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Versöhnung ist derzeit eine Utopie

Ohne Frieden und Gerechtigkeit kann es keine Aussöhnung zwischen Russland und der Ukraine geben, meint der ukrainische Priester und Kirchenhistoriker Andriy Mykhaleyko.
Rettungsarbeiter säubert die Trümmer einer zerstörten Schule in Charkiw
Foto: Evgeniy Maloletka (AP) | Ein Rettungsarbeiter säubert die Trümmer einer zerstörten Schule in Charkiw nach einem Angriff.

An Versöhnung ist nicht zu denken, solange die Waffen den Ton angeben und sich die Spirale der Gewalt immer weiterdreht. Der ukrainisch-katholische Priester und Kirchenhistoriker Andriy Mykhaleyko denkt in einem aktuellen Essay in der „Tagespost“ dennoch darüber nach, unter welchen Voraussetzungen eine künftige Versöhnung begonnen werden kann. Seine Begründung: „Irgendwann wird man über Versöhnung reflektieren müssen, denn sie ist eine zentrale Kategorie der christlichen Identität. Sie gehört als wichtiges Ideal und Tugend zum Christentum.“

Bedingungen für eine künftige russisch-ukrainische Versöhnung

Als Muster und Vorbild gilt ihm die deutsch-französische wie die deutsch-polnische Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. „Jeder wusste, wer diese Tragödie verursacht hat. Man fand aber den Mut, aufeinander zuzugehen. Es wurden Voraussetzungen dafür geschaffen, diesen Schritt überhaupt zu wagen.“ Davon inspiriert nennt der ukrainische Intellektuelle Bedingungen für eine künftige russisch-ukrainische Versöhnung.

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Die erste Bedingung laute: „Das Morden muss aufhören! Der Krieg muss beendet werden.“ Die zweite: „Gerechtigkeit muss wiederhergestellt werden. Auch werden wir an der Frage der Schuld nicht vorbeikommen: Jene, die Gräueltaten begangen haben, müssen sich zu ihrer Schuld bekennen und auch bestraft werden.“ Täter und Opfer müssten klar benannt werden, fordert Mykhaleyko. Es sei nicht möglich, nach einer „goldenen Mitte“ zu suchen. „Es geht darum, die Wahrheit zu suchen und zu finden. Das sind wesentliche Voraussetzungen eines Versöhnungsprozesses.“

Russische Orthodoxie braucht Umkehr

Mykhaleyko plädiert dafür, dass die plurale kirchliche Landschaft der Ukraine in dem Versöhnungsprozess eine treibende Rolle spielt. Dazu müssten die Kirchen der Ukraine nach dem Krieg jedoch mit einer gemeinsamen Stimme sprechen. „Gemeinsam sollten sie darüber nachdenken, was sie zur Versöhnung beitragen können.“

Schwieriger sei die Situation in Russland, wo die dominante russische Orthodoxie völlig diskreditiert sei. „Die Kirche ist nicht nur abhängig vom Staat, sie spricht mit ihm eine gemeinsame Sprache. Sie unterstützt das russische Vorgehen in der Ukraine und die Osteuropa-Politik des Kreml.“ Der Historiker fürchtet: „Wenn sich die Kirche nicht vom Staat lösen kann und zu einem Gegenüber für den Staat wird, wenn sie nicht den Mut hat, die christliche Botschaft an die erste Stelle zu setzen, dann ist nicht zu erwarten, dass eine solche Kirche – die ihre Reputation weltweit verloren hat – in diesem Zustand fähig sein kann, an einem Versöhnungsprozess mitzuwirken.“

Es brauche deshalb nach dem Krieg einen umfassenden Erneuerungsprozess in der russisch-orthodoxen Kirche: „Es bedürfte eines wohl sehr schmerzhaften Prozesses in der russischen Orthodoxie nach dem Krieg. Dafür müssten sich die Eliten ändern: Es bräuchte neue Geistliche, vor allem neue Bischöfe, die ein anderes Denken und eine vom Staat befreite Orthodoxie repräsentieren.“  DT/sba

Lesen Sie den ausführlichen Essay des ukrainisch-katholischen Priesters und Kirchenhistorikers Andriy Mykhaleyko in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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