Hannover/Essen/Wien

Mehrere Kirchenvertreter für Waffenlieferungen an Ukraine

Wo ein Land und seine Menschen wie in der Ukraine rohe Gewalt und blankes Unrecht erfahren, hätten Menschen alles Recht, sich zu verteidigen, so die EKD-Ratsvorsitzende Kurschus.
Debatte um Waffenlieferungen an Ukraine
Foto: IMAGO/Ying Tang (www.imago-images.de) | Militärbischof Overbeck hält es für "sittlich legitim, dass Deutschland und die Nato auch mit Waffen helfen".

Mehrere führende Kirchenvertreter haben sich in der Debatte um Waffenlieferungen zur Unterstützung der Ukraine im russischen Angriffskrieg zu Wort gemeldet. Zuletzt sprach sich die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, für die Lieferung schwerer Waffen aus. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) erklärte Kurschus am Mittwoch, sie habe zwar höchsten Respekt vor allen, die für sich selbst auf die Option der Gewaltlosigkeit setzten. Jedoch erkenne sie die jetzt beschlossenen Waffenlieferungen "als Mittel an, die Ukraine bei ihrem Überlebenskampf zu unterstützen“. Wörtlich erklärte Kurschus: "Wo ein Land und seine Menschen wie in der Ukraine rohe Gewalt und blankes Unrecht erfahren, haben Menschen alles Recht, sich zu verteidigen. Und sie haben das Recht, um Hilfe zu bitten, auch um Hilfe zur Selbstverteidigung.“

Kurschus fordert politische Strategie

Gleichzeitig forderte Kurschus aber auch eine politische Strategie, die den Einsatz der Waffen begleite. Ansonsten werde es "kein Danach geben, in dem wir wieder gut miteinander leben können“, betonte die EKD-Ratsvorsitzende. Mit Waffen allein lasse sich weder das Recht herstellen noch echter Frieden gewinnen. 

Zuvor hatte sich bereits der evangelische bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm für Waffenlieferungen ausgesprochen. Er sehe angesichts des Krieges einen Reformbedarf der evangelischen Friedensethik, schrieb Bedford-Strohm einen einem Beitrag für die in Freiburg erscheinende "Herder Korrespondenz". „Ihre Reflexion des Umgangs mit faktischer militärischer Aggression bedarf der Weiterentwicklung“, so der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Verzicht auf militärische Gewalt "noch schrecklicher"

Bedford-Strohm argumentierte: „Wenn es keine moralische Pflicht gibt, eine militärische Aggression ohne wirksame Gegenwehr hinzunehmen und damit unter der Besatzung des Aggressors zu leben, dann ist es moralisch legitim, sich mit Waffen zu verteidigen.“ Ebenso legitim sei es, ein angegriffenes Volk unter Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit in seiner Verteidigung zu unterstützen, "etwa durch Lieferung entsprechender Waffen“.

Bedford-Strohm betonte, dass militärische Gewalt zwar nie „gerecht“ und Krieg „immer eine Niederlage“ sei. Es könne jedoch auch Situationen geben, "wo der Verzicht auf sie noch schrecklicher ist“. Putins Krieg habe eine solche Situation geschaffen, so der bayerische Landesbischof. Abrüstung müsse insgesamt das Ziel bleiben. Gleichzeitig nannte der frühere EKD-Vorsitzende es ein „fatales Zeichen“, dass die Ausgaben der Bundesregierung für Rüstung stiegen, während zeitgleich der Entwicklungsetat gekürzt werde.

Ukraine nimmt Recht auf Selbstverteidigung wahr

Zuvor hatte bereits der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck Waffenlieferungen zur Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland verteidigt. Es sei aus christlicher Sicht geboten, dass Deutschland den ukrainischen Truppen auch mit Waffen helfe, erklärte der katholische Militärbischof am Samstag im Gespräch mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ).

Nach Ansicht Overbecks, der als Militärbischof auch oberster katholischer Seelsorger für alle deutschen Soldaten ist, nehme die Ukraine ihr Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch. „Daher ist es sittlich legitim, dass Deutschland und die Nato auch mit Waffen helfen“, so der Essener Bischof. Solidarität mit den Menschen in der Ukraine und mit den Geflüchteten sei nun geboten.

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Gleichzeitig warnte Overbeck jedoch vor einer Ausweitung des Krieges, vor allem angesichts der zunehmenden Forderungen nach Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine. Zwar sei die Gewalt, mit der Russland die Ukraine verwüste, „durch nichts zu rechtfertigen“. Sollte die NATO aber tatsächlich in den Krieg eingreifen, „ergeben sich womöglich Folgen, die nicht mehr beherrschbar sind, etwa der Einsatz atomarer, biologischer oder chemischer Waffen“. Dies müsse unter allen Umständen vermieden werden.

Töten nur als Abwehr oder Notwehr zulässig

Zuvor hatte sich bereits Österreichs Militärbischof Werner Freistetter zu der Frage eines legitimen Einsatzes von Waffengewalt im Krieg geäußert. Töten sei aus katholisch-theologischer Sicht nur als Abwehr oder Notwehr zulässig, mahnte Freistetter in einem Interview für das Ö1-Religionsmagazin „Praxis“.

„Ich darf einen Angriff auf mich oder Schutzbefohlene abwehren.“ Die Intention dabei sei nicht gleich das Töten, sondern das Abwehren. Es gebe dabei aber auch Situation, in denen der Tod des Angreifers eintrete, „und das ist bei den militärischen Mitteln, die eingesetzt werden, wohl sehr oft der Fall“, so der Bischof. In einer weiteren Stellungnahme betonte er: „Die Überzeugung, dass Krieg immer ein Übel und wegen seiner verheerenden Auswirkungen nicht als Mittel der Politik zur Erreichung nationaler Interessen zulässig ist, stellt eine entscheidende Einsicht christlicher Ethik dar.“  DT/mlu

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