Welt&Kirche

Interpretationsakrobatik des Synodalen Weges

Der „theologische Grundlagentext“ des Synodalen Weges ist durchzogen von nicht nur tendenziösen, sondern auch falschen Behauptungen.
Vom Glaubensabfall und dessen Folgen spricht der Orientierungstext des Synodalen Weges nicht
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L) | Der Gekreuzigte in der Schublade: Vom Glaubensabfall und dessen Folgen spricht der Orientierungstext des Synodalen Weges nicht.

Mit Berufung auf die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils erklärt der Orientierungstext: „Das gemeinsame Priestertum befähigt grundsätzlich zur aktiven Teilnahme am dreifachen Amt Christi, dem Amt des Leitens, dem Amt des Heiligens und dem Amt des Lehrens (Lumen Gentium 12, 36).“  Als wenn die Formel, mit der jedem Täufling innerhalb der Chrisam-Salbung die Würde eines Priesters, Königs und Propheten zugesprochen wird, eine Beteiligung am Amt der Ordinierten (an der autorisierten Repräsentation des Hauptes Christus gegenüber dem Leib der Kirche) auftragen würde! Keine Interpretationsakrobatik kann aus „Lumen Gentium“ herauslesen, was der Orientierungstext aus diesen Stellen ableitet.

Kein Beleg für eine Teilnahme aller Getauften am Amt des Priesters

In „Lumen Gentium“ ist zwar von der Irrtumslosigkeit, nicht aber – wie im Orientierungstext – von einer „irrtumslosen Lehrautorität“ aller Gläubigen die Rede. Wörtlich heißt es in „Lumen Gentium“ 12: „Durch den Glaubenssinn, der vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt wird, hält das Gottesvolk unter der Leitung des heiligen Lehramtes, in dessen treuer Gefolgschaft es […] das Wort Gottes empfängt, den […] Glauben unverlierbar fest.“

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„Lumen Gentium“ 36 erklärt zwar, dass jeder gläubige Laie berufen ist, auf je seine Weise mitzuwirken an der Verwirklichung des Reiches Gottes. Aber kein einziger Satz dieses Kapitels lässt sich auch nur ansatzweise als Beleg für eine Teilnahme aller Getauften am Amt des Leitens, des Heiligens und des Lehrens interpretieren.

Alle sollen zuständig sein

Ein anderes Beispiel für die Tendenztheologie des Orientierungstextes sind seine Aussagen über „das Lehramt“ der Kirche. In Paragraph 27 muss es „dafür eintreten, dass der ,Tisch des Wortes‘ reich gedeckt ist“. In Paragraph 35 soll das Lehramt „in seinem Charisma des Dienens die Tradition als Quelle eines lebendigen Glaubens immer neu erschließen“. In Paragraph 50 macht es „dem Glaubenssinn keine Vorschriften, sondern folgt inspiriert seinem Spürsinn“.

In den Paragraphen 53 und 58 kann das ordentliche Lehramt der Bischöfe nur dann nicht irren, wenn ein Konsens aller Gläubigen vorliegt.  Frage: Wer soll oder kann diesen Konsens feststellen? Warum verlagert der Orientierungstext die Sorge um den Tisch des Wortes Gottes, um die Erschließung der Tradition oder den „Spürsinn“ des Glaubens von der Ebene der Träger des gemeinsamen Priestertums auf die Ebene des Lehramtes? Verkehrte Welt: Wo alle getauften und gefirmten Frauen und Männer gefordert sind, spricht der Orientierungstext von den Kompetenzen des Lehramtes; und umgekehrt; wo nur das Lehramt entscheiden und feststellen kann, sollen alle zuständig sein.

Verkehrte Welt

Ähnlich tendenziös sind viele Aussagen des Orientierungstextes zum Glaubenssinn der Gläubigen. Zum Beispiel Paragraph 32: „Überall dort, wo sich die ,Menschenfreundlichkeit‘ Gottes im Leben von Menschen erweist (Tit 3, 4), ist die Tradition lebendig.“ Der Titusbrief spricht vom Erscheinen der Menschenfreundlichkeit Gottes im Werk unseres Retters Jesus Christus; und die wird in dem Maße, in dem sie geglaubt und vermittelt wird, Bestandteil der Tradition des Christentums. Die Exegese des Orientierungstextes verfälscht diesen Sachverhalt durch entstellende Verflachung. Und was eigentlich bedeutet die folgende Aussage in Paragraph 42: „Der Glaubenssinn der Gläubigen erschließt durch deren Nähe zur Alltagswelt der Menschen eine hohe Expertise.“ Ebenso unverständlich Paragraph 44: „Der sensus fidelium wird zum sensiblen Tastsinn Gottes.“

Und schlicht falsch die Aussage in Paragraph 45: „So ereignet sich im Glaubenssinn der Gläubigen immer wieder neu eine Selbstmitteilung Gottes.“  Christus allein ist die Selbstmitteilung Gottes; Schrift und Tradition interpretieren dieses Ereignis; Zeichen der Zeit können Katalysatoren eines tieferen Verstehens von Schrift und Tradition sein; niemals aber – das ist Konsens aller christlichen Konfessionen – eine neue Selbstmitteilung Gottes.

Verkehrung des Verhältnisses von Inkarnation und Inspiration

Dessen ungeachtet erklärt der Orientierungstext des Synodalen Weges den Glaubenssinn der Gläubigen zum Empfänger stets neu sich ereignender Offenbarung; und zugleich zum Kriterium des Wahrheitsgehaltes von Schrift und Tradition (Paragraph 45). Durchgängig tendiert der Orientierungstext zu einer Verkehrung des Verhältnisses von Inkarnation und Inspiration. In Paragraph 39 sind „Leben und Schicksal Jesu“ geistgewirkte „Zeichen der heilsam-befreienden Nähe Gottes“, die „nachdenklich stimmen […], das gewohnte Denken und Handeln unterbrechen“ und „Neuanfänge des kirchlichen Lebens in Erwägung ziehen lassen“. Die Offenbarung erfolgt nicht mittelbar durch das Geschehen der Inkarnation und deren apostolische Bezeugung, sondern durch unmittelbare Eingebungen des Heiligen Geistes.

Im Geist gelesen, legt sich die Schrift laut dem Orientierungstext selbst aus. Vom Geist erfüllt, erspüre das Gottesvolk die Wahrheit und unterscheide „das Sündhafte vom Gerechten, das Unheilvolle vom Heilvollen“ (Paragraph 41). Mit gutem Willen kann man diese und ähnliche Formulierungen im Sinne der neutestamentlichen Verhältnisbestimmung von Inkarnation und Inspiration interpretieren. Aber die Formulierungen des Orientierungstextes weisen in eine andere Richtung: Die sakramentale beziehungsweise apostolische Vermittlung der in Christus offenbar gewordenen Wahrheit soll durch geistgewirkte Unmittelbarkeit umgangen werden.

Aus dem Kontext gerissen

Nirgendwo ist ersichtlich, dass sich die Autoren bemühen, ihre Zitate aus Schrift und Tradition an der ursprünglichen Aussageintention zu orientieren – eher im Gegenteil, wie die oben skizzierten Beispiele zeigen. Dieselbe Unverfrorenheit bestimmt auch den Umgang mit Autoritäten. In Paragraph 29 soll ein völlig aus dem Kontext gerissenes Madeleine-Delbrel-Zitat bestätigen, dass Tradition „der Prozess [ist], die gegenwärtige Gestalt der Kirche und des Glaubens in Frage zu stellen“. Wer Delbrels Werk „Frei für Gott“ gelesen hat, wird unschwer feststellen, dass die Aussageintention der Autorin eine geradezu gegenteilige ist.

Und nicht besser als ihr ergeht es der heiligen Katharina von Siena. Da heißt es: „Die Kirchenlehrerin Katharina von Siena hat mit ihren Briefen an den Papst gezeigt, dass das sentire cum ecclesia auch eine konstruktive Kritik am Verhalten des Lehramtes nicht ausschließt.“ Die von keinem Historiker bezweifelte Wahrheit ist: Die Briefe der heiligen Katharina von Siena haben die Verlagerung der päpstlichen Residenz von Rom nach Avignon kritisiert, nirgendwo aber „das Verhalten des Lehramtes“.

Für die Tendenztheologie des Synodalen Weges instrumentalisiert 

Und wie Katharina für die Tendenztheologie des Synodalen Weges instrumentalisiert wird, so analog auch Thomas von Aquin. Mit der Platitüde, dass Thomas nicht als Kirchenlehrer geboren worden sei, verbinden die Autoren des Orientierungstextes den Hinweis, der Aquinate habe auf Grund seiner innovativen theologischen Kraft auf Kriegsfuß mit dem Lehramt gestanden. Richtig ist: Seine Aristoteles-Rezeption führte zu einem Konflikt zwischen Dominikanern und Franziskanern, zwischen Paris und Oxford. Doch was man Thomas sicher nicht andichten kann, ist ein gespanntes Verhältnis zum kirchlichen Lehramt. Ähnlich abwegig die Instrumentalisierung Galileo Galileis für die Relativierung kirchlicher Lehräußerungen in Paragraph 59!

Zum einen beziehen sich Äußerungen des Lehramtes nie auf naturwissenschaftlich erforschbare Sachverhalte. Zum anderen hat die Kirche nur solange an dem von der Bibel vorgegebenen Weltbild festgehalten, wie nicht bewiesen war, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Galileo Galilei konnte zu dem Zeitpunkt, als die Kirche sein heliozentrisches Weltbild als mit dem geozentrischen unvereinbar erklärte, die Richtigkeit seiner Hypothese noch nicht beweisen.

Abhängigkeiten sind unvermeidlich

Eingerahmt wird der Orientierungstext von der Behauptung, der „systemisch“ bedingte Missbrauchsskandal habe exakt die Veränderungen zur Konsequenz, die Deutschlands Synodaler Weg durch Gewaltenteilung, Änderung der priesterlichen Lebensform, Zulassung von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern und eine zeitgemäße Sexualmoral erstrebt. Der Orientierungstext erklärt nirgendwo, warum die Verbrechen des Missbrauchs „systemisch bedingt“ waren.

Er spricht von „Gewaltverhältnissen“, wo Abhängigkeiten entstehen. Doch Abhängigkeiten der Untergebenen von ihren Vorgesetzten, der Schüler von ihren Lehrern, der Kinder von ihren Eltern und Betreuern sind zunächst einmal unvermeidlich. Macht gibt es in jeder Institution. Und Macht ist immer anfällig für Gewalt und Missbrauch. Aber die Macht selbst ist nicht schuld, wenn ihre Träger sie missbrauchen.

Flucht aus der individuellen Verantwortung

Statt sich zu fragen, wie ein Mensch, zumal ein Priester, beschaffen sein muss, wenn er – unter welchen systemischen Voraussetzungen auch immer! – ein Kind missbraucht, redet der Orientierungstext von systemischen Ursachen. Unstrittig ist, dass nicht nur die circa drei Prozent Missbrauchstäter, sondern auch diözesane Entscheidungsträger (Bischöfe, Generalvikare, Personalreferenten) schwere Schuld auf sich geladen haben; denn sie haben Verbrecher im Amt belassen, deren Taten vertuscht und deren Opfer als Lügner diffamiert.

Doch warum berechtigt die Schuld der namentlich benennbaren Schuldigen zur Verdächtigung des Klerus insgesamt oder zu der Annahme, es bestehe ein Kausalzusammenhang zwischen kirchlicher Sexualmoral, Geschlechtergerechtigkeit, Zölibat und Missbrauch? Die bezeichnenderweise in bestimmten Bistümern immer noch nicht erfolgte Benennung der Schuldigen lässt klar erkennen, dass keiner seine Schuld auf angebliche „Gewaltverhältnisse des Systems“ abwälzen kann. Ein Priester allerdings, der nicht mehr glaubt, was er verkündet, blickt in die Abgründe der eigenen Schwäche, der Kompensation und Doppelmoral. Vom Glaubensabfall und dessen Folgen spricht der Orientierungstext des Synodalen Weges nicht.

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