten Einblick zu nehmen und von Herrn Professor Schöch Erläuterungen zu bekommen, warum dieses Gutachten nicht veröffentlicht werden kann.

Mir ist das einleuchtend und ich verlasse mich in dieser Hinsicht auf die Expertenmeinung. Um die Wogen jetzt zu glätten und eine besonnene Gesprächsatmosphäre zu bekommen, sollte man das Gercke-Gutachten zunächst mal lesen, denn ich bin überzeugt, dass viele von denen, die öffentlich ihren Senf dazu geben, nur Teile davon gelesen haben, wenn überhaupt, weil man sich auf die Aussagen der Medien beschränkt. Und dann sollte man überlegen, inwieweit die Verbesserungsvorschläge aus dem Gutachten übernommen werden können und konstruktive Vorschläge unterbreiten, welche sonstigen Aspekte noch zu berücksichtigen sind. Und nicht zu vergessen ist auch, dass man zuerst mit Betroffenen spricht, bevor man über sie spricht. 

Viele haben sich in den letzten Monaten für Aufarbeitung stark gemacht. Vor allem die Initiative Maria 2.0 ist in diesem Zeitraum hervorgetreten. War das für Sie eine Unterstützung?

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Zu Maria 2.0 und die angebliche Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche kann ich nur sagen: Maria 2.0 kam mit dem Thema erst nach vorne, als es im Erzbistum hinsichtlich der Aufarbeitung bereits Schwierigkeiten gab. Sie nutzen medial den sexuellen Missbrauch als Vehikel für ihre politischen Forderungen innerhalb der katholischen Kirche. In meinen Augen war dies ein Missbrauch an uns Betroffenen, an uns Missbrauchsopfern. Sie selbst haben sich jahrelang nie zu Wort gemeldet, um den Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche zu bearbeiten. 

Der sexuelle Missbrauch ist nicht erst seit dem Canisius-Kolleg innerhalb der katholischen Kirche bekannt. Er war schon einige Jahre vorher ins Gerede gekommen, als für die ehemaligen Heimkinder die Petition zur Aufarbeitung der Zustände in allen Heimen gestartet wurde und durch die Bundesrepublik dann auch am Runden Tisch ehemaliger Heimkinder die Arbeit aufgenommen wurde. Hier wurde sehr schnell auch der sexuelle Missbrauch in den Einrichtungen kirchlicher Heime bekannt. Die dortigen Wissenschaftler sprachen schon darüber, diesen Bereich auch wissenschaftlich gesondert aufzuarbeiten. Genau in dieser Zeit habe ich von Maria 2.0 in Sachen sexueller Missbrauch in den katholischen Einrichtungen nie etwas gehört. Da hielt man sich ziemlich bedeckt. 

Deswegen bin ich auch weiterhin der Meinung, dass Maria 2.0 diese Vorkommnisse für ihre politischen Arbeiten zweckentfremdet hat. Man hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, mit dem jetzigen Betroffenenbeirat in Kontakt zu treten, um dessen Sichtweise zu verstehen. Man hat nur auf die ehemaligen Mitglieder gehört und sich deren Meinung zu eigen gemacht und uns dadurch missbraucht. Eine Unterstützung war Maria 2.0 für uns nicht, eher das Gegenteil. 

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