Kirche vs. Ortega

Nicaragua: Die Kirche ist die Stimme des Widerstands

Die Lage in Nicaragua spitzt sich immer mehr zu: Das Regime von Staatspräsident Ortega beschuldigt die Kirche, an einem Putschversuch beteiligt gewesen zu sein. Nun wurde sogar ein Bischof verhaftet.
Gottesdienst in Managua
Foto: Uncredited (AP) | Nachdem eine Prozession verboten worden war, rief die Kirche die Gläubigen dazu auf, sich friedlich vor der Kathedrale von Managua zu versammeln.

In Nicaragua steht die katholische Kirche im Fadenkreuz des Regimes des früheren sandinistischen Rebellenführers Daniel Ortega. Massenproteste werden unterdrückt, mehr als 1.200 zivilgesellschaftliche Organisationen sind verboten worden und etwa 190 Oppositionsführer wurden verhaftet, 150.000 Menschen sind mittlerweile in das Nachbarland Costa Rica geflüchtet: In dieser Situation ist die katholische Kirche die letzte gesellschaftliche Gegenstimme gegen das autoritäre Regime. Daniel Ortega ist seit 2007 an der Macht, seine Frau Rosario Murillo, seit Januar 2017 Vizepräsidentin des Landes.

Ein Blick auf die Chronologie der repressiven Maßnahmen in den letzten Monaten: Bereits im März wurde der Apostolische Nuntius in Nicaragua, Erzbischof Waldemar Stanisław Sommertag, des Landes verwiesen; die Regierung des mittelamerikanischen Landes rief daraufhin auch ihren Botschafter aus dem Vatikan zurück. Dann wurden Anfang Juli zwei Pfarrer verhaftet und 16 „Missionarinnen der Nächstenliebe“ des Mutter-Teresa-Ordens ausgewiesen, nachdem sie mehr als drei Jahrzehnte lang in Nicaragua Gemeinde- und Sozialarbeit geleistet hatten. „Seid willkommen, Schwestern“, schrieb der Bischof von Tilarán in Costa Rica auf Facebook. In Nicaragua sprach Weihbischof Silvio José Baéz O.C.D. von der Erzdiözese Managua dagegen von tiefer Trauer: „Nichts rechtfertigt es, die Armen ihrer karitativen Hilfe zu berauben.“

Lesen Sie auch:

Einen Monat später schließlich ordnete die Regierung die Schließung von sieben Radiosendern der katholischen Kirche an. Polizisten drangen in Pfarrhäuser ein und gingen gewaltsam gegen Mitarbeiter sowie Pfarrer vor. Die Europäische Union verurteilte die Sender-Schließung als „willkürlich“. Zur gleichen Zeit wurde gegen den Bischof der Stadt Matagalpa, Rolando Álvarez, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bischof Álvarez gilt als einer der schärfsten Kritiker der Ortega-Regierung. Nun wurde Bischof Rolando Álvarez zusammen mit sieben Begleitern – vier Priestern, zwei Seminaristen und einem Laien – von der Polizei verhaftet. Laut einer offiziellen Erklärung befindet er sich im Hausarrest in der Hauptstadt Managua. Die Ordnungskräfte teilten mit, dass Kardinal Leopoldo Brenes, Erzbischof von Managua, ihn habe besuchen dürfen.

Priester werden als „Terroristen“ beschimpft

Der Konflikt zwischen Ortega und der Kirche hat eine lange Geschichte: Bereits in den 1980er Jahren gab es Spannungen, von 1985 bis 1990 war Daniel Ortega schon einmal Nicaraguas Staatspräsident. Erzbischof Miguel Obando y Bravo von Managua (1926-2018), seit 1985 Kardinal, hatte immer wieder Menschenrechtsverletzungen angeprangert. Und auch damals waren Repressalien gegen den Klerus die Folge.

Der Ursprung der aktuellen Angriffe geht auf den April 2018 zurück, als in verschiedenen Teilen des Landes Unruhen und Proteste ausbrachen. Die Ordnungskräfte griffen hart gegen die Demonstranten durch; die Kirche nahm verletzte Menschen auf und versorgte sie. Die Bischöfe mahnten einen Dialog mit der Regierung an. Allerdings scheiterten alle Gespräche, nachdem Ortega den Klerus wegen des angebotenen Schutzes für die Demonstranten als parteiisch denunzierte. Kürzlich erklärte Wilfredo Navarro, Abgeordneter der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN, damals hätten Bischof Álvarez und weitere Priester den gescheiterten Putschversuch angeführt.

Seitdem sind Bischöfe und Priester der katholischen Kirche – die Ortega und Murillo als „Pharisäer“ und „Terroristen“ bezeichnen – Zielscheibe des nicaraguanischen Regimes. Bereits im Mai wurde im nicaraguanischen Parlament, in dem die FSLN 75 von 90 Sitzen besetzt, ein Bericht des Justiz- und des Innenausschusses verabschiedet, in dem eine Verschärfung der Strafen für Personen vorgeschlagen wird, die wegen des Verbrechens der „Untergrabung der nationalen Integrität“ oder „Hochverrat“ verurteilt werden. Der Bericht empfiehlt, Priester und Leiter von Menschenrechtsorganisationen strafrechtlich zu verfolgen und das Vermögen derjenigen zu beschlagnahmen, die an den Protesten gegen das Regime von Daniel Ortega beteiligt waren. Die Proteste werden dabei als „Putschversuch“ bezeichnet.

Mehr als 250 Übergriffe auf die Kirche

Am 22. Mai veröffentlichte dann die nicaraguanische Rechtsanwältin Martha Patricia Molina eine Untersuchung, Unter der Überschrift „Nicaragua: eine verfolgte Kirche“ werden dort mehr als 250 Übergriffe geschildert, die die katholische Kirche in Nicaragua seit 2018 erlitten hat. Dazu zählen Prügel für Priester, Entweihung von Kirchen, bewaffnete Angriffe, Brandstiftungen und Belagerungen.

Daniel Ortega

Am 12. August verurteilte schließlich die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) Nicaragua wegen seiner Schikanen gegen die Kirche und der Verfolgung der Presse in Nicaragua. Die OAS die Regierung von Daniel Ortega auf, die inhaftierten Oppositionellen freizulassen, „die erzwungene Schließung“ von den mehr als 1.200 Nichtregierungsorganisationen aufzuheben sowie „die Verfolgung und Einschüchterung der unabhängigen Presse einzustellen, und die Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung zu garantieren“. Die Entschließung wurde mit 27 Ja-Stimmen, einer Nein-Stimme und vier Enthaltungen bei zwei abwesenden Ländern angenommen. Besonders kritisiert wurde die Abwesenheit des neuen kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro, die als Weigerung aufgefasst wurde, das Ortega-Regime zu verurteilen. Nicaragua hatte bereits am 18. Mai den Austritt aus der OAS erklärt.

Die Repressionen gehen weiter:  So wurde nun am 14. August eine Marienprozession verboten, woraufhin Gläubige in großer Zahl an einer Messe, die auf Facebook live übertragen wurde, in der Hauptstadt Managua teilnahmen. „Ich weiß, dass niemand uns die Liebe zur Heiligen Jungfrau von Fátima nehmen kann“, betonte Kardinal Leopoldo Brenes.

Die Katholiken haben die Angst verloren

Dazu schrieb die nicaraguanische Zeitung „La Prensa“, deren Redaktion sich nach der Festnahme des Geschäftsführers „im Ausland“ befindet: „Die Katholiken haben die Angst verloren.“ Das Regime reagierte mit der Entführung des Priesters Óscar Danilo Benavides Tinoco, der als Pfarrer in der zum Bistum Siuna gehörenden Stadt Mulukukú arbeitet. Laut „La Prensa“ der Priester  in einer Zelle in der „Direktion für Rechtshilfe DAJ“ in Managua festgehalten.

Lesen Sie auch:

Die Schikanen des Regimes drücken sich aktuell auch darin aus, dass Gläubigen der Zugang zu der einen oder anderen Kirche verwehrt wird, so dass sie der im Freien gefeierten Heiligen Messe außerhalb des Kirchengeländes jenseits eines Maschendrahtzauns beiwohnen müssen.
Zur Bedeutung der Kirche für den Widerstand gegen das Ortega-Regime schreibt die nicaraguanische Menschenrechtsaktivistin Vilma Núñez: „Die einzige prophetische und glaubhafte Stimme, die von 80 bis 90 Prozent der Nicaraguaner akzeptiert wird, ist die Stimme der Kirche.“ Ihr Fazit: „Machthaber Ortegas Ziel ist es, an der Macht zu bleiben, und die Kirche ist ihm dabei ein Dorn im Auge.“

Offener Brief appelliert an Papst Franziskus

Vergangene Woche veröffentlichten nun mehr  als 25 ehemaligen Staats- und Regierungschefs spanischsprachiger Länder – angeführt von Friedensnobelpreisträger Óscar Arias aus Costa Rica – einen offenen Brief, in dem der Sorge Ausdruck verliehen wurde, „dass der Inbrandsetzung von Kirchen und die grausame Zerstörung von katholischen Heiligenbildern die Zerstörung der sozialen und anthropologischen Grundlagen folgt, die an die Verbrennung jüdischer, sozialistischer und pazifistischer Bücher durch das nationalsozialistische Regime im Jahr 1933 erinnert“. Der Brief endete mit einer Bitte an den Papst: „Wir erwarten von S.H. Franziskus, dem Oberhaupt der katholischen Weltkirche, eine entschiedene Haltung zur Verteidigung des nicaraguanischen Volkes und seiner Religionsfreiheit.“

Am vergangenen Sonntag schließlich nahm Papst Franziskus nach dem Angelus-Gebet über die Verfolgung der katholischen Kirche in Nicaragua Stellung: „Mit Sorge und Schmerz verfolge ich die Lage in Nicaragua, die Menschen und Institutionen betrifft. Ich möchte meine Überzeugung und meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass durch einen offenen und ehrlichen Dialog die Grundlagen für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben noch gefunden werden können. Bitten wir den Herrn, auf die Fürsprache der heiligsten Jungfrau diesen konkreten Willen in den Herzen aller zu wecken.“ Bischof Rolando Álvarez erwähnte der Papst nicht.

Weitere Artikel
Man spricht von einer Täterorganisation, aber nicht über die Schuld der einzelnen Person. Die Rede vom Systemischen am Missbrauch entlastet die Belasteten, belastet aber die Institution.
15.09.2022, 09  Uhr
Bernhard Meuser
Texte für Synodalen Weg lassen die Masken fallen. Wie Kerninhalte des Glaubens in den Vorlagen zur zweiten Lesung auf der Synodalversammlung umgedeutet werden. Ämter werden dekonstruiert.
02.09.2022, 09  Uhr
Michael Karger
Themen & Autoren
José García Daniel Ortega Diözesen Erzbischöfe Erzbistum Hamburg Heilige Messe Papst Franziskus Pfarrer und Pastoren Sandinisten

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger