Leben

Marsch für das Leben 2021 in Berlin

Rund 4.500 Lebensrechtler aus ganz Deutschland demonstrierten vergangenen Samstag beim „Marsch für das Leben“ in Berlin gegen Abtreibung und assistierten Suizid. Die auf wenige 100 zusammengeschmolzenen Gegendemonstranten spielten faktisch keine Rolle.
Demonstration "Marsch für das Leben"
Foto: Paul Zinken (dpa) | Der „Marsch für das Leben“ zog in diesem Jahr nun schon zum 17. Mal durch die deutsche Hauptstadt.

Berlin, Samstag, 18. September 2021, 12:30 Uhr. Auf dem Platz des 18. März, direkt vor dem Brandenburger Tor, haben sich erst wenige 100 Lebensrechtler eingefunden. In einer halben Stunde beginnt hier der vom Bundesverband Lebensrecht (BVL) ausgerichtete „Marsch für das Leben“. Es ist der 17. seit Gründung des Verbands vor 20 Jahren, unter dessen Dach sich mittlerweile 15 Lebensrechtsorganisation versammelt haben. Weil dunkle Wolken von Regen künden, beeilen sich Helfer, die Infostände der Mitgliedsorganisationen, die das Ende des halbkreisrunden Areals, links und rechts der Straße des 17. Juni, säumen, gegen Niederschlag zu wappnen.

Ein Denken, das wirklich solidarisch

Punkt 13:00 Uhr betritt die Vorsitzende des BVL, Alexandra Maria Linder, gut gelaunt die vor dem Brandenburger Tor errichtete Bühne und begrüßt die Teilnehmer. Nach all den Jahren wissen die Veranstalter längst, dass sich der Platz erst im Laufe der Kundgebung füllt. Ein Grund sind die oft kilometerlangen Staus auf den Autobahnen rund um Berlin; dass Auswärtige häufig die Wegstrecken unterschätzen, die in es der rund vier Millionen Einwohner zählenden Metropole zu bewältigen gilt, ein anderer. Dabei sind solche Distanzen derzeit das geringste Problem der Lebensrechtler. Weit schwieriger zu überwinden, ist anderes: „Unsere Aufgabe ist es, in der Gesellschaft ein Denken zu verankern, das wirklich solidarisch ist, gegenüber Müttern im Schwangerschaftskonflikt, gegenüber Menschen in suizidalen Lebenslagen, gegenüber schwerkranken Menschen am Ende ihres Lebens, gegenüber Kindern mit genetischen Besonderheiten, die aussortiert werden sollen vor der Geburt“, erklärt Linder. „Aufgabe des Staates“ sei es hingegen, „alle diese Menschen zu schützen.“ Dann ruft die 55-Jährige die Teilnehmer auf, sich noch vor der Bundestagswahl an die Direktkandidaten ihres Wahlkreises zu wenden und sie entsprechend zu befragen.

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Im Anschluss an Linder geht der Vorstandsvorsitzende und langjährige Chefredakteur der Evangelischen Nachrichtenagentur „idea“, Helmut Matthies, hart mit der seit 1995 geltenden Abtreibungsgesetzgebung ins Gericht. Es sei „unlogisch“, wenn vorgeburtliche Kindstötungen zwar „rechtswidrig“ seien, jedoch unter bestimmten Bedingungen „straffrei“ blieben. „Wer falsch parkt, wird bestraft. Wer aber sein Kind im Mutterleib töten lassen will, darf das unter ganz bestimmten Bedingungen.“ Seit der Neuregelung fehlten Deutschland „offiziell mehr als 2,5 Millionen Geschöpfe Gottes. Unser Staat hat diese schwerste Menschenrechtsverletzung im letzten Vierteljahrhundert mit über einer Milliarde Steuergeldern subventioniert.“

Den Blick auf den Leidenden bewahren

Damit nicht genug sollten „im nächsten Jahr vorgeburtliche Bluttest von den Krankenkassen bezahlt werden. Das dürfte zur Folge haben, dass noch mehr Kinder mit genetischen Besonderheiten nicht weiterleben dürfen“. Matthies schlägt vor, sich das einmal „bildlich“ vorzustellen: „Das Leben eines kleinen Menschen in unserem Volk ist mittlerweile weniger wert, als das eines männlichen Eintagskükens.“ Denn das dürfe „ab nächstem Jahr nicht mehr geschreddert, also getötet werden“.

Was Sterbebegleitung alles vermag, die sich statt des Blicks auf das Leiden auch den auf den Leidenden bewahrt, schildert der Arzt Volker Eissing von der Hospizbewegung Papenburg am Beispiel eines Mannes, der den frühen Tod seines Sohnes lange nicht verwandt und sich, als es mit ihm selbst zu Ende geht, zunächst suizidieren will. Dank der liebe- und respektvollen Zuwendung seiner Ärzte stirbt er stattdessen eines natürlichen Todes, versöhnt mit dem Tod seines Sohnes und Gott.

Die Psychologin Sabina Scherer, vielen besser bekannt, weil sie den Podcast „Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung“ betreibt und Mitte April zusammen mit zwei anderen Lebensrechtlern zu Gast in der ZDF-Sendung „13 Fragen“ war, wird zu den Etiketten befragt, mit denen Medien Lebensrechtler gern labeln. Statt in die Opferrolle zu verfallen, geht sie in die Offensive: „Stereotypen kommen ja nicht aus dem Nichts. Ich glaube, es ist ganz wichtig und unsere Aufgabe, jetzt neue Wege zu gehen.“ Der eigenen Community empfiehlt sie, sich „zu öffnen, für alle da draußen, für die jungen Leute, die sich noch nicht repräsentiert fühlen, die vielleicht nicht katholisch und politisch konservativ sind“. Es gelte, den Menschen „ein Bild davon“ zu zeichnen, „was die Lebensschutzbewegung zusätzlich zu dem ist, was die Menschen bisher von uns dachten“. Angst brauche davor niemand nicht zu haben. „Wir haben die besseren Argumente, wir haben die Wissenschaft auf unsere Seite.“ Nun gelte es, die „Denkweise der anderen verstehen. Dann können wir auch Herzen berühren“. Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrechts für Alle (ALfA) und Mitglied des BVL-Vorstands, die Scherer interviewt, stimmt zu: „Wir haben in unserer Bewegung zwei ganz wichtige Dinge auf unserer Seite. Das eine ist die Wahrheit und das andere ist die Liebe. Wer das habe, könne „eigentlich nicht untergehen. Das wird sich durchsetzen. Davon sind wir überzeugt.“

Wie Bauch und Flaschenhals eines Bocksbeutels

Gegen 14:15 Uhr setzt sich der Marsch in Bewegung. Über die Ebertstraße geht es vorbei am „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, von den Berlinern auch kurz „Holocaust-Mahnmal“ genannt, Richtung Potsdamer Platz. Auf den ersten 500 Metern ermahnt die Polizei die Marschteilnehmer mehrfach, auf Einhaltung der vorgeschriebenen Abstände zu achten.

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Was sich leicht fordert, lässt sich nur mühsam bewerkstelligen. Zu viele der Teilnehmer strömen gleichzeitig vom Ort der Kundgebung. Und da sich der Platz des 18. März und die Ebertstraße zueinander in etwa verhalten wie Bauch und Flaschenhals eines fränkischen Bocksbeutels, haben die Ordner alle Hände voll zu tun, bis die Corona-Auflagen als erfüllt betrachtet werden können.

Über den Leipziger Platz geht es in die Leipziger Straße. Hier treffen die Lebensrechtler auf das shoppende Berlin. Einheimische und Touristen unterbrechen ihren Einkauf, bleiben auf dem Trottoir stehen und schauen den Vorbeimarschierenden zu. Viele wirken interessiert, einige nehmen neugierig oder gar sichtlich erfreut Informationsmaterial entgegen, das Ordner höflich anbieten.

Dann biegt der Marsch links in die Glinkastraße ein, um wenig später die Französische Straße zu kreuzen, wo sich diese Vorgänge nahezu identisch wiederholen. Über die Prachtallee Unter den Linden zieht der Marsch weiter, vorbei an der Botschaft der Russischen Föderation und dem Wachsmuseum Madame Tussauds.
An der Ungarischen Botschaft geht es rechts in die Wilhelmstraße, vorbei an der Französischen Botschaft, bevor der Marsch links in die Dorotheenstraße einbiegt, um zwischen Bundestag und Jakob-Kaiser-Haus hindurch wieder auf die Ebertstraße zu gelangen.

Würde des leidenden Menschen unantastbar

Ohne Zwischenfälle gelangen die Marschteilnehmer so erneut auf den Platz des 18. März. Den anschließenden Ökumenischen Gottesdienst leitet diesmal der Erzpriester der serbisch-orthodoxen Kirche, Veljko Gacic. Unter den prominenten Teilnehmern befinden sich neben Ex-Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer und dem langjährigen rechtspolitischen Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Norbert Geis, (beide CSU) auch Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer, der Augsburger Weihbischof Florian Wörner und der Vorsitzende der Evangelischen Allianz, Ekkehardt Vetter. Die Predigt hält der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt.

„Das Leben wählen“, greift Ipolt das diesjährige Motto des Marsches auf, „heißt alles für seinen Schutz zu tun, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten“. Die Tötung ungeborener Kinder könne „niemals ein Menschenrecht sein, wie es das EU-Parlament vor kurzem dargestellt und eingefordert hat“. „Wir wissen, dass das Leben des Menschen heute nicht nur am Beginn, sondern auch am Ende bedroht ist. Ist der Mensch nichts mehr wert, wenn er alt und gebrechlich ist? Mindert eine Krankheit oder ein schweres Leiden seine Würde?“, fragt der 67-Jährige und liefert die Antwort gleich mit: „Unantastbar“ sei auch die Würde des leidenden Menschen. „Denn auch in seinem Gesicht erkennen wir das große Geheimnis Mensch und das Angesicht unseres leidenden Herrn. (…) Der Mensch am Lebensende, darf niemals durch unsere Hand, wohl aber an unserer Hand sterben.“

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