Prominente Katholiken fordern „mutige Reformen“ der Kirche

In einem offenen Brief an die deutschen Bischöfe fordern unter anderen der Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig und Klaus Mertes einen radikalen Umbau der Kirche – darunter die Priesterweihe für Frauen sowie eine Abschaffung des Zölibats für Diözesanpriester.

Forderung nach "mutigen Reformen" der Kirche
„Binden Sie sich selbst durch echte Gewaltenteilung - das passt besser zur Demut Christi und in den Rahmen der für alle geltenden Gesetze“, so eine der Forderungen an die Bischöfe. Foto: Arne Dedert (dpa)

Gut zwei Wochen vor dem von Papst Franziskus im Vatikan einberufenen Bischofstreffen zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche wenden sich neun prominente deutsche Katholiken in einem offenen Brief an Kardinal Reinhard Marx und die deutschen Bischöfe.

"Bauen Sie die Überhöhung des Weiheamtes ab"

Darin fordern die Unterzeichner „mutige Reformen“ der Kirche. Den Brief, den die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in voller Länge veröffentlichte, unterzeichneten auch der Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig und Klaus Mertes, der 2010 als ehemaliger Leiter des Berliner Canisius-Kollegs Fälle von Missbrauch an der Schule öffentlich gemacht und zahlreiche neue Erkenntnisse über Missbrauchstaten in Kirche und Gesellschaft zutage gefördert hatte.

„Binden Sie sich selbst durch echte Gewaltenteilung - das passt besser zur Demut Christi und in den Rahmen der für alle geltenden Gesetze“, so eine der Forderungen an die Bischöfe. Und weiter: „Bauen Sie die Überhöhungen des Weiheamtes ab und öffnen Sie es für Frauen. Stellen Sie den Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform frei, damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann.“

"Neustart mit der Sexualmoral" gefordert, der Homosexualität gerecht bewerte

Darüber hinaus wollen die Verfasser, unter ihnen auch die „Grünen“-Politikerin Bettina Jarasch, die Frankfurter „Caritas“-Direktorin Gaby Hagemans und der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz, einen „Neustart mit der Sexualmoral“, die eine verständige und gerechte Bewertung von Homosexualität mit einschließe.

Anlass des Briefes ist für die Unterzeichner auch die Stimmung in deutschen Pfarrgemeinden. „Die Sonne der Gerechtigkeit kommt nicht mehr durch. Unter einem bleiernen Himmel verkümmert die Freude am Glauben“, heißt es. Die meisten aktiven Katholiken trügen die „vormoderne Ordnung der Kirche“ nicht mehr mit. „Sie ertragen sie nur noch.“ Die steigenden Austrittszahlen seien ein Beleg dafür.

"Versuchung des Klerikalismus" folgt dem Klerus wie ein Schatten

Kardinal Marx, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, bitten die Verfasser des Briefes, beim Bischofstreffen im Vatikan den „wichtigen Ertrag“ der im Herbst vergangenen Jahres vorgestellten Missbrauchsstudie zur Sprache zu bringen. „Missbrauch in unserer Kirche hat auch systemische Gründe.“ Die „Versuchung des Klerikalismus“ folge dem Klerus wie ein Schatten. „Die Aussicht auf Macht in Männerbünden zieht Menschen aus Risikogruppen an. Sexuelle Tabus blockieren notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse.“

Die nach einem Forscherkonsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen benannte MHG-Studie über „sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ hatte bedrückende Zahlen zutage gefördert: 3 677 Kinder und Jugendliche sollen seit 1946 durch sexuellen Missbrauch in der Kirche betroffen worden sein, 1 670 Kleriker wurden dieser Taten beschuldigt.

DT/mlu

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