Moskau

"Putin kann nicht gewinnen"

Das Moskauer Patriarchat ist die ideologische Lokomotive der Außenpolitik Russlands, sagt der ukrainische Kirchenhistoriker Andriy Mykhaleyko.
Ukraine-Krieg - Mariupol
Foto: Evgeniy Maloletka (AP) | Die russische Armee bombardiert und zerschießt wahllos ukrainische Kirchen jeder Konfession.

Was verändert der Krieg am Bewusstsein der Ukrainer? 

Wir erleben vielleicht jetzt die schmerzhafte Geburt der Nation. Hier sind auch die russischsprachigen Ukrainer dabei. Für mich ist es überraschend, wie sich die Menschen im Osten der Ukraine nun auf diese entschlossene Weise wehren. Aber nicht nur für mich, sondern auch für Putin! Er dachte, wo man Russisch spricht, müsse man auch russisch fühlen. Jetzt zeigt sich, dass die Menschen den russischen Soldaten auf Russisch entgegenschreien: Geht nach Hause!

Ist das eine nationale Option oder das Bekenntnis zu einer Lebensform?

Es geht erstens um die Lebensform der Freiheit und der Selbstbestimmung. In der Ukraine darf jeder laut sagen, was ihm nicht passt. Dazu kommt ein starker Bezug zur eigenen Erde, zum Heimatboden. Die Menschen wollen ihre Erde nicht verlieren, sondern verteidigen. Drittens gibt es eine nationale Option: Die Ukrainer rücken als Nation zusammen.

"Putin kann den Krieg nicht gewinnen,
aber sogar nach einem militärischen Sieg bräuchte er
gut 500.000 Soldaten, um das Land zu kontrollieren"

Putin dürfte geglaubt haben, dass die Ukrainer gespalten reagieren und ein Teil die Invasion begrüßt.

Die Bildung der sogenannten Volksrepubliken von Donezk und Luhansk war ein Warnsignal. So wollen die Ukrainer nicht leben. Putins Berater haben da wohl ein falsches Bild vermittelt, entweder weil sie dachten, dass es so laufen würde wie in Donezk und Luhansk, oder um ihm zu sagen, was er hören wollte. Putin kann den Krieg nicht gewinnen, aber sogar nach einem militärischen Sieg bräuchte er gut 500.000 Soldaten, um das Land zu kontrollieren. Selbst in den besetzten Orten gehen die Menschen auf die Straße, weil das russische Gesellschaftsmodell für sie inakzeptabel ist. Putin wird nicht die Kapazitäten haben, die ukrainische Gesellschaft in die Knie zu zwingen.

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Wie verändert die Haltung des Moskauer Patriarchats das Machtgefüge in der Orthodoxie?

Es war für mich eine Überraschung, wie unvernünftig Kyrill handelt. Er glaubt, kirchlich auch für die Ukraine verantwortlich zu sein, aber er handelt nicht als Hirte. Da war kein Gebet für den Frieden, sondern die Übernahme der Sprache Putins. Die Kirche agiert als Dienerin des Staates. 2008 zitierte Kyrill in Kiew einen Bischof, der die Einheit von Russen, Weißrussen und Ukrainern mit der Einheit der Dreifaltigkeit verglich. Da sieht man, welche Rolle religiöse Komponenten in der russischen Ideologie und Strategie spielen. Die Taufe der Kiewer Rus gehört zum russischen Gründungsmythos und wird missbraucht als Legitimation für das, was Putin macht. Das Moskauer Patriarchat ist so etwas wie die ideologische Lokomotive der Außenpolitik Russlands.

Wie orthodox ist Wladimir Putin?

Solange die Orthodoxie ein fester Bestandteil der russischen Identität ist, wird jeder Präsident Russlands sich als orthodox bekennen. Tatsächlich ist die Orthodoxie in Russland eher ein kulturelles Phänomen. In Russland sind etwa vier Prozent praktizierende Christen, aber 70 Prozent der Russen sagen, sie seien orthodox.

"Für die Gläubigen dieser Kirche ist es
eine Zumutung, im Gottesdienst weiter für Patriarch Kyrill
zu beten, nachdem der klar auf Putins Seite steht"

Wie verändern der Krieg und Kyrills Positionierung die Orthodoxie in der Ukraine?

Vor dem 24. Februar gab es keine Stellungnahme der "Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats". Die Kriegsgefahr wurde als Erfindung abgetan, doch ab dem ersten Tag hat Metropolit Onufrij den Krieg beim Namen genannt und verurteilt. Er hat an Putin und Kyrill appelliert, sich zur Integrität der Ukraine bekannt und dazu aufgerufen, für die ukrainische Armee zu beten. Gleichzeitig ruft sein Chef in Moskau dazu auf, für die russische Armee zu beten. 36 Kirchengebäude des Moskauer Patriarchats in der Ukraine wurden zerstört, während man von einem "Brudervolk" spricht. Für die Gläubigen dieser Kirche ist es eine Zumutung, im Gottesdienst weiter für Patriarch Kyrill zu beten, nachdem der klar auf Putins Seite steht.

Viele haben aufgehört, Kyrill in der Liturgie zu nennen.

Die "Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats" hat 52 Diözesen. Etwa 20 Diözesanbischöfe haben mit ihren Priestern aufgehört, Kyrill zu kommemorieren. Das bedeutet nicht zwingend den Abbruch der kirchlichen Gemeinschaft, denn es wird weiter Metropolit Onufrij kommemoriert, der seinerseits Kyrill kommemoriert. Aber es ist eine Distanzierung.

Bröckelt Moskaus Orthodoxie in der Ukraine?

Viele Gemeinden verlassen das Moskauer Patriarchat und schließen sich der Autokephalie an. Aber viele Bischöfe warten einfach ab. Da er ganz die Sicht Putins referiert, wird Kyrill in der ukrainischen Gesellschaft keine Akzeptanz mehr finden. Schon vor dem Krieg hatten wir das Paradox, dass es in der Ukraine 12.400 Gemeinden des Moskauer Patriarchats gab, und 7.000 autokephale Gemeinden. Doch eine absolute Mehrheit der Gläubigen identifiziert sich mit den Autokephalen. Die Sympathie gilt der Kirche von Epifanij, nicht jener von Onufrij. Mit jedem Tag des Krieges wird das deutlicher.

Epifanij hat die Priester und Bischöfe des Moskauer Patriarchats zum Anschluss eingeladen.

Damit die Bischöfe des Moskauer Patriarchats nicht das Gesicht verlieren, sollte man sie nicht nur einladen, sondern eine Einigungssynode machen. Man muss ihnen einen großzügigen Raum anbieten, damit sie ihr Gesicht wahren können und keine Doppelstrukturen entstehen. In der Ukraine kann man die gesellschaftlichen an den kirchlichen Entwicklungen ablesen: 2013/14 kam es zur Konsolidierung der Kirchen wie der Gesellschaft. Trotz aller Schwierigkeiten benutzen alle Kirchen in der Ukraine heute die gleiche Sprache: Alle verurteilen den Krieg, appellieren an Putin und Kyrill, bekennen sich zur Verteidigung der Heimat.

"Die Religiosität der Orthodoxen in der Ukraine
ist viel höher als in Russland. Die Einheit
mit diesen Gläubigen gefährdet Kyrill"

Verfällt Kyrills Autorität auch in der eigenen Kirche?

Die russische Orthodoxie hat weltweit 38.000 Gemeinden, davon liegen 12.400 in der Ukraine. Die Religiosität der Orthodoxen in der Ukraine ist viel höher als in Russland. Die Einheit mit diesen Gläubigen gefährdet Kyrill. Würde er gegenüber dem russischen Diktator für seine Glaubensbrüder in der Ukraine eintreten, dann würde er vielleicht fallen, aber als starke Persönlichkeit in die Geschichte eingehen. Aber das geschieht nicht   tragischerweise. Das kann für das Moskauer Patriarchat nicht ohne Folgen bleiben.

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Welche Folgen meinen Sie?

Moskau wird Gemeinden verlieren, nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit. Für die Auslandsgemeinden ist die Türe des Ökumenischen Patriarchats offen. Dazu kommt der Autoritätsverlust: Wie kann man noch öffentlich neben Kyrill stehen ohne sich zu schämen? Seine Weltsicht widerspricht jeder Vernunft. Vieles im ökumenischen Dialog mit Moskau muss zunächst auf Eis gelegt werden. Zudem gibt es die noch wenigen, aber mutigen Menschen, die in Russland gegen den Krieg auf die Straße gehen. Sie bewegen sich jenseits des kirchlichen Einflusses. Wenn diese Menschen irgendwann zur politischen Elite werden sollten, wird die Orthodoxie für sie keine Rolle spielen. Die russische Kirche predigt ja gegen den Westen und gegen die Ukraine. Sie bleibt mächtig, solange Putin an der Macht ist.

Vor dem Krieg schien Moskau seinen Einfluss in der weltweiten Orthodoxie auszuweiten. Ist das nun vorbei?

Auch das hat mit Politik zu tun: Solange etwa die serbische Politik zur russischen Regierung steht, wird auch die serbische Orthodoxie das Moskauer Patriarchat unterstützen. Aber viele orthodoxe Kirchen werden in der ukrainischen Frage jetzt sensibler. Als Gegenpol zu Kyrill gewinnt Bartholomaios an Gewicht.

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Stephan Baier Bischöfe Glaubensbrüder Russlands Krieg gegen die Ukraine Kriegsgefahr Russische Regierung Wladimir Wladimirowitsch Putin

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