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Am Ende entscheidet der Papst

Dass der Papst das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx nicht angenommen hat, stärkt Kardinal Woelki den Rücken. Die spannungsvolle Erwartung, wie der Papst mit dem Kölner Erzbischof umgeht, paart sich nun mit vertrauten Strategien.

Erzbistum Köln - Dom
Am Ende entscheidet der Papst über Amtsverzichte – nicht ohne vorherige Lektüre des Visitationsberichtes. Foto: Oliver Berg (dpa)

Nach der Abreise der Visitatoren aus dem Erzbistum Köln hat die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit des Geschehens begonnen. Kein Missklang ist nach den Gesprächen mit Kardinal Arborelius und seinem holländischen Mitbruder van den Hende laut geworden – die Visitatoren haben ihre Arbeit mit viel Empathie und Sachkenntnis erledigt und ihre Gesprächspartner in der Hoffnung auf einen guten Ausgang des Konflikts bestärkt. Am Ende entscheidet der Papst.

Woelkis Leistungsbilanz spricht für sich

Überlegungen, der Papst habe die Frist für den Amtsverzicht von Erzbischof Heße und der Kölner Weihbischöfe verstreichen lassen, sind durch die Visitation nahezu gegenstandslos: Am Ende entscheidet der Papst – nicht ohne vorherige Lektüre des Visitationsberichtes.

Dass der Papst das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx nicht angenommen hat, wird durchaus als Stärkung der Position von Kardinal Woelki verstanden. Der Dogmatiker Helmut Hoping hat die Situation treffend analysiert: Wer Marx im Amt belasse, könne Woelki kaum aus selbigem entfernen. In der Tat: Wer sich wie der Kölner Erzbischof redlich um Missbrauchsaufklärung müht und ein nicht geschwärztes Gutachten vorlegt, hat eine andere Leistungsbilanz vorzuweisen als der Münchner Erzbischof. Hinzu kommt, dass gegen Marx auch aus seinem früheren Bistum Trier Vorwürfe erhoben werden, gegen Woelki aus dessen früherem Erzbistum Berlin dagegen nicht.

Die einen greifen zum Rosenkranz, die anderen zum Mikrofon

Die spannungsvolle Erwartung paart sich mit vertrauten Strategien: die einen greifen still zum Rosenkranz, die anderen erfüllt von politischen Ambitionen zum Mikrofon. Doch allein die Schnelligkeit, mit der am Donnerstag die Unterstützerliste für die Gebetsinitiative „fairness in der Kirche“ wuchs, widerlegt die Behauptung des Kölner Diözesanratsvorsitzenden, der die Rede von Kardinal Marx vom „toten Punkt“ auf die Lage im Erzbistum Köln anwenden will.

Vielmehr wird daran deutlich, warum sich viele Gläubigen vom Diözesanrat mitnichten vertreten fühlen. Die Arbeit am Pastoralen Zukunftsweg soll wieder aufgenommen werden und das pandemiebedingt zurückgefahrene kirchliche Leben kommt gerade wieder in Fahrt. Man muss die kirchliche Basis schon radikal übersehen, um deren Engagement für das Ende der Krise als „toten Punkt“ abzutun.

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