München

„Münchner Marsch für das Leben“ konnte 2.000 Teilnehmer verzeichnen

Der zweite „Münchner Marsch für das Leben“ konnte 2.000 Teilnehmer verzeichnen – nach 600 vergangenes Jahr ein sattes Plus.
Abtreibungsgegner demonstrieren in München
Foto: Tobias Hase (dpa) | Eine Frau nimmt an einer Demonstration von Abtreibungsgegnern unter dem Titel "Marsch für das Leben" teil.

München, Samstag, 19. März 2022, 12:30 Uhr: Zwischen Botanischem Garten und Alter Pinakothek liegt der Königsplatz. Hier, in die Herzkammer des „Isar Athens“, das König Ludwig I. (1786–1868) in München erbauen ließ, lädt der Verein „Stimme der Stillen“ nach der Premiere im vergangenen Jahr zum 2. „Münchner Marsch für das Leben“. Nach Süden wird das Areal von der Staatlichen Antikensammlung, an der Nordseite von der Glyptothek, einem Museum mit antiken Skulpturen, gesäumt. Auf der Westseite ragt mit den Propyläen ein von griechischen Tempeln der Antike inspiriertes Stadttor empor.

Eine halbe Stunde vor Beginn haben sich hier bei strahlendem Sonnenschein mehrere hundert Menschen eingefunden. Und ständig strömen über zwei Zugänge an der West- und einen an der Ostseite weitere Personen auf den Platz. Die Polizei wird später von 2.000 Teilnehmern sprechen. Auf der Südseite haben Lebensrechtsorganisationen Stände aufgebaut. Dicht an dicht gedrängt finden sich hier die „Aktion Lebensrecht für Alle“, die „Christdemokraten für das Leben“, „Pro Life Europe“ und „Sundays for Life“ vertreten.

Grußworte von Nuntius Eterovic und Bischof Oster

Aber auch andere machen auf sich aufmerksam. Die „Arbeitsgemeinschaft Lebensrecht München“ (ALM) etwa verteilt Flyer, mit denen sie zur Teilnahme an der „Papst-Benedikt-Gebetsvigil“ lädt. 2010 bat Benedikt XVI. zu Beginn des neuen Kirchenjahres „um den Schutz Gottes für jedes menschliche Wesen, das ins Dasein gerufen wurde“. Die ALM folge dem nun seit beinahe zehn Jahren, erklärt ihr Sprecher Hartmut Benk. Auf der Nordseite des Platzes haben sich Mitglieder der Organisation „40 Days for Life“ hinter einem langen Transparent versammelt, das von ihrer Existenz kündet.

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Vor den Propyläen hat der Veranstalter eine große Bühne errichtet. Mit Verspätung begrüßt gegen 13 Uhr 15 von dort die Vorsitzende des Vereins „Stimme der Stillen“, Silja Fichtner, die Teilnehmer. Dann verliest sie Grußworte, die der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterovic, und Passaus Bischof, Stefan Oster, geschickt haben. Oster hebt hervor, dass der „unbedingte Schutz des menschlichen Lebens“ ein „zentrales Anliegen unseres Glaubens“ sei, das „sich durchgängig in lehramtlichen Äußerungen der katholischen Kirche, in kirchlichen Dokumenten, Erklärungen und Predigten“ wiederfinde. „Genau dies verdeutlicht auch unser Heiliger Vater Papst Franziskus, wenn er feststellt: ,Jeder Mensch ist von Gott dazu berufen, die Fülle des Lebens zu genießen; und da er der mütterlichen Sorge der Kirche anvertraut ist, muss jede Bedrohung der Menschenwürde und des Lebens das mütterliche Herz der Kirche, ihr Innerstes erschüttern.‘“ Auf dem Platz hat der Veranstalter Luftballons in den Vereinsfarben gelb und blau platziert. Eine Kordel mit einer Wasserflasche am anderen Ende sorgt dafür, dass sie nicht wegfliegen. Auf einer beigefügten Postkarte steht in großen Lettern „Jedes Leben ist ein Geschenk“.

Kein Wort verlieren sie über den Krieg

Und doch verlieren Fichtner und die anderen Redner kein Wort über den Krieg, der in der Ukraine tobt. Allein der Apostolische Nuntius kommt in seinem Grußwort darauf zu sprechen: „Wenn ihr heute dem Schutz des Lebens ein Gesicht gebt und den Stillen eine Stimme verleiht, so tut dies freundlich und liebenswürdig“, wendet er sich an die Teilnehmer. Und weiter: „Diese Zeit kennzeichnet nicht zuletzt Unversöhnlichkeit, Verblendung und auch Hass, was bis hin zum Krieg führt. In der Ukraine leiden unzählige Menschen unter der grausamen Invasion der russischen Armee. Gebt den Müttern und Kindern, den Stillen im Land, in jedem Land, Euren Atem zum Gebet und zum Protest gegen das Unrecht.“ Eindringliche und mit viel Applaus bedachte Reden halten anschließend die 24 Jahre alte Theresa Habsburg, die Bestsellerautorin Gabriele Kuby und Pater Johannes von den Passionisten in Pasing.

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Gegen 14 Uhr setzt sich der Marsch dann in Bewegung. Auf der Nordseite verlassen die Teilnehmer den Königsplatz und biegen rechts in die Luisenstraße ein. Wenige hundert Meter weiter schwenken sie in die Gabelsberger Straße ein. Auf dem Bürgersteig sprintet ein Trupp Polizisten in Schutzausrüstung an ihnen vorbei. Der Grund: Rund 40 Gegendemonstranten stürmen plötzlich aus einem Gebäude auf die Marschteilnehmer zu und versuchen sie mit einer Sitzblockade zum Halten zu zwingen. Doch die „links-bunten Freunde“, wie sie auf Seiten des Veranstalters genannt werden, haben miserabel geplant: Die Gruppe ist zu klein, um die ganze Straßenbreite zu blockieren. In Windeseile wird der Großteil der Gegendemonstranten in einem Torbogen eines Gebäudes der Technischen Universität München festgesetzt, eine kleinere Gruppe direkt auf dem Trottoir. „Einige dieser Personen mussten durch Einsatzkräfte, teilweise auch unter Anwendung von unmittelbarem Zwang an einer weitergehenden Störung der Versammlung gehindert werden“, heißt es später im Pressebericht der Münchner Polizei. Es bleibt der einzige Zwischenfall – die Mehrheit der 400 Polizeibeamten verlebt einen geruhsamen Nachmittag.

Der Refrain ist wohl als Statement gedacht

Über die Arcisstraße hinweg zieht der Marsch weiter durch die Gabelsberger Straße, vorbei am Bernd-Eichinger-Platz und der Hochschule für Film und Fernsehen München. An der Ecke zur Barer Straße hat sich eine weitere, rund 20 Personen umfassende Gruppe von Gegendemonstranten hinter einer Absperrung versammelt. Viele tragen Hoodies und schwarze FFP2-Masken. Aus einem Lautsprecher ertönt der Song „Ich muss gar nix“ der Berliner Elektro-Pop-Band „Großstadtgeflüster“, offenbar so etwas wie die „Hymne“ der Gegendemonstranten. Der Refrain des Songs, der wohl als Statement gedacht ist, lautet: „Ich muss gar nix außer schlafen, trinken, atmen und f..... / und nach meinen selbstgeschriebenen Regeln ticken.“ Die Marschteilnehmer bleiben unbeeindruckt.

Über den Karolinenplatz geht es weiter in die Brienner Straße. Dort, wo sie die Katharina-von-Bora-Straße kreuzt, trifft der Marsch auf die „Hauptmacht“ der Gegendemonstranten. Rund 150 Personen hätten sich hier „in der Spitze“ versammelt, sagt später ein Sprecher der Polizei. Als der Marsch an ihnen vorbei wieder auf den Königsplatz zieht, scheinen es deutlich weniger zu sein. Sprechchöre skandieren: „My body, my choice, raise your voice“ (dt.: „Mein Körper, meine Wahl, erhebt Eure Stimme“. Auf einem Pappschild steht: „abortion is healthcare“ (dt.: „Abtreibung ist Gesundheitsfürsorge“).

„Die Möglichkeit zu kostenfreien Schwangerschaftsabbrüchen gehört zu einer verlässlichen Gesundheitsvorsorge“, heißt es auch im Koalitionsvertrag der Ampelregierung. Wenn sich das ändern soll, müssen Lebensrechtler ihre Anliegen mehrheitsfähig präsentieren. Ob Aufrufe, in Tracht zu erscheinen und das Singen der Bayernhymne zum Abschluss dabei wirklich hilfreich sind?

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