Vorbild im Denken, Leben und Glauben

Erinnerungen an den katholischen Philosophen Robert Spaemann zu seinem Tod am 10. Dezember 2018. Von Sebastian Krockenberger

Zum Tod von Robert Spaemann
Mit seinem Denken passte er nicht so recht in diese Zeit. Doch ruhig und unaufgeregt formulierte der Philosoph Robert Spaemann seine Gedanken und verschaffte sich weltweit Gehör. Foto: KNA

Mit seinem Denken passte er nicht so recht in diese Zeit. Doch ruhig und unaufgeregt formulierte der Philosoph Robert Spaemann seine Gedanken und verschaffte sich weltweit Gehör. Im April 2011 lernte ich Spaemann kennen. In kleiner Runde sprach er über „Relativismus und Fundamentalismus“. Für ihn war klar: Jeder ist Fundamentalist von irgendwas. Denn jeder hat eine grundsätzliche Position, von der er nicht abweichen will. Das kann auch die Grundposition sein, dass es keine Grundpositionen geben würde.

Früh starb seine Mutter. Sein Vater wurde Priester

Diesem Lesekreis, den er regelmäßig bei sich zu Hause empfing, schloss ich mich an. Wir lasen den Gottesstaat von Augustinus, später andere Werke. „Die Zukunft der menschlichen Natur“ von Jürgen Habermas erschien uns zwar aufschlussreich doch trocken und sperrig. Mit Hegels Einleitung in die „Phänomenologie des Geistes“ taten wir uns schwer, wobei Spaemann das Werk sehr gerne mit uns gelesen hätte. Schließlich lasen wir die „Nikomachische Ethik“ von Aristoteles, bis der Kreis im Sommer 2017 auslief. Seine altersbedingte Schwäche machte sich bemerkbar.

Am 5. Mai 1927 wurde Robert Spaemann in Berlin geboren. Früh starb seine Mutter. Sein Vater wurde Priester. Robert Spaemann studierte Philosophie bei Joachim Ritter in Münster. Seine Kommilitonen waren Hermann Lübbe, Odo Marquard, Günter Rohrmoser und Ernst-Wolfgang Böckenförde. Nach seiner Promotion arbeitete er ein paar Jahre als Lektor beim Stuttgarter Kohlhammer-Verlag, bevor er an die Universität zurückkehrte. Er lehrte Philosophie in Stuttgart, Heidelberg und München. Seine Werke werden auf der ganzen Welt gelesen. Er beriet die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Die Aufzählung von Ehrungen und öffentlichen Würdigungen würde diesen Rahmen sprengen.

Spaemann hat ein Glücksbuch geschrieben, als es noch nicht Mode war, Glücksbücher zu schreiben

Eines seiner Hauptwerke ist „Personen – Versuche über den Unterschied zwischen ‚etwas’ und ‚jemand’“. Mit seinem Buch „Glück und Wohlwollen – Versuch über Ethik“ hat er ein Glücksbuch geschrieben, als es noch nicht wie heute Mode war, Glücksbücher zu schreiben. Die Teleologie der Natur ausgehend von Aristoteles war ein zentrales Feld von ihm. Teleologie meint, dass die Natur selbst ihre Zwecke, Ziele und Neigungen in sich trage. Spaemann kritisierte die Instrumentalisierung der Natur in der Moderne, die eben diese natürlichen Ziele nicht respektiert.

In der Einleitung zu seiner Sammlung „Philosophische Essays“ nennt Spaemann „die Verteidigung der Aufklärung gegen ihre Selbstdeutung“ als den „roten Faden“ seiner „sonst ziemlich disparaten theoretischen und auch praktisch-politischen Äußerungen“. Er warnt davor, die Moderne „aus sich selbst, radikal-emanzipatorisch“ zu verstehen. Denn dann sei „Selbstaufhebung der Aufklärung unvermeidliches Resultat ihrer Dialektik“. Selbst Nietzsche habe noch geschrieben, dass Aufklärung noch von dem „platonisch-christlichen Glaube“ lebe, „dass Gott die Wahrheit, dass die Wahrheit göttlich ist“. In der Dialektik der Aufklärung wird dieser Glaube zerstört, ein neuer Mythos erscheint. Deshalb müsse Moderne und damit auch Aufklärung, Wissenschaft und Menschenrechte „als Entfaltung einer nicht durch sie selbst gesetzten Wahrheit über den Menschen“ begriffen werden.

Zeit seines Lebens an öffentlichen Debatten beteiligt

Spaemann beteiligte sich Zeit seines Lebens an öffentlichen Debatten. Er lehnte Atomkraft und Todesstrafe ab. Er sprach sich gegen Euthanasie aus. Spaemann hatte zum aktuellen politischen Geschehen seine klaren Ansichten, so auch zur Flüchtlingskrise. Bei einem Treffen unseres Lesekreises in 2015 sagte er: „Man kann die Tugenden eines Volkes auch zerstören, indem man sie überfordert.“

Sein Reihenhaus im Stuttgarter Stadtteil Botnang lag direkt neben dem Wald. Ein paar Mal begleitete ich ihn auf seinen häufigen Spaziergängen durch den Wald. Als wir über den europäischen Einigungsprozess sprachen, sagte er: „Jedes politische Projekt ist im Grunde  totalitär.“ Denn der Staat muss zuerst Frieden, Recht und Sicherheit gewährleisten. Wenn der Staat jedoch einem Projekt untergeordnet wird, ist das für Spaemann Totalitarismus. Als wir dann bei Kaffee und Kuchen saßen, sagte er in aller Klarheit: „Der Staat ist der Katechon.“ Der Apostel Paulus schreibt im zweiten Thessalonicherbrief von diesem „Aufhalter“, dem „Katechon“, der die Machtergreifung des Antichristen verhindert. In einem Interview mit der Tagespost sagte Spaemann 2010: „Ich glaube, dass Aufhalten die wichtigste Aufgabe der Politik überhaupt ist.“ Der Staat soll das Schlimmste verhindern.

Der Philosoph von Weltrang machte nie viel Aufheben um seine Person

Regelmäßig besuchte Spaemann die Sonntagsmesse der Petrusbruderschaft in Stuttgart. Den Aufbau der Niederlassung hat er begleitet. Er schätzte die Messe in der überlieferten Form und hat sich bei Päpsten und Bischöfen für sie eingesetzt. Am Leben der Stuttgarter Gemeinde, die sich um die Niederlassung gebildete hatte, nahm er aktiv teil und war nahbar und freundlich im Umgang mit jedermann. Der Philosoph von Weltrang hat nie viel Aufheben um seine Person gemacht.

Die Entwicklungen in der Kirche verfolgte er bis zuletzt aufmerksam. In einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) im April 2016 kritisierte er das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ schwer, da er es für einen Bruch mit der kirchlichen Lehrtradition hielt und die Gefahr eines Schismas sah. Er bekräftigte seine Kritik im September 2017 im Interview mit der englischsprachigen Internetplattform „One Peter Five“. Ein Text der Journalistin Hilary White von ihrer Homepage, „Danke, Gott, für Unnachgiebigkeit“ (Thank God for rigidity), sprach ihm da aus dem Herzen. In ihrem kurzen Text dankt sie Gott für logische Klarheit.

Seine Meditationen über die Psalmen waren sein letztes großes Werk

Seine Meditationen über die Psalmen waren sein letztes großes Werk. Über Jahre sind sie entstanden. Er wollte sie erst veröffentlichen, wenn er aufgehört hätte, „als Lehrer der Philosophie tätig zu sein.“ In diesen Meditationen wird sichtbar, wie ein reiches geistliches Leben seinem Wirken in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit zu Grunde lag.

Eines Tages sagte er zu mir: „Wissen Sie, Herr Krockenberger, für mich werden jetzt ganz andere Dinge wichtig, und andere Dinge viel weniger wichtig.“ Das politische Tagesgeschehen und öffentliche Auftritte rückten für ihn in den Hintergrund. Spaemann begann schon vor einiger Zeit, sich auf den Tod vorzubereiten.

Zu seinem 90. Geburtstag im Mai 2017 gab Spaemann kein Interview mehr

Ein Gedicht von George Herbert (1593–1632) beschäftigte ihn zu dieser Zeit: „Die Liebe hieß mich willkommen“ (Love bade me welcome). Das lyrische Ich will die Einladung der Liebe aus Scham vor der eigenen Schuld nicht annehmen. Die Liebe beharrt sanft, und schließlich nimmt das lyrische Ich die Einladung an und isst das Fleisch der Liebe, ein Bild, das auf die Eucharistie verweist.

Zu seinem 90. Geburtstag im Mai 2017 gab Spaemann keine Interviews mehr. Bei einem Besuch im Sommer 2017 trug er mir einen Liedvers aus „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius vor: „Wollst endlich sonder Grämen / Aus dieser Welt uns nehmen / Durch einen sanften Tod! / Und, wenn du uns genommen, / Lass uns in Himmel kommen, / Du unser Herr und Gott.“

Vorbild im Denken, Leben und Glauben

Ganz klar sagte er, dass das sein Wunsch sei, so zu enden. Am Nachmittag des 10. Dezembers 2018 ist Robert Spaemann „nach langem Leiden an Altersschwäche friedlich heimgegangen“, wie sein Sohn Christian Spaemann in einer Nachricht an Freunde und Bekannte mitteilte. Sein Vorbild im Denken, Leben und Glauben hat vielen Orientierung und Halt gegeben. Sein Vorbild im Sterben wird vielen Ermutigung und Zuversicht sein.