Kelkheim

Open Doors: Christenverfolgung nimmt weltweit zu

Open Doors hat seinen aktuellen Index zur weltweiten Verfolgung von Christen vorgestellt. Ein Interview mit dem Geschäftsführer des christlichen Hilfswerkes, Markus Rode.
Christenverfolgung in Indien
Foto: Shammi Mehra (PTI) | Ein Brennpunkt der Christenverfolgung ist Indien: Die Christen dort leiden vor allem unter dem Hindu-Nationalismus. Der wird auch vom indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi befeuert.

Christen in 76 Ländern sind intensiver Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt – weltweit mehr als 360 Millionen. Das berichtet das christliche Hilfswerk Open Doors in seinem jetzt veröffentlichten Weltverfolgungsindex 2022 für den Berichtszeitraum 1.10.2020 bis 30.09.2021. Nach Angaben des in Kelkheim (Taunus) ansässigen Hilfswerks leiden allein in den 50 Ländern der Rangliste mehr als 312 Millionen der dort lebenden 737 Millionen Christen unter sehr hoher bis extremerVerfolgung.

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat Islamisten in aller Welt Auftrieb für ihre Umsturzpläne verliehen, heißt es in der Dokumentation. Christen in Afghanistan würden von den Taliban gezielt gesucht und zumeist ermordet. Nun führt das Land zum ersten Mal den Weltverfolgungsindex an und löst damit Nordkorea ab, das diese Position seit 20 Jahren inne hatte. Dort ist die Lage der Christen unter Kim Jong Un weiterhin katastrophal: Zehntausende leisten in den Straflagern Zwangsarbeit, oft bis zum Tod. Weiter bedrohlich für Christen ist die Situation in Somalia, Libyen, Jemen, Eritrea, Nigeria, Pakistan, Iran und Indien. Nigeria und Indien wertet Open Doors als „besonders besorgniserregende“ Länder, da Christen dort extremer Verfolgung ausgesetzt sind. Allein in Nigeria wurde dokumentiert, dass 4.650 Christen wegen ihres Glaubens ermordet wurden. Darüber hinaus haben die Angriffe auf Christen in Subsahara- Afrika durch extremistische religiöse und politische Gruppen stark zugenommen, Millionen Menschen sind auf der Flucht.  DT/chp

Herr Rode, was hat sich seit dem letzten Weltverfolgungsindex geändert? Hat die Intensität der Christenverfolgung weltweit zugenommen?

Leider hat die Intensität der Verfolgung und Diskriminierung von Christen in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen, so auch im aktuellen Berichtszeitraum. Das zeigt sich etwa bei der Anzahl der wegen ihres Glaubens ermordeten Christen: Sie hat sich gegenüber dem Vorjahr von 4.761 auf 5.898 erhöht. Erneut trifft Nigeria in diesem Bereich das größte Leid mit 4.650 getöteten Christen, gefolgt von 620 in Pakistan. Auch bezüglich der Schließung oder Zerstörung von Kirchen und zugehörigen Gebäuden hat eine Zunahme stattgefunden, die meisten Beispiele davon in China mit rund 3.000 von etwa 5.100 weltweit. Außerdem wurden mehr Christen wegen ihres Glaubens ohne Verhandlung verhaftet, verurteilt und ins Gefängnis geworfen, 6.175 gegenüber 4.277 im Vorjahr. Das sind jeweils nur die erfassten Zahlen, die Dunkelziffer ist höher. Gleiches gilt für die Entführungen von Christen, zumeist Mädchen und Frauen, die oft vergewaltigt sowie zwangsislamisiert und zwangsverheiratet werden. Open Doors hat mehr als 3.800 Fälle dokumentiert, gegenüber rund 1.700 im Vorjahr.

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Wegen der rasant zunehmenden Angriffe islamistischer Gruppen in Subsahara-Afrika wurden Hunderttausende Christen in Ländern wie Burkina Faso, Mosambik,  der Demokratischen Republik Kongo sowie Nigeria, Kamerun und Niger aus ihren Regionen vertrieben, eine Rückkehr erscheint fast unmöglich. Aber auch im buddhistischen Myanmar, das sich auf dem Weltverfolgungsindex von Rang 18 auf 12 verschlechtert hat, wurden rund 200 000 Christen vertrieben, weitere 20 000 sind aus dem Land geflohen. Das burmesische Militär bombardierte Kirchen und tötete oder verhaftete auch Pastoren. Auch die Maßnahmen von Regierungen zur Pandemiebekämpfung trafen in vielen Ländern die Christen besonders hart. Sie wurden teilweise gezielt von der kommunalen Versorgung mit Hilfsgütern ausgeschlossen. In vielen Fällen wurden die pandemiebedingten Versammlungsverbote für Kirchen auch nach Beendigung der Pandemiemaßnahmen aufrecht  erhalten. Erstmals seit 20 Jahren gab es eine Veränderung an der Spitze des Weltverfolgungsindex: Afghanistan löst nach der Machtübernahme der Taliban Nordkorea als das Land ab, in dem Christen am härtesten verfolgt werden.

Die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) hat Indien im Jahr 2020 zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt als „besonders besorgniserregendes Land“ in Bezug auf die Religionsfreiheit eingestuft. Wie besorgniserregend ist die Lage?

Die Christen in Indien sind seit Jahren extremer Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Trotzdem wird Indien dieses Jahr nicht mehr auf der Liste der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit als eines der „besonders besorgniserregenden Länder“ geführt. Hier hat die Biden-Administration wohl eine Anpassung aufgrund außenhandelswirtschaftlicher Präferenzen vorgenommen. Auf dem Weltverfolgungsindex hat sich Indiens Position kontinuierlich
verschlechtert: Von Rang 28 im Jahr 2014, über Rang 15 in 2017 bis auf Rang 10, wo es seit 2020 steht. Das Ziel der Hindu-Nationalisten, dass jeder Inder ein Hindu sein soll, wird weiterhin systematisch verfolgt. Durch die vermehrte Verbreitung von Hassbotschaften gegen Christen in den Medien und sozialen Netzwerken sahen sich die Christen in Indien mit einer Flut von Gewalt konfrontiert. Die hindu-nationalistische Regierung unter Narendra Modi lässt die Angreifer zumeist straflos davonkommen, was zu weiterer Gewalt ermutigt. Es kommt sowohl zu Angriffen auf einzelne Christen als auch auf Gottesdienste, außerdem werden Todesdrohungen ausgesprochen und Christen aufgefordert, ihrem Glauben abzusagen. Immer wieder werden Christen auch aufgrund falscher Vorwürfe und konstruierter Anklagen wegen angeblicher Zwangsbekehrungen inhaftiert; im letzten Jahr kamen mehr als 1 300 ohne Verhandlung ins Gefängnis.

Spielen auch politische, ethnische, wirtschaftliche und soziale Ursachen bei der Entstehung von Gewalt gegen Angehörige einer Religion eine wichtige Rolle?

Alle diese Ursachen können dazu beitragen, dass sich Verfolgung verfestigt und ausweitet, weil sie als Begründung herangezogen werden, um Christen gegenüber eine feindselige Haltung zu zeigen. Doch die ursächliche Motivation der Verfolger ist oft darin begründet, den Glauben der Christen an Jesus Christus als alleinigen Retter und Sohn Gottes auszulöschen. Da Christen zur Nächstenliebe und sogar Feindesliebe aufgerufen sind, gelten sie als „leichte Beute“. Dabei nutzen insbesondere extremistische Gruppierungen die Instabilität und fehlende staatliche Ordnung in vielen Ländern dazu, Christen zu attackieren, zu vertreiben, sie auszurauben und zu ermorden, wozu sie sich oftmals durch ihren eigenen Glauben legitimiert fühlen (beispielsweise Islamisten durch Aussagen des Koran). Das ist etwa in Subsahara-Afrika deutlich zu erkennen, wo die unterschiedlichen Verfolger und Angreifer vereint durch eine islamistische Agenda ihre Überfälle und Verbrechen begehen. Die religiöse beziehungsweise ideologische Motivation ist aber genauso erkennbar in Ländern wie Laos, Indien oder in China, wo allein der Glaube an Jesus Christus Anlass für Verfolgung und Diskriminierung ist.

Sehen Sie auch in den westlichen Ländern eine steigende Intoleranz gegenüber christlichen Überzeugungen? Wird viel zu wenig Notiz von der bedrängten Lage der Christen genommen?

In den westlichen Ländern wird der persönliche Glauben immer mehr in den privaten Bereich verdrängt. Das christliche Menschenbild ist Grundlage vieler Verfassungen westlicher Länder, entsprechend sind auch die Werte christlich geprägt. Diese werden jedoch zunehmend durch Werte wie die des Humanismus abgelöst. Zeichen hierfür sind unter anderem das Verschwinden christlicher Symbole wie des Kreuzes aus dem öffentlichen Raum und ein neues Verständnis von Ehe, das auch  in die Kirchen Einzug gehalten hat. Christen, die sich an der Bibel als Fundament ihres christlichen Lebens orientieren, werden als Fundamentalisten bezeichnet und damit auf eine Ebene mit islamischen Fundamentalisten gestellt. Wenn es um die Wahrnehmung der Lage von mehr als 360 Millionen Christen weltweit geht, die einer hohen bis extremen Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt sind, so sind hier schwerste Verstöße gegen die Menschenrechte zu nennen. Wie aber steht es um unsere Identifikation mit den Betroffenen? Solange die Länder des Weltverfolgungsindex noch in weiter Entfernung liegen, und verfolgte Christen kein Gesicht und keine Stimme haben, findet deren Verfolgung wenig Gehör. Die säkularen Medien verwenden kaum Mühe, über dieses Unrecht zu berichten. Hinzu kommt, dass das geringe Interesse seitens der Politik darin begründet zu sein scheint, dass man die prominenten Verursacher der Verfolgung aus eventuell wirtschaftlichen Interessen besser  nicht beim Namen nennen möchte.

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