Lemberg/Cherson

„In Cherson kann man gar nicht mehr leben“

In den russisch besetzten Gebieten der Ukraine erdulden die Menschen die Willkür der Besatzungssoldaten. Wlad berichtet, wie er seine Mutter aus der besetzten Region Cherson herausgeholt hat.
Ukraine-Krieg - Lwiw
Foto: Pavlo Palamarchuk (SOPA Images via ZUMA Press Wire) | Viele Flüchtlinge aus der Oblast Cherson haben in Lemberg Zuflucht gefunden. Dort wurde eine sogenannte modulare Stadt als Unterkunft errichtet.

Eigentlich fahre ich nur selten Taxi. In Lemberg macht es wenig Sinn, auch wenn jetzt weniger Autos unterwegs sind als vor dem Krieg. Damals staute sich der Verkehr in den engen Straßen der Innenstadt fast immer. Es ist besser, zu Fuß zu laufen – wenn man nicht weit vom Stadtzentrum entfernt lebt, erreicht man die meisten Ziele in maximal einer Dreiviertelstunde. Für längere Strecken benutzen jetzt immer mehr Menschen Fahrräder oder E-Scooter. Es gibt relativ wenige Fahrradwege, auch wenn sie in den letzten Jahren ausgebaut wurden. Also benutzen die Fahrradfahrer überwiegend die Gehsteige. Vor allem ist seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie der Zustellservice auf dem Vormarsch, an grellen sperrigen würfelähnlichen Thermotaschen auf dem Rücken der jungen Männer und Frauen gut zu erkennen.

Er wollte seine Mutter aus Cherson herausholen

Wenn es in Strömen regnet, ist ein Taxi jedoch eine Rettung. Als ich neulich eins bestellte und ein Wagen nach wenigen Minuten in der Nähe anhielt, war mir nicht sofort klar, dass es sich um mein Taxi handelte. Der Toyota hatte Charkiwer Kennzeichen. Ich kam mit dem jungen Fahrer ins Gespräch. Wlad trug ein rotes Poloshirt und war etwa Mitte Zwanzig. Die Navi-App in seinem Smartphone war eingeschaltet, er steuerte aber recht sicher durch die Einbahnstraßen der Stadt, ohne einen Blick auf den Bildschirm zu werfen. Und er hatte offenbar Lust, mir seine Geschichte zu erzählen. Aus Charkiw war er vor fast drei Monaten geflüchtet, zu der Zeit, als dort Tag und Nacht russische Bomben einschlugen. Es ist nicht selten, dass Flüchtlinge – besonders wenn sie ein etwas besseres Auto besitzen – in ihrer neuen Heimat versuchen, mit Taxifahren den Lebensunterhalt zu verdienen. Heute braucht man ja keine Stadtkenntnisse mehr, für das sichere Navigieren in einer fremden Stadt sorgt eine App.

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Bevor Wlad nach Lemberg kam, machte er noch einen großen Bogen Richtung Süden. Er wollte seine Mutter aus Cherson herausholen, das bereits in den ersten Tagen nach dem Überfall unter russische Besatzung geriet. Es war gar keine leichte Aufgabe. „Ich bin relativ problemlos in die Stadt eingefahren“, erzählt Wlad. „Da wieder herauszukommen, war dann wesentlich schwieriger.“

Als eine 70-jährige Frau vor etwa einem Monat aus Cherson flüchtete, wurde sie am Checkpoint von russischen Soldaten auf brutalste Weise beinahe bewusstlos geschlagen, weil sie sich weigerte, ihren ukrainischen Pass abzugeben. An Kopf und Wirbelsäule schwer verletzt, rettete sie sich in den Fluchtwagen ihrer Nachbarn. Schließlich konnte sie mit einem Evakuierungszug nach Lemberg gebracht werden, wo sie nach einer Operation an der Wirbelsäule bis heute in einem Krankenhaus liegt und nun erste Schritte ohne fremde Hilfe macht.

Vor dem Krieg war Cherson eine wichtige Hafenstadt im Dnipro-Delta. Gelegen am westlichen, hohen Flussufer, zählte diese Regionalhauptstadt und das Wirtschaftszentrum des ukrainischen Südens knapp 300.000 Einwohner. Heute ist nur etwa die Hälfte davon in der Stadt geblieben. Die an Schwarzerdeböden reiche Region war ein wichtiger Getreideproduzent und landesweit für ihr Obst und Gemüse bekannt. Jeder wusste, dass die besten ukrainischen Wassermelonen aus Cherson kommen.

Cherson wird zu 90 Prozent von den Russen kontrolliert

Derzeit kontrollieren die russischen Truppen nicht nur Cherson, sondern auch mehr als 90 Prozent des Bezirks (Oblast), der direkt an die 2014 annektierte Halbinsel Krim grenzt. Es ist bis heute nicht ganz klar, warum es der russischen Armee gelungen ist, die Region ohne größeren Widerstand einzunehmen. Manche Beobachter vermuten, dass hier womöglich Verrat im Spiel war. Da im Krieg verständlicherweise unabhängige Recherchen unmöglich sind, kann man darüber nur spekulieren. Klar ist nur, dass es in dem Oblast, der stark von ländlichen Gegenden geprägt ist, kaum prorussische Stimmungen gibt. Überall dominieren ukrainischsprachige Dörfer und Kleinstädte. Der bekannte ukrainische Showmaster und Musikproduzent Ihor Kondratjuk sagt in einem Interview mit der Online-Zeitung „Ukrainska Prawda“, dass Russland keine Chance habe, diese Region auf lange Sicht unter Kontrolle zu halten. Er kennt die Stimmungen dort sehr gut, da er selbst aus dem Norden des Oblast stammt. Diese Gebiete hat die ukrainische Armee inzwischen befreit.

Bislang waren in Cherson nur ein paar Kollaborateure bereit, mit den Besatzern zusammenzuarbeiten. Es ist eine Region, in der ukrainische Partisanen immer wieder Anschläge auf Kollaborateure und russische Offiziere verüben.

Menschen, die aus Cherson geflüchtet sind, erzählen nur vorsichtig ihre Geschichten. Wenn ihre Verwandten oder Freunde dort geblieben sind, könnte es für diese gefährlich sein. Wenn in ukrainischen Medien ein Bericht über das Leben in der Stadt erscheint, wird am Anfang fast immer darauf hingewiesen, dass die Namen der Protagonisten geändert worden sind. Am Anfang der Besatzungszeit fanden sonntags in Cherson proukrainische Demonstrationen mit mehreren Tausend Teilnehmern statt, doch wurden ihre Organisatoren und Aktivisten von russischen Besatzern nach und nach eingeschüchtert, entführt, oft zusammengeschlagen oder auch gefoltert. Zwar haben hier die russischen Besatzer keine wilden Verwüstungen wie in der Nähe von Kiew hinterlassen, aber in den ersten Tagen wurden in Cherson etwa drei Dutzend Männer getötet. Die Landwehr hatte gegen die gepanzerten Mannschaftswagen der russischen Armee keine Chance.

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„In Cherson kann man gar nicht mehr leben“, sagt Wlad und schaltet den Scheibenwischer seines Toyota eine Stufe höher. Es regnet jetzt noch stärker. Draußen wäre man binnen weniger Sekunden klatschnass. Kein Wunder, dass keine Menschen auf der Straße zu sehen sind. „Um Lebensmittel zu kaufen, muss man sich in Cherson morgens anstellen. Und die Schlangen sind echt lang.“ Ich lese immer wieder Berichte darüber. So sieht wohl im Moment der „normale“ Tag in Cherson aus: Morgens aufstehen, Schlange stehen, am frühen Nachmittag möglichst wieder zu Hause sein. Ab drei Uhr ist die Stadt bereits weitgehend leer.

Schlangestehen gehört zum Alltag

Für ältere Menschen übernehmen freiwillige Helfer das Schlangestehen. Sie spenden nicht selten Lebensmittel an Rentner, denn die Preise sind explodiert. „Alles kostet dort doppelt oder dreimal so viel wie in den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten“, sagt Wlad. „Auch haben viele Menschen keine Arbeit mehr.“ Es ist egal, ob es sich um Obst, Gemüse, Wurst oder Zucker handelt. In einer Internet-Zeitung lese ich, dass Würstchen, die vor dem Krieg etwa 50 Hrywnja gekostet haben, Ende April für 480 zu haben waren. Inzwischen gibt es hier Lebensmittel und „humanitäre Hilfe“ aus Russland, die jedoch von den Einwohnern boykottiert werden. Die Stadt ernährt sich weitgehend von dem, was ukrainische Landwirte aus der Region produzieren und auf den Märkten verkaufen. Man erzählt, dass sie einen Teil der Ware an den Checkpoints abgeben müssen, um durchgelassen zu werden. Dasselbe gilt für Medikamente, die geliefert werden. Sie werden später auf dem Schwarzmarkt feilgeboten. „Medikamente kann man nur über freiwillige Helfer bekommen, die Apotheken sind leer.“ Dort kriegt man allenfalls eine Feuchtigkeitscreme, die noch aus alten Vorräten geblieben ist. Aber auch die Hilfstransporte in die Region sind mit immer größeren Schwierigkeiten verbunden, wie der ukrainische Gesundheitsminister Wiktor Ljaschko betont.

„Und dann sind da noch die beliebten Spielchen der russischen Besatzer.“ Sie würden die Ortschaften in der Region und die Außenbezirke der Stadt beschießen, und es dann ukrainischen Streitkräften in die Schuhe schieben. Danach sei das russische Propaganda-Fernsehen sofort da.
Erst nach mehreren Wochen gelang Wlad und seiner Mutter die Flucht aus Cherson. Es sind rund 900 Kilometer von Cherson bis Lemberg. Meine App sagt, dass man dafür zwölf Stunden braucht. Das ist nicht wenig, gilt aber nur für die normale Welt. In der Kriegszeit wird jede Berechnung schnell zu Makulatur.

Ich frage Wlad nicht, wie viel Zeit er für die Strecke gebraucht hat. Hauptsache, seine Mutter und er fühlen sich hier sicher.
In Lemberg will Wlad eine Weile bleiben. Vielleicht sogar eine kleine Autopflegewerkstatt aufmachen. Sein Toyota sieht auf jeden Fall super sauber aus. Mit der Wohnung hatte er Glück, ein Bekannter vermietet sie für umgerechnet 80 Euro pro Monat an die beiden. Das ist ein Schnäppchen, denn im Normalfall muss man heute für eine Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand mindestens das Dreifache aufbringen. Wlad biegt scharf nach links ab. Jetzt nur noch eine schmale mit holprigem Kopfstein gepflasterte Straße, dann wir sind da. Der Regen hat nachgelassen. Ich steige aus, Wlad fährt zum nächsten Kunden. Der Regen wird wieder stärker. Es ist eine gute Zeit für das Geschäft eines Taxifahrers.

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